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Free The Nipple-Bewegung "Dass Menschen mich sexualisieren, ist nicht mein Problem"

Eine Französin muss in Berlin laut Polizei an der Plansche ihre Brüste bedecken. Nach dem Vorfall finden Protestaktionen der Free The Nipple-Bewegung statt. Die Aktivist*innen sagen: erst wenn alle, Männer und Frauen, ihre Nippel zeigen dürfen, haben wir wahrhaftige Gleichberechtigung erreicht.

Von: Anne Baum

Stand: 09.07.2021

Feministische Protestaktion mit dem Banner "Free The Nipple" | Bild: picture-alliance/dpa

Auf den ersten Blick ein komischer Anblick. Aber auf dieser Internet-Seite leuchten mir tatsächlich Nippel entgegen. Genauer gesagt Fotos. Von 30 Nippeln, die alle kunstvoll in Szene gesetzt sind. Und wenn ich auf die Nippel draufklicke werden Töne abgespielt.

Ode an die Nippel

Die Internet-Seite nennt sich Nippelpiano. Sie ist eine digitale Performance vom Heartchor aus Berlin, gedacht als eine Ode an die Nippel. Erzählt Nippelpiano-Organisatorin und Leiterin des Heartchors, Britta: "Das Problem ist ja am Nippelzeigen, dass es sexualisiert wird. Ich finde an den Bildern, die wir liebevoll gezeigt haben, dass da gar nichts sexualisiert wird. Es sind einfach nur schöne Darstellungen von unterschiedlichen Nippeln."

"All Nipples Are Beautiful"

No Nipples are free until all nipples are free. Das ist nicht nur das Motto des feministischen Chors, sondern auch das einer Protestwelle, die gerade durch Berlin schwappt. Für Samstag ist zum Beispiel eine Fahrrad-Demo unter dem Motto "All Nipples Are Beautiful" angemeldet.

Aber was soll die ganze Nippel-Aufregung in der Hauptstadt? Auslöser ist die Französin Gabrielle Lebreton – genauer: Das, was ihr letzte Woche passiert ist. Es hat 35 Grad – Gabrielle sitzt zusammen mit einem Freund, seiner 3-jährigen Tochter und ihrem 6-jährigen Sohn an der Plansche. Und weil es heiß ist, beschließt sie, sich "oben ohne" zu sonnen.

"Dann sind schnell zwei Parkaufseher angekommen und haben von mir gefordert, einen BH anzuziehen. Und da hat alles angefangen. Ich habe gefragt, warum, und die haben gesagt, dass sei kein FKK-Bereich. Dann habe ich gesagt, ich trage eine Badehose. Ich habe viel diskutiert und dann haben wir gemeinsam beschlossen, die Polizei anzurufen", erzählt Gabrielle.

Die Polizei sagt zu Gabrielle, sie soll entweder einen BH anziehen oder verschwinden. Das Argument: "Hier sind Kinder! Ein Verstoß gegen Paragraph 118, Belästigung der Allgemeinheit!"

Stress im Freibad

"Ich war total im Stress, total erstaunt, wie die Polizei da reagiert hat", erzählt Gabrielle danach. "Aber komischerweise war ich auch bestimmt. Ich wusste, für mich war klar, dass ich Recht hatte. Ich wusste: Das war unfair und ungerecht. Ich bin so ein Mensch wie andere Menschen und Punkt. Dass Menschen mich sexualisieren, ist nicht mein Problem, dass sie ihre Erregungen nicht beherrschen können. Ich müsste eigentlich davor geschützt werden."

Gabrielle erstattet Anzeige gegen die Ordnungshüter – und ist so der Auslöser für die Gleichberechtigungsproteste in Berlin. Sie kann nicht nachvollziehen, warum sie sich am Planscher nicht so zeigen kann, wie sie will.

Wie nackt darf Bayern?

Aber wie ist das eigentlich genau geregelt? In Bayern ist das mit den Nippeln Privatsache. Ob man "oben ohne" sein darf, hängt vom Bademeister ab – und von den Ordnungshütern. Und auch die Meinungen über das Recht auf freie Nippel, gehen hier in Bayern doch ein bisschen weiter auseinander als in Berlin.

Gabrielle Lebreton sieht die ganze Aufregung jedenfalls gelassen. Sie will nicht im Mittelpunkt stehen, berühmt werden und nimmt deshalb auch nicht an den Protesten Teil. Aber sie will vor Gericht gehen und dort für Gleichberechtigung kämpfen: "Ich wünsche mir, dass die Frauen beschützt werden. Ob beim Joggen oder Frisbee spielen. Wir müssen vom Gesetz geschützt werden. Wir müssen mutig bleiben."

Der Nippel als normaler Teil des Körpers

Bei "gleicher Brust für alle" geht es nicht darum, dass alle Frauen jetzt oberkörperfrei rumlaufen und ihre Nippel zeigen sollen. Es geht darum, dass Frauen es dürfen. Weil das Gleichberechtigung ist. Weil jeder tragen soll, was er will: BH, Kopftuch, oder eben Oberkörper frei. Diverse Kunstaktionen, wie zum Beispiel Heartchor aus Berlin versuchen, darauf aufmerksam zu machen. Dass es bei Nippeln nicht immer automatisch um Sex gehen darf. In diesem Sinne: Free the Nipple!


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