Bayern 2 - Zündfunk


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Fridays for Future Aktivistin im Interview „Ich hoffe, dass der Danni das Symbol der Verkehrswende wird.“

Die Aktivistin Lene von Fridays for Future organisiert die Proteste im Dannenröder Wald mit. Sie hat mit uns über Polizeigewalt und Gesetzgebung gesprochen und verrät, warum die Aktivist*innen seit einem Jahr nicht aufgeben.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 19.11.2020

Protestierende im Dannenröder Wald | Bild: picture alliance/dpa

Seit dem 10.11. werden Klimaaktivist*innen im hessischen Dannenröder Wald polizeilich geräumt. Der Wald soll gerodet werden für den Ausbau der Autobahn A49. Seit dem 1. Oktober protestieren Klimabewegungen wie Fridays for Future gegen dieses Verkehrsprojekt. Aktivistin Lene organisiert diese Proteste mit.

Zündfunk: Wann warst du das letzte Mal im Danni?

Lene: Diesen Sonntag. Ja und dieses Wochenende war das erste Wochenende, wo im Danni geräumt wurde und die Polizei auch im Wald war. Und das waren ziemlich viele Hundertschaften, die Teile vom Wald eingekesselt haben. Am Sonntag, also an einem Tag, wo man normalerweise nicht so viele arbeitende Menschen erwartet. Es war Waldspaziergang wie jeden Sonntag und es war das erste Mal, dass die Menschen, die da öfter sind, die Polizei erlebt haben. Und an dem Tag gab es auch einen ziemlich schlimmen Vorfall, da ist morgens ein Seil gekappt worden von einem Tripod, auf dem ein Mensch saß. Der ist aus drei Metern Höhe runtergefallen und auf der Intensivstation gelandet. Und später hat sich auch ein Polizist für schuldig erklärt.

Du sprichst den Vorfall an, als am frühen Sontnagmorgen eine Frau ein paar Meter in die Tiefe gestürzt ist. Wie hast du das erlebt?

Ich habe an dem Infopoint im Camp gesessen, als die Nachricht kam. Und dann sind die Sanitäter gleich los. Es war mega-viel Aufregung, weil sich alle gefragt haben: Was passiert hier gerade? Wieso ist hier plötzlich ein Menschenleben in Gefahr?

Weißt du, wie es der Frau gerade geht?

Ich habe nicht viele Informationen. Es ist ja generell sehr anonym und man kennt die Menschen nicht immer. Zu der Frau persönlich habe ich keinen Kontakt, aber ich glaube, es geht ihr den Umständen entsprechend gut.

Also dieser Tripod muss man ein bisschen erklären: Das sind so dreibeinige Podeste, auf denen die Demonstranten sitzen. Und das war mit einem Seil festgemacht – wo die Polizei dann gesagt hat, sie wussten nicht, dass das damit zusammenhängt, als sie es gekappt haben. Ihr wiederum sagt: Die wussten das schon?

Ja. An den Seilen hängen immer Schilder, auf denen steht: Wenn ihr dieses Seil durchschneidet, stirbt ein Mensch. Das ist eigentlich immer ausgeschildert. Denn es ist ja nicht das Ziel, dass sich jemand verletzt, sondern dass die Polizei anders handelt. In dem Fall ist das leider gescheitert.

Die Rodung des Dannenröder Forsts ist ja legitim. Also führt die Polizei das aus, was vom Staat beschlossen wurde. Ihr sagt jetzt, dass das ein friedlicher Protest ist. Es heißt aber auch, dass die Demonstrant*innen immer wieder zur Gewalt gegen die Polizei aufrufen. Es heißt, die werden auch mit Scheiße beworfen und mit Steinen.

Erstmal zum Punkt: „legitim“. Das Bundesverwaltungsgericht hatte das ja, nachdem es mehrere Klagen gab, im Juli auch nochmal entschieden. Und eigentlich stand da auch drin, dass das Projekt den Wasserrichtlinien der EU widerspricht. Aber auf Grund von irgendwelchen formalen Gründen hat der Richter entschieden, dass die Klage abgewiesen wird. So ganz ist das rechtlich nicht geklärt wegen dem Trinkwasserschutzgebiet. Und es gibt den Artikel 20a im Grundgesetz, der festlegt, dass die Lebensgrundlage für zukünftige Generationen gesichert werden muss. Einen gesunden Mischwald abzuholzen ist also etwas, was dem Grundgesetz widerspricht. Und was den zweiten Punkt angeht, das ist super bedauerlich. Ich selbst verurteile das auch. Es sind sehr wenige Menschen, die gewaltbereit sind. Es sind mehrere hundert Menschen im Wald und vielleicht drei oder vier neigen vielleicht zu Gewalt. Es ist aber eben autonom. Es wird zwar diskutiert, aber es gibt niemanden, der sagt: Das dürft ihr und das nicht.

Hast du dich selber gefragt, warum du das eigentlich machst? Warum protestiert ihr, wenn letztlich klar ist, dass ihr die Bagger nicht aufhalten könnt?

Das wissen wir ja nicht, das ist die letzte Hoffnung. Ich würde sagen, das ist ein Symbol. Der Hambacher Forst war ein Symbol für die Energiewende und wir erinnern uns an solche Bilder. Ich hoffe, dass der Danni das Gleiche für die Verkehrswende wird. Wenn zum Beispiel nochmal für irgendein ziemlich unsinniges Verkehrsprojekt ein Wald gerodet wird, erinnert man sich vielleicht an diesen Moment und denkt: Wollen wir das wirklich oder überlegen wir uns eine Alternative?

Ihr protestiert ja jetzt schon fast seit einem Jahr. Wie erhält man den Spirit dauerhaft aufrecht?

Die Menschen, die dort leben, für die ist es das Zuhause geworden. Die Menschen dort haben nichts Anderes mehr. Und für sie ist es voll schwierig, wenn die Rodung jetzt anfängt. Und auch für mich, die immer wieder hinfährt, ist es schön. Man ist zusammen dort mit Menschen, die ähnliche Interessen haben, und alle halten zusammen. Das ist ein super schönes Gefühl.

Was ist deine Prognose, wie es weitergehen wird?

Die Polizei hat ja im Oktober angefangen, im Maulbacherwald und im Herrenwald zu roden. Und seit letzter Woche sind sie jetzt im Dannenröder Wald. Jeden Tag sind gerade hunderte von Polizisten dort, die dort räumen und damit die Voraussetzung schaffen, das gerodet werden kann. Die sind aber relativ langsam und sagen auch, dass es relativ zäh vorangeht. Das hat mir schon ein Glücksgefühl gegeben, denn das ist ja genau das, was wir wollen – das Ganze zu verzögern.


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