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Social Media "Gab" ist neben "Parler" eine weitere Plattform für Rechtsextreme - und sie ist verstörend

Große Plattformen wie Twitter sperren Verschwörungsaccounts, beispielsweise von Anhängern der Alt-Right-Bewegung, Darum bekommen alternative Plattformen massiven Zulauf. Eine davon ist "Gab". Wir haben uns dort angemeldet - und waren schockiert.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 12.01.2021

Screenshot Social Network Gab: Good Morning, Patriots | Bild: Screenshot Gab

So, das sieht erstmal relativ harmlos aus. Profil, Name, Emailadresse, Passwort, Passwort bestätigen. Willkommen bei Gab!

"Gab is the home of free speech online and the place where users shape their own experience!"

Begrüßung bei Gab

Auf den ersten Blick wirkt Gab wie ein ganz normales soziales Netzwerk. Die Benutzeroberfläche - eine Mischung aus Reddit und Twitter – und zusätzlich zu einem Newsfeed gibt es auch Gruppen, denen ich beitreten kann.

Ab in den Kaninchenbau

"Find your people. Gab groups are a great way to connect with people, who share your interests", heißt es. Nun: Gruppen wie QAnon and the Great Awakening gibt’s hier gleich mit 134.000 Mitgliedern. Rock und Metal gibt's auch. Hier ist noch eine: Trump 2020 QAnon Supporters, aber auch Gamer. Oh, Christian Music! Ja, das werde ich auch direkt mal joinen. Ich bemühe mich um eine recht diverse Auswahl, betrete die größte Gab-Gruppe: QAnon, the Great Awakening, dazu noch eine Kochrezepte-Gruppe und eine, die den Titel "Manly Men of Gab" trägt – und fertig ist meine Registrierung.  

Wo Männer noch Männer sein dürfen

So jetzt bin ich drin! Null Beiträge, das sieht ein bisschen aus wie bei Twitter. Null Follower, aber ich folge drei Personen, nämlich: Gab Help, How May I Help You und Andrew Torba. Andrew Torba ist der Gründer von Gab, noch keine 30 Jahre alt und ziemlich rechtskonservativ - mindestens. Sein Titelbild: Ein Gemälde mit zwei Kreuzrittern. Und er begrüßt mich in meinem Gab-Feed auch gleich mal mit einem 20-minütigem "Welcome to Gab"-Video:

"Für alle, die noch nicht so viel über uns wissen: Ich habe mit Gab im August 2016 angefangen, kurz vor der Wahl von Präsident Trump. Ich habe damals im Silicon Valley gelebt und gearbeitet und da habe ich den Aufstieg der Online-Zensur hautnah miterlebt."

Mit dem Sturm aufs US-Kapitol wollen sie aber nichts zu tun haben

Andrew Torba präsentiert Gab als Plattform, auf der man noch sagen darf, was man denkt, als "Home of free speech". Und schon im Begrüßungsvideo thematisiert er den Marsch auf das Kapitol und rechtfertigt sich: Er behauptet, dass Gab nichts damit zu tun hatte:

"Wisst ihr die Medien, die beschuldigen sofort Gab. Obwohl sie gar keine Beweise haben, tun sie so, als ob Gab der Ort sei, an dem Gewalt organisiert wird. Aber das stimmt überhaupt nicht. Wir tolerieren keine Gewalt. Das war schon immer so. Und wir gehen sofort gegen sie vor."

Welche User tummeln sich auf "Gab"?

Gab, so scheint es, ist die knallharte Alternative für alle, die von Twitter und Facebook angepisst sind, seitdem die Silicon Valley Trump aus "stumm" geschaltet haben. Laut Torba haben sich allein in der vergangenen Woche fünf Millionen Menschen auf Gab neu registriert haben. Aber wer sind DIE?

Ich scrolle mich ein bisschen durch die Posts – und suche erstmal nach deutschen Gruppen. Die größte heißt: "DEUTSCH!" Alles groß geschrieben.

Der erste Post ist von einem Account namens "DEUTSCHER" und lautet so: "Ein herzliches Willkommen in der Deutsch-Group bei Gab an die fast 2.000 Vertriebenen, die den digitalen Holocaust überlebt haben. Hier könnt ihr erstmal Ruhe finden und über dieses neue Phänomen digitaler Faschismus nachdenken."

Ohne Holocaust-Vergleiche geht nichts

Keine zwei Minuten drin und schon muss ich also den ersten miesen Holocaust-Vergleich aushalten. Die meisten Gab-Nutzer sind mit Pseudonymen unterwegs – kein Wunder, wenn man eine Sperre auf Twitter mit der Ermordung von sechs Millionen Juden vergleicht. Auf Gab postet aber auch das Who-is-Who der rechten Szene: Politiker von der AfD und der Republikanischen Partei, Identitäre wie Martin Sellner, rechte Blogger, Netzaktivisten, ein paar Proud Boys und viele, viele anonyme Profile mit Nationalflaggen, Jesus-Bildern oder QAnon-Symbolen. Der größte Gab-Account trägt den Namen von Donald Trump. Und was posten diese Accounts so? "Noah galt auch als Verschwörungstheoretiker. Doch dann hat es angefangen zu regnen." Oder zum Beispiel: "Bill Gates hat es bestätigt: Der Corona-Impfstoff wird dabei helfen, die Weltbevölkerung zu dezimieren."

Irre Parallelwelten

Und so geht der Irrsinn weiter. George Floyd sei nur ein Krimineller, der den Tod verdient hat. Die Black-Lives-Matter-Bewegung eigentlich anarchistische Kommunisten, Amerika ist am Rande des Zusammenbruchs.

Nach zwei Stunden stecke in einer mir völlig fremden Parallelwelt fest. Wenn Twitter Accounts von Rechten sperrt, die andere Menschen mit Hass oder Gewaltandrohung überziehen, dann gehen sie einfach woanders hin. Viele feiern sich sogar noch für ihren Ausstieg, präsentieren die Anzahl der Sperrungen durch Silicon-Valley-Konzerne wie Medaillen auf ihren Profilen.

Die Vernetzung geht weltweit

Martin Sellner, Sprecher der rechtsextremen identitären Bewegung in Österreich, bettelt auf Gab um Gefolgschaft. Er postet: "#Deutsche Gab – ich folge jedem, der das liked." Immerhin: die rechte Vernetzung auf Gab dauert sehr lange. Denn die Gab-Server sind, zumindest im Moment noch, extrem langsam und ständig überlastet. Jeder Klick braucht fünf Minuten – und am Ende meines Tages auf Gab heißt es: Sorry, die Server sind down, wir machen gerade Wartungsarbeiten. Ich logge mich erleichtert aus und hoffe, dass das noch eine ganze Weile so bleibt.


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