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"No Man's Land" von Frank Turner Frank Turner macht Album und Podcast über 13 Frauen - und geht damit am Problem vorbei

Frank Turner ist ein angesehener Songwriter, er spielt in ausverkauften Hallen. Jetzt hat er mit "No Man's Land" ein Album über Geschichten von Frauen gemacht. Das ist nett. Bringt uns aber kein bisschen weiter, kommentiert Thomas Mehringer.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 16.08.2019

Frank Turner steht mit verschränkten Händen Backstage bei einem Festival in Oxfordshire | Bild: picture-alliance/dpa

Frank Turner ist wirklich niemand, der sich groß aufspielen würde. Er ist ein kluger, ganz netter und erfolgreicher Songwriter, mit einem hohem Output an Songs und Alben. Die meisten seiner Konzerte sind ausverkauft. Er wurde mal als der britische Bruce Springsteen gefeiert. Er kommt vom Punk, die Working Class ist ihm wichtig – und jetzt auch Frauen. "Ich habe kein Problem damit, dass mich Menschen als Feministen sehen. Natürlich nicht. Das ist toll. Aber gleichzeitig will ich nicht hier sitzen mit einem Shirt, wo draufsteht „Ich bin ein Feminist“ und es jedem ins Ohr schreien. Das wäre widerlich. Ich will es implizit mit meinen Taten zeigen."

Das neue Album des Inkognito-Feministen heißt „No Man’s World“ und erzählt auf 13 Tracks 13 Geschichten von Frauen aus der Geschichte und ihren außergewöhnlichen Taten. Von der byzantischen Prinzessin ("The Hymn Of Kassiani") bis hin zu der Gospelsängerin ("Sister Rosetta"), die Elvis und Johnny Cash inspiriert hat.

"Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich keine Stimmen verdränge"

So weit, so nachvollziehbar. Frank Turner versteht sich als Songwriter im engsten Sinne, als Geschichtenerzähler, hier erzählt er Geschichten von Frauen. Nur war mein Gefühl beim ersten Mal Hören seiner neuen Platte: Warum muss ausgerechnet ein Mann diese Geschichte hochtauchen? Was verfolgt er oder seine Plattenfirma wirklich für ein Ziel? Wo ist die Hidden Agenda?

Nicht falsch verstehen, ich will, dass diese Geschichten wie von der ersten arabischen Feministin ("The Lioness") erzählt werden. Ich bin für mehr Sichtbarkeit und bin auch total bei Turners These, dass wir mehr von diesen historischen Taten wüssten, wenn sie von Männern stammen würden. Ich selbst würde mich nicht wehren, wenn mich jemand "Feminist" nennt. Und doch hätte ich ein weitaus besseres Gefühl, wenn eine Frau dieses Album gemacht hätte – oder gar niemand. Ich denke, ein Stück weit geht hier bei mir der Mansplaining-Alarm an. Die Sirene schrillt laut und grell bei mir. Und auch Turner selbst hat sie schon gehört. Er rechtfertigt sich so: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich keine anderen Stimmen verdränge. Zum einen weil niemand anderes diese Geschichten erzählt und zweitens weil wir in einer Welt von Spotify leben und mein Release es nicht verhindert, dass jemand anderes auch Songs dazu veröffentlicht. Ich wollte einen Beitrag zur Debatte leisten und keine anderen Stimmen verdrängen oder die Führung der Parade übernehmen. Ich bin der, der vom Straßenrand der Parade zujubelt."

Seine Rolle und die Situation schätzt Frank Turner also durchaus richtig ein. Aber welche Perspektive kann er eigentlich einnehmen in der Debatte? Er hat keine Diskriminierungserfahrung, wie es viele der Frauen haben, die er besingt – die auch nur Frauen nachvollziehen können. Was er hat: einen Plattenvertrag. Den haben viele Songwriterinnen nicht.

Männer verkaufen sich besser - sagen Männer

"Ein weiter Punkt ist: Ich bin Songwriter. Ich mache Platten. Das ist es, was ich tue. Ich bringe gerade eine Platte raus und klar, ich könnte auch eine Platte über Männer rausbringen oder ich kann wieder 13 Songs aus meinem Leben schreiben. Aber im Hier und Jetzt, mit meiner Plattform, meinem Publikum, das mich kennt, da finde ich es einfach cool, den Fokus auf etwas zu richten, worüber wir viel zu wenig reden." Frauen also.

Mein Konter wäre: Lass uns den Fokus darauf richten, dass noch viel zu wenige Frauen überhaupt die Möglichkeit bekommen, ihre Geschichten und die ihrer Landsfrauen zu erzählen, weil sie keinen Plattenvertrag bekommen oder nicht für Konzerte und Festivals gebucht werden. Das Musikbusiness ist immer noch ein Boys Club, das Patriarchat im Business ist noch nicht annähernd im Wanken, die ersten Festivals schaffen es erst jetzt 50:50 Männer und Frauen zu buchen. Männer und ihre Produkte verkaufen sich besser – sagen Männer an den Spitzen der Plattenfirmen.

Wir brauchen nicht die Sicht von Männern, wir brauchen die Frauen

Apropos Produkte: Was ich noch nicht erwähnt habe, Frank Turner hat auch einen Podcast zum Album: „Tales From The No Man’s Land“. Meine Befürchtung war, das neue Album soll den Podcast verkaufen – und umgekehrt. Tatsächlich ist der Podcast ganz charmant, weil er überwiegend auch Frauen zu Wort kommen lässt. Vor allem die Kulturwissenschaftlerinnen oder Historikerinnen im Podcast schaffen das, was das Album nicht hinbekommt: weibliche Perspektiven aufzuzeigen.

Frank Turner ist kein schlechter Mensch, er ist niemand, der uns nur was verkaufen will, seine Ziele sind nachvollziehbar, aber er wird ein Stück weit vom Zeitgeist übertölpelt. Etablierte Künstler, Männer wie er, fangen an sich für Frauen zu interessieren, und können das in ihrer oft ziemlich guten Position auch ganz gelassen tun. Auch Autor Feridun Zaimoglu hat erst einen historischen Roman aus der Sicht einer Frau geschrieben. Was wir aber 2019 brauchen, ist nicht die Sicht von Männern, wir brauchen die Frauen.


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