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Album der Woche: "Emily Alone" Florist-Sängerin Emily A. Sprague liefert das traurigste Album des Sommers

Eigentlich sind Florist ein US-Folk-Trio - das neue Album "Emily Alone" wurde von Sängerin Emily A. Sprague aber allein aufgenommen. Sie hat viel zu verarbeiten: den Tod der Mutter, das Ende einer Beziehung und den Umzug von NYC nach L.A. Es gibt keine Refrains zum Mitsingen, aber Empathie für alle.

Von: Ralf Summer

Stand: 29.07.2019

„Was ist mein Platz in der Welt?“ Mit dieser Frage beginnt das neue Album von Florist, dem Projekt von Emily A. Sprague. Sie stammt aus der Hochburg der amerikanischen Folk-Musik: den Catskill Mountains, nördlich von New York. Mit anderen Worten: nahe Woodstock. Als sie mit zwei Jungs die Band Florist gründet, ziehen sie rein in die Stadt, nach Brooklyn. Aber auch das ist nicht mehr ihr Platz auf dieser Welt. „Wenn ich meinen Kopf verliere“, singt sie in „Celebration“, „gebt ihn an die Erde, die Luft, das Wasser, das Feuer“

Nur keine "happy music"

Inzwischen sucht Emily ihr Glück in Los Angeles. Surfen hilft ihr bei der Trauma- Therapie. Und Elektronik. Unter ihrem bürgerlichen Namen Emily A. Sprague nimmt sie zunächst ein Ambient-Album auf. Beyonce benutzt ein paar Lo-Fi-Loops von Emily für ihren Film „Homecoming“. Allein Arbeiten tut ihr gut. Auch die eben erschienene Platte, die sie unter dem Namen ihrer Band veröffentlicht, hat sie ohne die Jungs aufgenommen.

Auf der neuen Florist-Platte ist ihre verstorbene Mutter wieder ein Thema – im Stück “M” taucht gar ein leises Sample ihrer singenden Ma auf. Im sonnigen Kalifornien hat Sprague die Vorhänge zugezogen – um ja keine „happy music“ zu schreiben, wie sie in einem Interview sagt. Ihre Wohnung in L.A. sollte sich eher wie ein tiefer, dunkler Winter in New York anfühlen. Und dann flossen die neuen Lieder nur so aus ihr raus. “Dunkel und intensiv” – wie sie sagt - aber “emotional notwendig, das gab mir ein gutes Gefühl”.

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Florist - M (Official Music Video) | Bild: Double Double Whammy (via YouTube)

Florist - M (Official Music Video)

Beim Schreiben ihrer Texte kommen Emily immer wieder die Tränen. Sie fühlt sich isoliert, durch ihre Songs kann sie andocken. Wenn sich Leute von ihren Lyrics abgeholt fühlen, kann sie der Welt etwas geben, sagt sie. Emily betrachtet Musik als ihre Art, etwas für die - Zitat - „emotionale Gesundheit der Allgemeinheit“ beizusteuern. Musik als Empathie. Florist, die Folk-Therapeutin. In „Time Is a Dark Feeling“ spricht Emily mit dem Wasser, einer Eiche, dem Efeu.

Von Platte zu Platte ist sie leiser geworden. Schon ihre ersten beiden Platten waren intime Folk-Platten. „Emily Alone“, unser Album der Woche ist eine knisternde Platte geworden, hinter der sich die 25-Jährige fast schon versteckt. Nur ganz am Ende gönnt sie uns einen kleinen Pop-Moment: „Shadow Bloom“ ist der „Hit“ der Platte: Sie trinkt Tee, isst eine Mandarine und nähert sich einem Mysterium: Sie stellt nämlich die Frage aller Fragen suchender Menschen: „willst du wirklich wissen, welches Ding du dein ganzes Leben zu finden versuchst?“

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Florist - Shadow Bloom (Official Music Video) | Bild: Double Double Whammy (via YouTube)

Florist - Shadow Bloom (Official Music Video)

Emily A. Sprague liebt es, die Geheimnisse des Lebens zu ergründen. „Ohne diese unbeantwortbare Frage könnten wir nicht leben“, sagt sie. Und wir? Wir helfen ihr gerne beim Suchen, indem wir ihr zuhören.  


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