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Interview mit Forscher Mathias Berek So gefährlich ist die Mischung aus Impfgegnerschaft und Antisemitismus

Posthippies, Querdenkerinnen und Esoteriker verbindet, dass sie Impfungen ablehnen. Nicht erst seit der Coronakrise mischt sich das auch mit Antisemitismus. Ein Gespräch mit Antisemitismus-Forscher Mathias Berek über Vorurteile und Verschwörungsdenken.

Von: Paula Lochte

Stand: 18.02.2021

Ein sog. "Judenstern" in dem steht "ungeimpft" | Bild: picture-alliance/dpa

Zündfunk: Wir erleben ja heute eine Verbindung von Querdenker*innen, Impfgegnern, aber auch extremen Rechten. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Demonstrationen sehen?

Mathias Berek: Mich überrascht erstmal nicht, dass das Impfen da so eine große Rolle spielt, weil es einfach viele Überschneidungen gibt. Die Leute, die die Corona-Pandemie anzweifeln oder die wissenschaftliche Evidenz in dem Fall leugnen, da gibt es eine Menge Parallelen, warum man auch impfkritisch ist. Und dass Antisemitismus dabei eine Rolle spielt, ist auch nicht überraschend. Denn Antisemitismus haben wir in der gesamten Gesellschaft die ganze Zeit und das wächst. Und dann gibt es eben auch die Tendenz, dass er in esoterischen und impfkritischen Kreisen eine höhere Zustimmung findet. Ich würde sagen, dass die Impfgegnerszene in der ganzen Situation sichtbarer wird und sich genauso wie die Corona-Leugner-Szene radikalisiert. Da fallen auch zunehmend Hemmungen weg, sich antisemitisch zu äußern.

Sie haben von Überschneidungen gesprochen. Was genau verbindet Corona-Leugnung, Impfgegnerschaft und Antisemitismus?

Sowohl die Impfgegner-Szene als auch die der Corona-Leugner sind hochdiverse Szenen. Da laufen Leute aus den verschiedensten Gründen mit und das sind auf gar keinen Fall alles Antisemiten. Aber wenn wir uns anschauen, was die Gemeinsamkeiten von Impfkritik und Antisemitismus sind, kristallisieren sich schon ein paar Punkte heraus. Zum einen ist es ein gewisser mystischer Naturglaube, also der Glaube daran, dass die Stärkeren das Recht haben zu überleben. Das ist so ein gewisser Sozialdarwinismus, der nicht viel mit Solidarität zu tun hat. Ein Glaube, dass die Natur darüber zu entscheiden hat, wer stärker ist und wer nicht. Das hat auch mit einem gewissen Glauben an Verwurzelung zu tun, sei es im Blut oder im Boden, auch verbunden mit Vorstellungen von Reinheit. Und schließlich kommt noch ein antimodernes Ressentiment hinzu, wo Auswege gesucht werden aus den Problemen der modernen Gesellschaft in der Natur, in Reinheit, in Schicksal. Das ist aber nur eine Komponente. Dazu kommt nämlich auch ein gewisser Aberglaube an das Wirken von geheimnisvollen Mächten. Und das zeigen uns auch die Studien, dass verschwörungstheoretischer Glauben und antisemitische Einstellungen sehr hoch korrelieren.

Erklärt das auch, warum auf den ersten Blick so unterschiedliche Leute gerade gemeinsam auf die Straße gehen?

Genau. Man braucht diesen Verschwörungsglauben, um diese wissenschaftliche Evidenz zu leugnen. Es lässt sich ja wissenschaftlich zum Beispiel schwer gegen Impfungen argumentieren. Um diese wissenschaftliche Evidenz wegzuleugnen, braucht man einen starke Erzählung wie zum Beispiel den Verschwörungsglauben. Und dazu kommt auch eine gewisse Irrationalität, was Sie auch beim Impfen im Vorsorgeparadoxon sehen. Das zeigt, dass die Impfkritik-Bewegung immer dann einen Aufschwung bekommen hat, wenn die Impfungen Wirkung gezeigt haben. Das war zum Beispiel bei der Pockenimpfung im 19. Jahrhundert so. Je weniger Kranke die Menschen in ihrem Umfeld hatten, umso mehr sind die verhältnismäßig viel schwächeren Nebenwirkungen der Impfung in den Blick geraten.

Inwiefern wirkt denn diese antisemitische Verschwörungsdenken bis heute fort?

Ähnlich wie auch die Argumente der Impfkritik auch dieselben sind wie im 19. Jahrhundert, ist auch die Präsenz des Antisemitismus unverändert. Es gibt in dieser Impfkritik einen gewissen Teil antisemitisch denkender Leute, nur dass die sich anders äußern als damals. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass in der zwischen Zeit die Shoa passiert ist und der Nationalsozialismus. Und deswegen kann man das heute nicht mehr so offen sagen. Deswegen suchen sich die Leute, die antisemitische Einstellungen hegen andere Wege und äußern sich anders. Aber es gibt trotzdem auch heute noch Leute in der impfkritischen Bewegung, die sich ganz offen antisemitisch äußern. Die Adrenochrom-Verschwörungsgeschichte ist auch eine ganz eindeutige Bezugnahme auf die antisemitischen Ritualmord-Lügen. Die QAnon-Legende ist inzwischen ja auch in Deutschland angekommen, und die wird auch im Rahmen der Corona-Proteste und der da vertretenen Impfkritik mitgebracht.

Da tritt das natürlich ganz offen zu Tage. Welche Beispiele gibt es denn, wo es ein bisschen versteckter ist, wie Sie das vorher angesprochen haben?

Das ist das, was als sekundärer Antisemitismus bezeichnet wird. Das sind die Fälle, wo Leute auf den Demonstrationen mit dem gelben Stern umhergelaufen sind. Nur dass halt nicht Jude in der Mitte stand, sondern ungeimpft. Ein anderes Beispiel ist die AfD, die im Internet ein Bild verbreitet hat, wo man ein KZ-Tor sieht, und dann „Impfen macht frei“ darüber steht. Das sind Beispiele, die nicht offen tradierter Antisemitismus sind, sondern die sich den Opferstatus anmaßen. Die Behauptung, in derselben Situation wie die deutschen und europäischen Jüdinnen und Juden in der Zeit des Nationalsozialismus, was natürlich eine ziemlich obszöne Gleichsetzung ist. Denn damit wird ja transportiert, dass der Holocaust offenbar nicht so schlimm gewesen sein muss. Und oft kommt dazu eine gewisse Täter-Opfer-Umkehr, wenn begonnen wird über die Verschwörer und Kräfte hinter den Impfkampagnen zu raunen.

Wie gefährlich würden Sie diese Mischung aus Impfgegnerschaft und Antisemitismus heute bewerten?

Ich würde die Gefahr wirklich nicht unterschätzen. Weil sich da auch eine strukturelle Parallele abzeichnet zu der impfkritischen Bewegung nach 1900. Auch damals gab es einen gewissen Kreis von Aktivisten, die Hetze betrieben haben und eine indifferente Masse von Leuten, die vielleicht nur deswegen hingegangen sind, weil sie wirklich Angst um ihre Kinder hatten. Und eben genau das, diesen Antisemitismus zu dulden oder ihn sich sogar anzueignen, das ist die Gefahr, die ich auch heute sehe.


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