Bayern 2 - Zündfunk


3

Wayne Coyne im Interview "Wenn die Flaming Lips ein Motto hätten, wäre es 'Lebe langsam und sterbe alt'"

Bühnenspektakel mit Pyrotechnik, hydraulische Einhörner oder ein gigantisches Ufo. Die Flaming Lips sind nicht einfach eine Rockband, sondern ein audio-visuelles Gesamtkunstwerk. Ihre neueste Platte ist ein Konzeptalbum über die Kindheit von Mastermind Wayne Coyne in den 1970ern. Wir tauchen ein ins Flaming Lips-Universum.

Von: Marcel Anders

Stand: 11.09.2020

Frontsänger Wayne Coyne. | Bild: picture alliance / NurPhoto

Zündfunk: "American Head“ thematisiert Ihre Kindheit, die frühen Jahre, die – rein zeitlich - mit den ersten Gehversuchen von Tom Petty einhergehen.

Wayne Coyne: Und das ist ein großartiger Zufall. Das "American Head"-Album dreht sich um die Zeit meiner frühesten Kindheitserinnerungen bis ich 18, 19 war und mit der Musik angefangen habe. Sich damit zu befassen, hatte etwas Surreales - als würde man sich in einem Film über diesen frühen Teil seines Lebens bewegen. Und es lässt sich nicht mehr exakt sagen, was damals wann genau passiert ist. Dieser Film zeigt dich, wie du jung warst und unschuldig. Darum geht es auch in den Texten. Es war eine Zeit in meinem Leben, in der die Probleme der Welt nicht unbedingt meine Probleme waren.

In den letzten Jahren hat man sich ja daran gewöhnt, dass regelmäßig Helden aus dem Classic Rock sterben. Von Tom Petty besitze ich zwar nicht viele Alben, aber ich mag viele seiner Songs. Ich habe eine interessante Dokumentation über ihn gesehen, sie dauert drei oder vier Stunden und zeigt, wie er am Anfang seiner Karriere Gainesville in Florida verlässt, weil er nach Los Angeles ziehen will. Aber sein Produzent rät ihm, doch einen Stopp in Tulsa, Oklahoma einzulegen, um dort ein paar Demos aufzunehmen. Meine Brüder und ich haben in Oklahoma City gelebt, nur hundert Meilen südlich von Tulsa. Wir waren ständig dort. Jedenfalls hat diese Doku meine Fantasie beflügelt. Nach dem Motto: `Warum machen wir nicht Musik, die klingt wie diese vergessenen Tom-Petty-Demos? Mal schauen, was sich daraus entwickeln kann?` Wir Musiker stehen im Grunde alle auf das Gleiche: auf richtig gute Songs. Die sind wie gutes Essen. Alle nehmen dasselbe Rezept her, aber nur die Wenigsten bekommen es wirklich perfekt hin. Und ich finde es spannend, dass das so ist – und warum das so ist. Tom Petty ist ein gutes Beispiel für jemanden, der es richtig hingekriegt hat. Und das meine ich ehrlich. Die Musik der Flaming Lips versucht nie, ironisch zu sein, wir parodieren nie und niemanden.

Inwiefern spiegelt die Platte deine eigene Entwicklung wieder?

Im Song "Mother Don´t Be Sad" geht es zum Beispiel darum, dass ich mit einer Pistole bedroht wurde als ich 17 war – und zwar in dem Fastfood-Restaurant, in dem ich gejobbt habe. Ich hab während des Überfalls wirklich gedacht, ich werde gleich erschossen. Danach war mir klar: ´Ich will nicht so leben, wie alle anderen. Ich will Musik machen und mich an Kunst versuchen. Hochtrabende Gedanken, die man sich mit 16 oder 17 Jahren halt so macht.

Da in den Texten Unmengen von Drogen auftauchen – waren die zu dieser Zeit wirklich so zugänglich, also geradezu omnipräsent?

Zumindest für meine älteren Brüder und ihre Freunde. 1973/74 waren sie bei allem, was sie getan haben, total high. Wahrscheinlich sogar im Schlaf. Und sie wollten es auch nicht anders: Sie haben alles an Acid und Amphetaminen geschluckt, was sie in die Finger bekommen haben. Und dann Football gespielt, Schlägereien angezettelt und bei Motorradgangs mitgemacht. Jedes Mal, wenn sie aus dem Haus sind, habe ich gedacht: ´Hoffentlich verunglücken sie nicht mit ihren Maschinen, werden festgenommen oder umgebracht.` Es war wirklich heftig, und das ist wohl auch der Grund, warum ich nie Drogen nehmen wollte - schon gar keine harten. Ich hatte einfach Angst, dass mir etwas passieren könnte. Und wenn ich jetzt darüber singe, dann weil ich nie wie meine älteren Brüder werden wollte.

Also handelt es sich bei diesem Album nicht um eine Verklärung der Vergangenheit - nach der Manier „die gute, alte Zeit“ -, sondern eher um die Enttarnung einer heilen Welt, die keine war – und woran Sie Tom Petty erinnert?

Es hat ein bisschen was davon, bei einer Party zu sein, bei der jeder Spaß zu haben scheint. Aber wenn man sich mit einem Drittel der Leute in eine stille Ecke zurückzieht, würden sie sagen: 'Ich würde mich am liebsten umbringen. Ich bin unglaublich traurig. Ich habe diesen tiefen Schmerz. Doch sie lassen sich nichts anmerken, weil das halt keiner tut.` Wir alle befassen uns mit unseren eigenen Problemen. Und wenn wir Flaming Lips-Musik machen, ist es genau das, was wir thematisieren. Eben nicht dieser große, übergeordnete Schmerz, dessen wir uns alle bewusst sind, sondern dieser geheime, den jeder mit sich herumträgt. Ein Teil unserer Musik mag lächerlich und brachial sein, aber ein anderer deutet diese Sache an. Und deshalb bedeutet sie manchen Leuten auch so viel – weil ich weiß, was dahintersteckt, weil ich den Schmerz kenne. Ich bin zwar ein sehr optimistischer Mensch, aber da sind tief verankerte Sachen, die auch ich nur in der Musik zum Ausdruck bringen kann. Und für mich sind die besten Songs nicht die, die du laut mit zehntausend Leuten mitsingen kannst, sondern die, die du hörst, wenn du ganz alleine bist, die ganz tief in dir widerhallen und dir helfen, dich selbst besser zu verstehen.

Ist das die Erklärung, der Grund, warum es die Flaming Lips seit mittlerweile 37 Jahren gibt?

(lacht) Als ich jünger war, habe ich nie darüber nachgedacht. Aber ich schätze, wir hatten einfach Glück. Eine Band wie The Clash ist nur fünf oder sechs Jahre zusammengeblieben, hat eine Menge intensiver Alben gemacht, viel live gespielt, ist schnell berühmt geworden und hat versucht, die Welt zu ändern. Aber wenn die Flaming Lips ein Motto hätten, wäre es eben nicht: 'Lebe schnell und stirb früh', sondern: 'Lebe langsam und sterbe alt.' (lacht erneut)

...sagt der Mann, der im Januar immerhin schon 60 wird!

Ist doch nicht so schlimm! Als ich 50 wurde, war ich vor allem froh, dass all die fürchterlichen Dinge, die ich mit dem Altwerden verbunden hatte, nicht eingetreten sind. Jeder kennt ja Leute, die sich im Alter in schmerzverzerrte, mies gelaunte Säcke verwandelt. Aber als ich 50 wurde, konnte ich an mir nichts davon feststellen. Und das war eine große Erleichterung. Dann habe ich angefangen, mir einen Spaß zu erlauben. Und hab behauptet, ich wäre Jahrgang 1930. Einige haben gelacht. Andere meinten tatsächlich: 'Das könnte hinkommen'. Was ich großartig fand. Denn bei Typen wie William Burroughs oder Santa Claus wusste doch auch niemand, wie alt sie sind, weil sie schon immer wie ältere Herren rüberkamen. Ein Teil von mir ist also ganz froh, älter zu werden. Als jüngerer Mensch war ich nie gerne jung. Ich wollte so schnell wie möglich erwachsen sein. Schließlich habe ich schon mit 16 Marihuana verkauft.


3