Bayern 2 - Zündfunk


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Frank Rieger, Chaos Computer Club Facebook muss zerschlagen werden!

Frank Rieger ist Sprecher des Chaos Computer Clubs. 2014 hielt er die Keynote auf dem Zündfunk Netzkongress zum Thema "Haben wir unsere digitale Zukunft noch selbst in der Hand?" 2018 wird daraus in einem Gastkommentar die Forderung, dass Kartellamt und Gesetzgeber Facebook zerschlagen müssen.

Von: Frank Rieger

Stand: 06.04.2018

USA, Menlo Park: Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook, geht am Firmensitz an einem leuchtenden Facebook logo vorbei. | Bild: dpa-Bildfunk/Marcio Jose Sanchez

Spricht man gerade von Facebook, fallen zuerst relativierende Begriffe wie "Datenleck" und "Datenabfluss". Inzwischen ist daraus ein "Datenskandal" geworden, aber auch das geht am Kern der Sache vorbei. Die Diskussion, die wir gerade führen müssen, ist eine über Manipulation und Macht. Die Geschäftsmodelle von Facebook und Google beruhen darauf, dass sie immer bessere Möglichkeiten entwickeln, ihre Nutzer zu manipulieren. Normalerweise dient diese landläufig "Werbung" genannte Manipulation dazu, Menschen dazu zu bewegen, Geld auszugeben. Nun hat Cambridge Analytica gezeigt, dass die gleichen Techniken auch funktionieren, um politische Wahlen zu beeinflussen. Die Abstimmungen in den meisten westlichen Staaten fallen sehr knapp aus. Es reicht deshalb, relativ wenige potentielle Wähler zu einer Änderung ihres Verhaltens zu bewegen. Oft genügt es – wie bei der Wahl von Donald Trump – einen geringen Prozentsatz der Wählerschaft dazu zu motivieren, nichts zu tun, also ihre Stimme nicht abzugeben.

Cambridge Analytica hat Facebook nicht missbraucht

Das ist erstaunlich einfach und funktioniert offenbar weitaus besser, als Menschen dazu zu bringen, ihre Wahlentscheidung für oder gegen einen Kandidaten zu fällen. Die Algorithmen von Facebook und der Google-Tochter Youtube sind so gestaltet, dass sie Inhalte bevorzugen, die eine hohe emotionale Intensität haben. Hass, Wut, Empörung, Schadenfreude und Häme werden mit mehr Aufmerksamkeit belohnt, häufiger geteilt. Solche Posts und Videos führen dazu, dass Nutzer länger auf der Plattform bleiben und mehr Werbung sehen – also wertvoller sind. Cambridge Analytica und ihre diversen Konkurrenten haben die Social-Media-Plattformen nicht missbraucht. Sie haben sie exakt für den Zweck benutzt, für den sie gebaut wurden: Zur Manipulation von Menschen.

Social-Media-Plattformen dienen zur Manipulation des Menschen

Die politische Debatte muss sich daher um Manipulationsmacht drehen. Auch im Bundestagswahlkampf hat sich gezeigt, dass die Werbeplattformen nur für emotional negativ aufgeladene Botschaften gut funktionierten. Für die meisten Parteien ist hier nichts zu gewinnen. Ein erster Schritt zur Besserung ist natürlich die Untersuchung und Sanktionierung der Datensammel-Praktiken. Es sollte aber auch schnellstmöglich ein Gesetz erlassen werden, das Facebook & Co. zwingt, in Echtzeit offenzulegen, wer wieviel für welche Inhalte bezahlt und nach welchen Kriterien genau personalisiert und gezielt ausgeliefert wird. Diese Förderung zielt natürlich ins Herz des Geschäftsmodells der Plattformen. Aber wir stehen vor der Wahl ob wir die Funktionsfähigkeit der Demokratie dem Gewinninteresse einiger Silicon-Valley-Giganten opfern wollen – oder lieber nicht. Die Entscheidung sollte nicht schwer fallen.

Facebook muss zerschlagen werden

Frank Rieger ist Sprecher des Chaos Computer Clubs. 2014 hielt er die Keynote auf dem Zündfunk Netzkongress

Im nächsten Schritt sollte als Teil der Kartell- und Monopolregulation eine Zerschlagung angestrebt werden. Vorbild dafür kann die Zerschlagung der Telefon-Monopole in den USA sein. Eine Aufteilung in kleinere Einheiten, die aber nach dem selben technischen Standard funktionieren und kommunizieren, so dass sich Menschen weiterhin in ihren Social Networks finden können, ist technisch problemlos machbar. Die Größe dieser föderalisierten Klein-Netzwerke sollte sich nach ihrer Manipulationsmacht bemessen. Sowohl die Anzahl der Nutzer als auch die Tiefe der über sie gesammelten Daten muss hier eine Rolle spielen. Eine kritische Masse darf nicht überschritten werden, schon gar nicht in einer Hand.

Wir brauchen föderalisierte Klein-Netzwerke

Es ist an der Zeit, nicht länger blauäugig so zu tun, als wäre Werbung harmlos, als wären die Datenberge nicht von Relevanz. Die Kombination von großen Datenmengen und Machine Learning führt zu Manipulationsmethoden, die die Zukunft von Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt gefährden. Dem muss zügig und mit Nachdruck und ohne Scheu vor dem Eingriff in Geschäftsmodelle entgegengetreten werden. Hier ist jetzt nicht nur das Kartellamt gefragt, sondern auch der Gesetzgeber.


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