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Die geistigen Väter von Danger Dan Wie Floh de Cologne den deutschen Polit-Rock mitbegründeten

Danger Dans Song "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" ging komplett durch die Decke. Polit-Songs, in denen provoziert wird, haben Tradition in der deutschen Pop-Geschichte. Aber wer hat hierzulande damit angefangen? Eine Spurensuche.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 25.05.2021

Ein leicht grobkörniges Video auf Youtube, aufgenommen für den WDR 1971, etwa 280.000 Mal angeklickt. Ein Typ mit Backenbart, einer mit Lederjacke und einer Brille größer als die von Herbert Wehner, schreien solche Texte:

"Warum gehören die Fabriken nicht denen, die darin arbeiten. Warum gehört denn der Staat nicht denen, die ihn aufbauen. Warum gehört denn die Welt nicht denen, die in ihr leben?"

- Floh de Cologne

Floh De Cologne heißt die Band, sie war mal berühmt und vor allem berüchtigt. Ein Kollege hat mich auf sie gestoßen. So wie ich auch, kommen die Jungs aus dem Rheinland, aus Kölle. Und sie waren verschollen, irgendwie, nicht so recht im kollektiven Musikgedächtnis gespeichert, obwohl sie doch sagenhafte 50 Jahre vor Danger Dan solche Texte gemacht haben: "Fließband, Baby. Warum soll denn, wer nicht arbeitet auch nicht essen? Warum soll er denn nicht von den Tomaten essen, die jedes Jahr zu tausenden Tonnen mit Baggern untergepflügt werden? Warum soll er denn nicht die Kleider tragen, die die anderen wegschmeißen, wenns die Mode will? Warum soll er denn nicht in die Wohnung ziehen, die leerstehen, weil sie zu teuer sind?"

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Fliessband | Bild: Floh de Cologne - Topic (via YouTube)

Fliessband

"Polit-Rock kam absolut vom Inhalt"

Drei Wochen später, und wie es der Teufel so will, erzählt mir das Internet: Zwei der Musiker leben schon lange nicht mehr in Köln, sondern mittlerweile, wie ich, in München. Wir müssen uns treffen. Sofort. Fridolin Enxing und Dick Städtler – jetzt sitzen sie endlich vor mir. Zwei von insgesamt noch fünf lebenden Mitgliedern von Floh de Cologne. Fridolin hat schulterlange Haare, trägt eine Lederhose und ein Sweatshirt. Dick eine grüne Cord Hose und ein Beatles-Shirt. Dicks Haare sind gefärbt, er sieht aus wie ein gut gelaunter Punk. Fridolin eher wie ein Alt-Hippie. Sie haben sich kaum verändert in den letzten 50 Jahren, sagt Dick, nach wie vor sei die Message das Wichtigste: "Wir haben als Kabarett-Gruppe angefange, als Studenten-Kabarett. Und das kam absolut vom Inhalt. Man muss sehen, 1966 als der Floh gegründet wurde, gab es eine GroKo und der Bundeskanzler war ein Alt-Nazi, Kiesinger. Das war also alles absolut inhaltlicher politischer Protest, weshalb diese Gruppe überhaupt entstanden ist.

Floh de Cologne haben sich 1966 gegründet, vier Jahre vor Ton Steine Scherben. Die Flöhe waren die erste Polit-Rockband Deutschlands. Haben system- und kapitalismuskritische Texte gesungen, in deutscher Sprache auch noch, lange vor Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen oder Herbert Grönemeyer. Es ist irre zu hören, wie aktuell diese Texte heute noch sind, wie wenig sich geändert hat – von den Klima-Aktivist*innen bis zur Antifa: Sie alle könnten sich wiederfinden in den Texten von Floh De Cologne, wie beispielsweise der Songtext von "Der Imker" zeigt: "Der Imker stellt den Bienen einen Bienenstock zur Verfügung. Der Kapitalist stellt den Arbeitern eine Fabrik zur Verfügung. Die Bienen sammeln den ganzen Tag Honig. Die Arbeiter stellen den ganzen Tag Produkte her. Der Imker nimmt den Bienen den Honig weg. Der Kapitalist nimmt den Arbeitern die Produkte weg. Der Imker gibt den Bienen Zucker dafür. Der Kapitalist gibt den Arbeitern Lohn dafür."

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Koslowsky schägt zu | Bild: Floh de Cologne - Topic (via YouTube)

Koslowsky schägt zu

Absolute Idealisten

In den siebzehn Jahren ihrer Karriere haben Floh De Cologne tausende Konzerte in ganz Deutschland gegeben. Und dabei alles selber gemacht. Vom Verstärker schleppen bis zum Merchandising. Die Band hatte keine Roadies, das verbietet schon der Klassenkampf, wie Dick erzählt: "Das war eine bewusste Enscheidung von uns. Wir haben die Rock-Oper 'Profitgeier' gemacht gegen Ausbeutung von Lehrlingen und wollten dann eben nicht unsere eigenen Roadies ausbeuten. Wir hätten die nicht gleich bezahlen können, da konnten wir fünf gerade mal von leben. Wir haben in Fehmarn gespielt, das war das Love & Peace Festival, das deutsche Woodstock, mit Jimi Hendrix zusammen. Da gab es zum allerersten Mal auf Deutschem Boden eine P.A. (Public Adress, große Beschallungs-Anlage). Die kam von England rübergefahren von der Isle of Men, wo das Festival eine Woche vorher war. Und da haben alle große Augen gemacht, was eine P.A überhaupt ist. Das haben wir noch nie gesehen. Wir hatten damals nur kleine Verstärker und Gesangsanlagen."

Floh de Cologne standen zwar auf der selben Bühne wie Jimi Hendrix, Rockstars im herkömmlichen Sinne wollten sie aber nie sein. Keine Groupies im Backstage Bereich, kein teures Kokain, und vor allem: Keine Kompromisse, sagt Fridolin. Mainstream, Verkaufszahlen und Verwertungsketten - das alles hat Floh De Cologne eher verachtet, erzählt Fridolin: "Wir hätten nie, sagen wir mal, in ein gefälligeres Gewerbe umgewechselt. Aus der 'Lokomotive Kreuzberg' zum Beispiel wurde Spliff. Die hatten großen Erfolg zusammen, auch mit Nina Hagen. Aber Songs wie 'Carbonara' hätten wir eben nicht gemacht. Das wäre uns zu gefällig, zu unpolitisch. Da ging es dann eben um Verkaufszahlen. Und uns ging es nicht um Verkaufszahlen, sondern um Mitgliederwerbung für eine linke Bewegung. Man sollte mithelfen, die Gesellschaft zu verändern und mit Carbonara veränderst du nicht die Gesellschaft."

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Zahlen musst Du - Floh De Cologne - 1972 | Bild: jockelraecher (via YouTube)

Zahlen musst Du - Floh De Cologne - 1972

"Die dachten wir wären die R.A.F oder sowas"

"Es gab Auftritts-Verbote für uns in den 60er Jahren, Anfang der 70er Jahre auch noch. Es gab zerstochene Reifen, wir haben Angriffe von NPD-Leuten gehabt und wir mussten manchmal geschützt werden, wenn die den Saal stürmen wollten. Das hat sich aber dann im Laufe der 70er Jahre beruhigt, Gott sei Dank." Als dann noch die RAF in den bewaffneten Untergrund ging und der deutsche Herbst die Republik erschütterte, mussten Fridolin und sein Kollegen von Floh de Cologne echt aufpassen, wenn sie - langhaarig - an einer Tankstelle vorfuhr und dann auch noch die Fahrerplätze wechselte. Da rief der Tankwart schnell mal bei der Polizei an:

"Dann wurde man eingekesselt auf der Autobahn und auf einmal kamen Polizeiautos von vorne und hinten, mit Maschinenpistolen, weil die dachten wir wären die R.A.F oder sowas."

- Fridolin Enxing

Heute wird keine Band mehr verhaftet, weil sie lange Haare hat. Man kann, wenn man es übertreibt, mit seinen Texten auf dem Index landen wie die Ärzte. Aber die haben das eine Zeit lang vielleicht sogar als Auszeichnung verstanden. Neo-Nazis gibt es immer noch, da müssen wir nur Danger Dan oder Feine Sahne Fischfilet fragen. Eines blieb den Flöhen aber erspart – der digitale Mob, der blindwütige Shitstorm, der dich im Netz einkreist wie früher die Polizisten auf der Autobahn. Viele der Texte von Floh de Cologne hätten aus heutiger Sicht enormes Shitstorm-Potential. Fridolin meint dazu: "Sprachlich wäre viel los, Empörung bei Neo-Linken oder 'Lifestyle-Linken' ganz bestimmt. Das Volk würde sich amüsieren. Also solche Zeilen würde man heute nicht mehr schreiben." Dick ergänzt: "Wir waren damals schon nicht politisch korrekt. Wir sind es heute eigntlich immer noch".

Immernoch politisch unkorrekt und Kommunisten bis ins Mark

Danger Dan

Danger Dan von der Antilopen Gang musste sich massive Kritik gefallen lassen für "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt". Aber er wurde auch gefeiert dafür. Fridolin und Dick sind dem längt entwachsen. Sie machen immer noch Musik, die alten Flöhe, aber ohne Randale und Auftrittsverbote. Sie sind sich treu geblieben, haben sich nicht verändert. Aber die Welt um sie herum schon. Sie sind immer noch politisch unkorrekt, Kommunisten bis ins Mark und stolz auf das, was sie musikalisch erreicht haben. Nur das mit der Abschaffung des Kapitalismus, nun gut, das hat nicht so richtig geklappt: "Diese Profitgeier sind jetzt Turbo-Profitgeier und zwar sind sie noch extremer und rabiater geworden, noch internationalistischer und noch globalisierter. Unser Begriff 'Proftigeier' aus der Rockoper von 1970 ist ja in den deutschen Srachgebrauch übergegangen. Da sind wir natürlich stolz drauf, aber wir sind nicht stolz drauf, das es immer noch Profitgeier gibt."


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