Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: "Dogrel" "Dogrel" von den Fontaines D.C. ist schon jetzt eines der besten Gitarrenalben 2019

Fünf junge Männer aus Irland, klassischer Indie und schrabbelige Gitarren. Fontaines D.C. sorgen mit ihrem Debütalbum „Dogrel“ gerade mächtig für Furore.

Von: Achim Bogdahn

Stand: 18.03.2019

Es war im Januar beim großen Eurosonic Musik Festival in Groningen in Holland. Ein riesiger Branchentreff, fast nur Festival-Veranstalter, Platten-firmenfuzzies, Journalisten. Leute, die schon vieles gesehen haben und wenn sie mal bei einem Konzert mit dem Fuß wippen, ist das schon das höchste aller Komplimente. Bei einer Band war alles anders - da gab es Pogo, Moshpit, Gegröhle, alte Hasen des Musikbusiness lagen sich wie Teenager in den Armen. Das waren Fontaines D.C. mit ihrem Gitarristen Carlos. Dem Zündfunk erzählt er im Interview: "Wir haben quasi als Strokes Cover Band begonnen und dann ging es zurück zum Rock´n Roll, drei oder fünf Akkorde, Backbeat dazu, Text obendrauf. Mehr braucht man nicht für eine Band, es ist so simpel und so effektiv. Vielleicht noch ein bisschen am Sound schrauben und etwas Neues kreieren, aber eigentlich sehe ich uns als Rock´n Roll Band."

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Fontaines D.C. - Too Real | Bild: Fontaines DC (via YouTube)

Fontaines D.C. - Too Real

Die Band aus Dublin hat im letzten Jahr Single um Single rausgeballert und eine war besser als die andere: Songs, die im Versteil rotzig mit dem Sprechgesang dahinlärmen, als hätten sich The Fall und die Sleaford Mods zusammengetan. Die Refrains aber öffnen sich, bringen Melodie und Mitgröhlfaktor in das Geschnodder. Zum Beispiel bei ihrem bisher größten Hit "Too Real". "Is it too real for ya?" - "Ist das zu echt für Dich?". Antwort: Nein. Das Album "Dogrel" ist so gut, weil es so echt ist, weil es fast klingt wie ein Livemitschnitt nur ohne Publikum. "Dogrel" - der Albumtitel bezeichnet übrigens eine alte Art von Arbeiterklassen-Poesie, die es mal in Irland gab.

Inspiriert von der Beat Generation

Die realistischen, pessimistischen, urbanen Texte sind ein Schlüssel zu den Fontaines D.C., einer Band, die sich über die Liebe zur Literatur fand, wie Gitarrist Carlos erzählt hat: "Sänger Grian und ich sind total besessen von den Beat-Autoren Kerouac und Ginsburg. Unfassbar: Zwei Typen, die kompromisslos ihr Ding durchziehen und damit sogar eine eigene Generation begründen, die Beat Generation, das hat uns gefallen. Also haben wir selber begonnen, Texte zu schreiben, selber Bücher rausgebracht. Unsere Begeisterung ging in die Musik über, also: Gedichte und 50er Jahre Rock´n Roll." Die Musik wiederum hat eine Energie, wie man sie seit den frühen Strokes oder Libertines selten gehört hat. Aber alles auf Irisch. Es ist der Sound von Dublin: Gegenkultur, Regen, schlechte Laune, chronisch pleite, aber den Kopf oben. "Dublin in the rain is mine", "Dublin im Regen, das ist meins", heißt es in der Single "Big".

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Fontaines D.C. - Big | Bild: Fontaines DC (via YouTube)

Fontaines D.C. - Big

Von der Stadt Dublin stammt übrigens auch das DC im Bandnamen, "Dublin City". Fontaines D.C. sagen über sich, sie würden am liebsten die Dubliners und Velvet Underground miteinander kreuzen. Tatsächlich klingt das Album "Dogrel" oft mehr nach ihren Freunden, den Idles, nur nicht ganz so punkig oder nach den Smiths, nur nicht ganz so filigran oder nach Joy Division, nur mit weniger Depression, in jedem Fall nach den goldenen Zeiten des Independent von den britischen Inseln.

Kein musikalisches Label für Fontaines DC

Manche sagen dazu Post Punk. Und die Band selbst? Gitarrist Carlos findet, es sei das falsche Label: "Einfach mal jede neue Band, die jetzt neu rauskommt, einen schweren Bass-Sound hat, Indie-Gitarren und Sprechgesang als Postpunk zu bezeichnen, ist ein Fehler- die Leute wird das schnell nerven, schon wieder ne Postpunk Band, schon wieder das coole neue Ding. Was ist denn Postpunk überhaupt? Postpunk ist 1977 aufgekommen und das war´s dann auch." - "Dogrel" ist schon jetzt das beste Gitarrenalbum 2019 aus Europa. Das wird auch nach dem 31. Oktober so bleiben. Selbst wenn der Brexit kommt. Die Iren bleiben uns erhalten. Zum Glück.


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