Bayern 2 - Zündfunk

Generator Podcast Fünf Gründe, warum die Comedy weiblicher werden muss

Frauen haben auch 2022 noch wenig Sichtbarkeit - in der Wissenschaft, im Rockbusiness und auch in der Comedy. Wir brauchen mehr weiblichen Humor, sagt Nicole Ficociello. Warum? Dafür gibt es viele gute Gründe. Hier kommen fünf.

Von: Nicole Ficociello

Stand: 01.04.2022

Enissa Amani bei "Hart aber fair", 2018 | Bild: picture alliance / Horst Galuschka/dpa | Horst Galuschka

Grund 1: Mehr Frauen, mehr Vielfalt - weniger Klischees!

Die Zeiten, in denen Frauen auf der Comedy-Bühne entweder als Putzfrauen oder mit einem Pianisten zusammen auftraten sind vorbei - und das ist gut so. Damit mehr Perspektiven sichtbar werden, wir uns mit den Menschen auf der Bühne identifizieren können, junge Menschen Vorbilder haben. So hat zum Beispiel auch Enissa Amani einen Nerv getroffen, als sie 2013 mit Comedy anfing: "Ich erinnere mich daran, als ich angefangen habe, haben mir viele Comedians geschrieben: endlich mal eine, die auch im Kleidchen ist. Weil wir haben uns vorher irgendwie nicht getraut, weil wir haben das Gefühl, die Frauen, die irgendwie als Stand-uperinnen auftreten, müssen immer möglichst nach diesem alten Bild männlich auftreten.” Inzwischen geht Vielfalt über Kleidchen hinaus: Tahnee macht auf der Bühne 1-A-Stimmimitationen und keine Lesbenwitze, Nicole Jäger darf mehr als ihren Körper thematisieren und Enissa Amani oder Parshad Esmaeili werden nicht mehr nur auf ihre migrantischen Wurzeln reduziert.

Grund 2: Anderes Geschlecht, andere Themen

Das sieht man zum Beispiel bei Ali Wong. Die Komikerin kommt hochschwanger auf die Bühne, macht Witze über Geburten und darüber, wie ätzend Sex ist, wenn man ihn hat, um schwanger zu werden. Und sie legt den Finger in Wunden: "Es ist sehr selten und unüblich eine schwangere Komikerin auf der Bühne zu sehen. Weil: Komikerinnen werden nicht schwanger. Wenn sie schwanger werden, dann verschwinden sie normalerweise. Bei männlichen Komikern ist das nicht so. Wenn die ein Baby bekommen, gehen sie eine Woche später auf die Bühne und sagen: “Hey Leute, ich hab dieses krasse Baby bekommen, das Baby ist ein kleines Dreckstück, es ist so nervig und langweilig.” Auch das Thema Menstruation hat es längst auf die Comedy-Bühne geschafft. Zum Beispiel im Programm der Schweizer Kabarettistin Hazel Brugger.

Diese neue Themenvielfalt hat die Macht, Comedy zu verändern, sagt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Nele Sawallisch und erklärt das am Beispiel der an Brustkrebs erkrankten US-amerikanischen Komikerin Tig Notaro: “Und dann hat sie ihr T-Shirt ausgezogen, während sie ihr Programm abgespielt hat. Und das Publikum hat gesehen, dass sie quasi beide Brüste abgenommen hatte. Und so hat sie weiter performt auf der Bühne, ohne das sie es quasi groß nochmal thematisiert hat. Das war ein ganz radikaler Moment, wo man gemerkt hat, jetzt verändert sich gerade etwas an der Art und Weise wie Stand-up-Comedy gemacht wurde."

Grund 3: Tabus werden gesprengt, Schamgrenzen verschoben

Carolin Kebekus veröffentlichte 2021 das Buch "Es kann nur eine geben", in dem sie mehr Sichtbarkeit für weibliche Comedians forderte

Menstruationsblut, Muttermilch, Zervixschleim - was aus einem weiblichen Körper kommt, ist in unserer Gesellschaft tabuisiert oder klinisch blau gefärbt wie Menstruationsblut in der Binden-Werbung. Beispiel Fäkalhumor, bei männlichen Comedians ein schon sehr lange sehr etabliert Bereich. Carolin Kebekus furzte sich in der ersten Staffel der Amazon Prime-Serie “Last One Laughing” in die Herzen vieler Zuschauenden. Das Konzept der Show: Wer zuletzt lacht, gewinnt. Um ihre Kolleginnen und Kollegen schnell zum Lachen zu bringen, performt Carolin Kebekus besondere Fürze, nach Anleitung. Dr. Nele Sawallisch erklärt: “Das ist sozusagen eine Form von Aneignung. Weibliche Comedians verkehren Scham ins Gegenteil. Ich mache einen Joke draus, alle können mitlachen und dann vielleicht darüber nachdenken, was es eigentlich bedeutet, wenn man als Frau ständig diese Scham empfinden muss über völlig natürliche, körperliche Vorgänge.”

Grund 4: Mehr Frauen, weniger Sexismus

Aus psychologischen Studien und von anderen Branchen weiß man: Je höher der Frauenanteil in einer Gruppe, desto geringer die so genannte “toxische Männlichkeit”. Desto weniger Sexismus gibt es. Und das täte der Comedy-Branche gut. Die MeToo-Bewegung ging 2018 auch über die Stand-up-Bühnen. Mutige Betroffene und Zeitungen brachten sexuelle Übergriffe ans Licht - von Komikern wie Louis C.K. oder Aziz Ansari. Trotzdem hat sich die Branche durch Metoo nicht verändert. Das zeigt eine Recherche des Magazins “The Hollywood Reporter” von November 2021. So seien viele Männer trotz heftiger Vorwürfe davongekommen, würden weiterhin gut gebucht und von ihren Fans noch stärker unterstützt. Die Frauen, die eine sexuelle Belästigung öffentlich machen, würden dagegen weniger gebucht und ihnen werde Cancel Culture vorgeworfen.

Grund 5: Die Machtfrage

Wer andere zum Lachen bringt, hat die Macht über sie, kontrolliert sie. Wie machtvoll so ein Moment sein kann, sieht man auch sehr deutlich bei Hannah Gadsby, in ihrem Comedy-Programm “Nanette” auf Netflix. Die queere Komikerin aus Australien erzählt auf der Bühne, dass sie ihren Job als Komikerin so gut beherrscht, weil sie weiß, wie sie die Spannung im Publikum kontrollieren muss, damit sie an den richtigen Stellen Lacher erntet. Und das beweist Hannah Gadsby. Sie redet sich auf der Bühne in Rage über Männer wie Bill Cosby und Harvey Weinstein und darüber, dass der Ruf dieser Männer in unserer Gesellschaft ein höheres Gut sei als Menschlichkeit. Das ist nicht lustig, das ist sehr ernst. Und das Publikum wirkt wie versteinert. Doch dann löst Hannah Gadsby die Anspannung auf - und lässt die Menschen lachen. Gadsby nutzt ihre Macht auf der Bühne dazu, dem Publikum zu vermitteln, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu sein, Gewalt zu erfahren. Das ist schmerzhaft und überhaupt nicht lustig. Aber wichtig. Denn auch indem wir erzählen, können sich Machtverhältnisse langfristig ändern.

Mit einem Klick auf das Bild startet Ihr die Sendung. Und hier könnt Ihr den Generator-Podcast abonnieren!