Bayern 2 - Zündfunk

Frank Spilker über „Hallo Euphoria“ Die Sterne sind nicht mehr Die Sterne, aber leuchten doch wieder

Noch vor ein paar Jahren war es unklar, wie es mit Die Sterne weitergeht, doch jetzt sind sie zurück mit einem neuen Album. Für „Hallo Euphoria“ hat Sterne-Chef Frank Spilker die Band fast komplett umgekrempelt. Im Interview erzählt er, warum die neuen Sterne so anders sind.

Author: Ralf Summer

Published at: 19-9-2022

Neben Blumfeld und Tocotronic sind Die Sterne Kern der sogenannten Hamburger Schule der 90er Jahre. Die Hits damals: „Was hat dich bloß so ruiniert“ und „Universal Tellerwäscher“. Vor ein paar Jahren haben sie sich aufgelöst, doch jetzt sind sie zurück. Sänger und Gitarrist Frank Spilker hat in Köln neue Musiker gefunden, ihr neues Album „Hallo Euphoria“ ist ziemlich ansteckend - und unser Album der Woche im Zündfunk geworden.

Zündfunk: Freunde von mir haben einmal gesagt, Frank Spilker und Die Sterne machen gar keine Musik mehr, stattdessen ist er 3sat Kulturredakteur geworden. Was ist da dran an der Geschichte?

Frank Spilker: Das hätte stimmen können. Ich weiß zwar nicht, wie viel Qualität ich als Redakteur hätte, aber: Tolles Gerücht! Aber es hat natürlich damit zu tun, dass in der Situation auch nicht sicher war, dass es weitergeht. Ich habe eigentlich erst 2019 entschieden, richtig weiterzumachen.

Trotzdem wünschst du dir im ersten Stück gleich einen „Assistenten“ an die Hand, der deine Stücke schreibt. Es heißt: „Stellt mir einen Clown zur Seite“. Musste so ein Stück am Anfang sein nach so einer Zeit?

Ich habe gar nicht so sehr an meine Situation gedacht, sondern wie immer, wenn ich Songs schreibe, daran, wie vielen Menschen es noch so geht. Dass sie einfach irgendwo stehen im alltäglichen Leben und denken: „Scheiße, ich kann das eigentlich alles gar nicht! Stellt mir einen Clown zur Seite! Gebt mir einen Assistenten, dass ich durch den scheiß Tag komme, weil ich mich heute einfach so fühle.“ Man stellt ja dann alles in Frage, was man so macht. Fragt sich, ob das eigentlich gut ist. Das ist ein idealer Opener für so ein Album, das nach und nach mit solchen Messages kommt. Man wird nicht Hip-Hop-mäßig abgeholt mit: „Hört, hört, was ich euch zu sagen habe“, sondern erstmal mit einer Krise. Ich fand das sehr charmant.

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Die Sterne - Spilker immer mittendrin (offizielles Video) | Bild: Die Sterne (via YouTube)

Die Sterne - Spilker immer mittendrin (offizielles Video)

Du fragst trotzdem viel über dich selbst und stellst dich auch in den Mittelpunkt. Es heißt gleich: „Spilker immer mittendrin. Greenwashing oder Distinktionsgewinn?“ Das macht ja auch nicht jeder, dass er seinen eigenen Namen da singt. Wie kam es dazu?

Das ist ein Spiel mit dem lyrischen Ich. Na klar, taucht der Name Spilker auf. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass man jeden beliebigen Nachnamen des Hörers einsetzen kann und sagen kann: „Ja, so fühle ich mich auch.“ Dieser Song stellt die Frage: Was ist meine Position als Sänger und als lyrisches Ich? Bin ich eher jemand, der die Ansagen macht oder beobachte ich das Zeitgeschehen aus einer gewissen Distanz heraus oder bin ich doch der Spilker mittendrin? Der diese Probleme zwar sieht, aber keine Möglichkeit hat, außerhalb von diesen Dingen zu agieren?

Einer der Höhepunkte ist der Song „Die Welt wird knusprig“. Da geht es um Politik, Kapitalismus und Umweltschutz, du singst aber auch: „Umweltschutz, bin ich zu alt, mich kriegt ihr nicht!“ Es hat also auch viel von einer politischen Resignation, was du dort singst.

Das ist ironisch gemeint, „Umweltzerstörung, ich bin alt, mich kriegt ihr nicht“ Das heißt natürlich trotzdem, dass mir das bewusst ist. Es heißt, dass Menschen die schon länger dabei sind, natürlich auch wissen, was auf uns zu kommt. Wir haben in den 80er Jahren den Club of Rome schon gehört, der damals schon wusste, dass ungefähr jetzt die Ressourcen zu Ende sein werden. In „Knusprig“ geht es auch darum. Es ist außerdem ein musikalisches Zitat von The Clash, es geht um den Weg zur Arbeit, den Blick auf die Gesellschaft. Was machen die Leute, um klarzukommen und was haben aktuelle Entwicklungen damit zu tun, die Klimakrise mit dem Kapitalismus? Wo leben wir eigentlich? Das sind die Fragen, die der Song stellt.

Das Album heißt „Hallo Euphoria“, das erinnert ja an „Hallogallo“ und den Motorik-Beat von Neu! Das lässt sich auch in Richtung Krautrock denken. Ist das Absicht gewesen?

Das ist nicht wirklich Absicht gewesen, aber es ist schön, dass es so ist. Weil natürlich gerade in dem Titelsong „Hallo Euphoria“ steckt ja die Michael-Rother-Gitarre drin. Auf jeden Fall sollte man es mit Neu! verbinden. Und ich glaube auch, dass Polyrhythmik immer wichtig war. Nicht dieses geradlinige eurozentristische Songwritertum, sondern versuchen, auch afrikanische Einflüsse mit einzubauen. Zum Beispiel Fela Kuti. Und Krautrock ist ja einer von diesen Polen. Er hat sehr viel hineingetragen in die elektronische Musik der 90er und Nuller Jahre. Man hat sich darauf bezogen, weil es halt einen Loop-Charakter hatte. Das kann auf dem neuen Album alles sehr gut ausformuliert werden.

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Die Sterne - Die Welt wird knusprig (offizielles Video) | Bild: Die Sterne (via YouTube)

Die Sterne - Die Welt wird knusprig (offizielles Video)

Ist die Entwicklung an einem Punkt angekommen, wo du zufrieden bist? Jetzt sind Die Sterne wieder so, wie ich sie haben wollte, als ich sie aufgelöst habe 2018?

Ich habe sie nicht aufgelöst, sondern wir sind nicht weitergekommen. Ich finde es auch ein bisschen unfair, das so direkt zu vergleichen. Ich glaube, früher waren Die Sterne etwas Anderes. Es war punkiger vom Ansatz. Immer, wenn wir damals Funk gespielt haben, wussten wir, dass wir es eigentlich eh nicht können. Das hat sich jetzt ein bisschen geändert. Ich bin jetzt mit hochspezialisierten Musikern unterwegs. Die sich wirklich, wirklich auskennen, mit dem was sie tun. Speziell, was Krautrock angeht. Dann wird das eben auch im Ergebnis genauso wie das Zitat, das man vielleicht im Kopf hat. Gleichzeitig ist es immer noch sehr stark das ursprüngliche Sterne-Konzept.

Die Tour ist ja schon in vollem Gange, bevor ihr im Oktober nach Bayern kommt. Wie wird reagiert auf die neue Platte?

Wir sind eigentlich noch in der Phase, wo wir uns wundern, welche Stücke dann live funktionieren und welche weniger. Es gibt halt wirklich immer Überraschungen. Das finde ich besonders toll an Live. Dass man nicht ahnen kann, wie sich bestimmte Songs nochmal entwickeln.

Du bist ja auch seit den 90ern dabei, schon damals in der Hamburger Schule. Wie ist das eigentlich jetzt, wenn sich ein Frank Spilker trifft mit einem Jochen Distelmayer oder in einen Dirk von Lowtzow hineinläuft. Quatscht man da lange oder läuft man aneinander vorbei?

Mittlerweile läuft man aneinander vorbei. Das ist leider so. Wir reden gar nicht. Ich habe beide seit zehn Jahren nicht gesprochen. Jan Müller habe ich mal gesprochen, aber ansonsten? Man sieht sich einfach nicht. Das sind getrennte Wege. Und wir wissen jetzt, dass in den 90er Jahren der Manager von Blumfeld überall rumgelaufen ist und gesagt hat: Wenn ihr die Sterne auf das Cover nehmt, geben wir euch kein Interview. Insofern ist man nicht mehr so gut gelaunt gegenüber den alten Kollegen.

Am Ende kommt dann doch „niemand unschuldig raus“, wie ihr singt. Wie kam es zu diesem Fazit?

Da geht es um eine weitere Lebenslüge vielleicht. Diese Tendenz, zu sagen: Ich lebe in einem der Länder, die am meisten Ressourcen verbrauchen auf der Welt, aber, wenn ich mir ein E-Rad oder ein E-Auto kaufe, meine Brötchen beim Bio-Bäcker kaufe, dann bin ich moralisch entlastet. Darum geht es, weil das ja nicht so ist.

Aber du spielst ja auch damit. Auf einem Band-Foto hast du so eine Art Pelzmantel an, ist das schon wegen dem Kälte-Winter, der auf uns zu kommt?

Der Mantel ist natürlich nicht echt. Was soll ich dazu sagen? Für mich ist es eher ein Beatles-Zitat. Die standen ja mit ähnlich auffälligen Mänteln auf dem Dach dort. Das hat etwas von „Larger than Life“.