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Vom Connaisseur bis zum Romantiker Welcher Typ bist du? Für wen Bands Coveralben aufnehmen

2020 erschienen ungewöhnlich viele Coveralben. Daran ist – wie an so vielem – auch Corona schuld: Die Musiker*innen brauchen Geld und/oder wollen einfach etwas tun. Da ist Covern eine schnelle Lösung. Roderich Fabian hat sich durch die Veröffentlichungen gehört und festgestellt, dass es da ganz verschiedene Kategorien gibt.

Von: Roderich Fabian

Stand: 02.12.2020

Schallplatten (Zeichnung) | Bild: colourbox.com / BR

1. Covern für Connaisseure/Connaisseusen

Die Band Lambchop hat kürzlich das Album „Trip“ veröffentlicht. Darauf: Sechs längliche Coverversionen von Songs, die kaum einer kennt. Jedes Bandmitglied durfte einen Song aussuchen. Und so haben die Musiker versucht, sich durch die Auswahl von besonders speziellen Songs gegenseitig an Expertise zu übertrumpfen. Es finden sich hier Versionen eines ominösen Motown-Hits, die Neufassung eines eher unbekannten Songs von Yo La Tengo und sogar ein Stevie Wonder-Cover! Alles schwer abgehangenes Zeug. Stevie Wonders „Golden Lady“ war im Original von 1973 eher ein obskurer Albumfüller, der jetzt durch die Lambchop-Stimme Kurt Wagners sozusagen zu altem Adel aufsteigt.

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Lambchop - Golden Lady (Official Audio) | Bild: Lambchop (via YouTube)

Lambchop - Golden Lady (Official Audio)

In dieser Form ist ein Coveralbum eher ein Klopfen auf die eigene Schulter, allerdings geht das auch noch krasser:

2. Covern für Stimmungskanonen

Kim Wilde – „Kids in America“: Niemand hat auf eine Coverversion dieses 80er-Jahre-Heulers gewartet, aber jetzt, wo er da ist, sollten wir uns freuen. So denkt sich das jedenfalls Billie Joe Armstrong, der Frontmann von Green Day. Seit Beginn der Pandemie lädt Armstrong fast jeden Montag eine Coverversion auf Youtube hoch, optisch verziert mit ein bisschen Zeichentrick oder verwackelten Liveaufnahmen. Motto der Serie, die jetzt auch als Album erscheinen ist: „No Fun Mondays“. Armstrong klappert dabei Songs ab, die ihn geprägt haben: Punk-Klassiker von The Clash oder Stiv Bators oder Pophits wie „I Think We’re Alone Now“ oder eben „Kids in America“.

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Billie Joe Armstrong of Green Day - Kids in America (No Fun Mondays Cover) | Bild: Green Day (via YouTube)

Billie Joe Armstrong of Green Day - Kids in America (No Fun Mondays Cover)

Eigentlich verwandelt Billie Joe alle Originale in feuchte, dampfende Green-Day-Klopper - das ist dicke Hose vom Feinsten - so haben das die Toten Hosen auch schon immer gemacht. Wer aber mehr Respekt für die Vorlagen einfordert, für den gibt es:

3. Covern für Fans

Hier covert nicht eine Band viele andere Bands. Sondern viele Bands covern eine. Denn auch wenn es Rio Reiser und seine ehemalige Band Ton Stein Scherben schon seit Jahrzehnten nicht mehr gibt - die Legende lebt. Und deutsche Popmusikanten werden nicht müde, Rios Heuler von damals immer wieder aufzunehmen. Zuletzt auf der Zusammenstellung „Wir müssen hier raus“. Da covern mehr oder weniger kredible Bands von Fehlfarben bis Slime, von Rocko Schamoni bis zur Höchsten Eisenbahn den Berliner Existenzialismus der 70er Jahre. Man hält sich sozusagen an der unschlagbaren Liebe der Originale fest, die man eh nicht erreichen kann. Denn ehrenwert bleibt es ja trotzdem, an einen der wenigen deutschen Sänger zu erinnern, auf die sich inzwischen fast alle einigen können.

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NEUFUNDLAND - HALT DICH AN DEINER LIEBE FEST (Ton Steine Scherben) | Bild: Neufundland (via YouTube)

NEUFUNDLAND - HALT DICH AN DEINER LIEBE FEST (Ton Steine Scherben)

So ein bisschen billiger Jakob ist es ja schon, geht es nicht ein bisschen ambitionierter?

4. Covern für Romantiker*innen

Die beste Musik kommt immer aus der Zeit, in der man selber jung gewesen ist. Als „Playground Love“ von Air im Jahr 2000 herauskam, war die britische Marika Hackman gerade mal acht Jahre alt. Aber der Corona-Lockdown hat bei ihr dafür gesorgt, dass sie die Zeit für reif empfunden hat, diesen Song - aber auch solche von Beyoncé oder Elliott Smith - für das aktuelle Album „Covers“ aufzunehmen. Alles hier klingt nach zarter Annäherung, nichts nach Anbiederung. Irgendwie ist die Sehnsucht herauszuhören, die Marika Hackman empfindet, wenn sie diese Songs hört oder singt.

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Marika Hackman - Playground Love | Bild: Marika Hackman (via YouTube)

Marika Hackman - Playground Love

Wem das alles zu eskapistisch ist, für den gibt es aber auch:

5. Covern für Aktivist*innen

1966 vermischten die sonst eher als Softies verschrienen Simon & Garfunkel das Lied „Stille Nacht“ mit den 19-Uhr-Nachrichten, in denen von Mord und Totschlag und dem Krieg in Vietnam die Rede war. Es war ein Protest gegen die weihnachtliche Gefühlsduselei. Nun gibt es den Song in aktualisierter Form wieder. Gecovert hat ihn die amerikanische Sängerin Phoebe Bridgers auf einer Weihnachts-EP mit dem Titel „If We Make It Through December“. In der neuen Version geht’s in den Nachrichten um Sexting, Abtreibungsgegner und Donald Trump. Phoebe Bridgers gelingt es also, ausgerechnet auf einer Weihnachtsplatte ganz uneitel politisches Bewusstsein zu verbreiten - etwas Besseres kann man mit einer Coverversion eigentlich nicht erreichen.

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Phoebe Bridgers (featuring Fiona Apple and Matt Berninger) - 7 O'Clock News / Silent Night | Bild: Dead Oceans (via YouTube)

Phoebe Bridgers (featuring Fiona Apple and Matt Berninger) - 7 O'Clock News / Silent Night


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