Bayern 2 - Zündfunk


10

Neuer Film von Angela Schanelec Buhrufe und den Regiepreis der Berlinale : Wie der neue Film "Ich war zuhause, aber..." beides schafft

Jeder Film hat es schwer, wenn er am gleichen Tag wie ein neuer Tarantino startet. Erst recht, wenn es ein deutscher Kunstfilm ist, der den kryptischen Namen „Ich war zuhause, aber…“ trägt. Doch man sollte dem neuen Film von Angela Schanelec unbedingt eine Chance geben, findet Sebastian Spallek.

Von: Sebastian Spallek

Stand: 16.08.2019

 Angela Schanelec | Bild: picture-alliance/dpa

Eins vorneweg: Der Film „Ich war zuhause, aber…“ trifft künstlerische Entscheidungen, die nicht jedem Zuschauer passen werden. Da sind die unnatürlichen Dialoge, der fehlende Handlungsstrang oder die viel zu langen, statischen Kameraeinstellungen, in denen sich beispielsweise ein Hund über eine Minute in einen Hasenkadaver verbeißt. Es ist ein Film, der nicht verstanden oder gefallen will, und dabei alles riskiert. Hochkomplex, poetisch - ja, ein Kinowunder.

Im Grunde erzählt der rätselhafte Film die Geschichte von Astrid, gespielt von Maren Eggert, ihrer Tochter Flo und ihrem Sohn Philip. Der 13-jährige taucht in der Morgendämmerung an seiner Schule auf. Er war verschwunden, wo er gesteckt hat, ist unklar. Seine dreckverkrustete Jacke gibt uns den Hinweis, dass er im Wald gewesen sein muss. Warum der Junge abgehauen ist, erfahren wir nicht. Denn Kommunikation ist in diesem Film unmöglich. Die Dialoge wirken starr und unklar, etwa wenn Astrid an der Schule ihres Sohnes mit den Lehrern spricht.

Der Film verweigert es, Natürlichkeit vorzugaukeln

In „Ich war zuhause, aber…“ ist das Nichtgezeigte, das Unsagbare so wichtig wie das Gezeigte. Informationen liegen in der Vergangenheit, im Off. Der Film erzählt das Leben nach seinen eigenen Regeln. So bekommen wir in subversiven Bildern und zu den Klängen einer todtraurigen Coverversion von Bowies "Let’s Dance" mit, dass der Vater der Familie verstorben ist. Astrid schleicht sich nachts auf den Friedhof, sie schläft neben dem Grab ihres Mannes. In der nächsten Szene führt die Familie einen Tanz vor einem Krankenbett auf. Der Vater selbst ist nie zu sehen. Neben solchen hochemotionalen Passagen wirkt der Film trotzdem immer artifiziell, unlogisch und spröde, gemessen an unserer Realität. In einem Handlungsstrang von vielen spielen die Kinder einer Schulklasse Shakespeares Hamlet, sie wirken dabei wie in Trance.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

ICH WAR ZUHAUSE, ABER... Trailer Deutsch German (2019) | Bild: Moviepilot Trailer (via YouTube)

ICH WAR ZUHAUSE, ABER... Trailer Deutsch German (2019)

Auch darum geht es in „Ich war zuhause, aber…“. Um die Inszenierung von Film und Theater. Denn gibt es Authentizität im Schauspiel? Die Antwort: Nein. Schauspieler gaukeln uns immer nur eine Realität vor und wir, die Zuschauer, müssen an diese glauben - so die Abmachung. Das greift der Film auf, er verweigert wirklichkeitsnahe Darstellungen und ist damit oft wahrhaftiger als herkömmliches Kino - keiner möchte hier realistisch spielen, weil es ein realistisch eben nicht gibt. Nur die Natur kommt ohne die Lüge aus - Straßenlärm, Wasserplätschern, ein Esel oder ein Hund wirken oft lebendiger als die Schauspieler.

Müssen Filme die Realität erklären?

Es klingt fast so, als würde Angela Schanelec, die Regisseurin von „Ich war zuhause, aber…“, ihre eigene künstlerische Herangehensweise an den Film durch ihre Schauspieler erklären - Meta eben. Schanelec gilt seit den 90ern als Vertreterin der Berliner Schule. Ihre Filme sind ruhig, ernst und komplex, immer mit einer markanten Strenge. Und trägt der Film nicht auch autobiografische Züge? Bei dem Monolog von eben könnte man es fast glauben. Die Regisseurin hat ihren Mann, den Theaterregisseur Jürgen Gosch, an Krebs verloren, hat zwei Kinder mit ihm und ist wie ihre Hauptdarstellerin auch Künstlerin.

Auf der Berlinale bekam Angela Schalanec für „Ich war zuhause, aber…“ Buhrufe, aber auch den Regiepreis. Für einen Film, der mit unseren Sehgewohnheiten bricht, uns fordert und eventuell vor den Kopf stößt, kurz, für einen großen Film über das Leben.  Denn auch wir können unsere Realität nicht immer erklären; warum muss es dann die Kunst tun?


10