Bayern 2 - Zündfunk


18

"4 Blocks" startet auf ZDFNeo Warum die knallharte Serie so realistisch ist

"Wir töten nicht. Schon gar keine Bullen", sagt Tony Hamady. Die Serie "4 Blocks" läuft das erste Mal im Free-TV und bietet Einblick in die kriminelle Welt arabischer Clans in Berlin – einen realistischen, sagt Christian Stahl.

Stand: 28.11.2017

Kida Khodr Ramadan, Frederick Lau und Veysel Gelin sitzen in einem Auto, vorne auf der Ablage ist eine Waffe zu sehen. | Bild: 2017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co

Diese Woche startet die TNT-Serie "4 Blocks" auf ZDF Neo und ist online in der Mediathek von funk zu finden, bereits im Sommer war die Geschichte über den Anführer eines libanesischen Clans in Berlin Neukölln im PayTV zu sehen: Ali "Tony" Hamady lebt seit 26 Jahren mit seiner Familie in Deutschland. Sein Wunsch: Ein neues Leben. Als geflüchteter Libanese hofft er auf Bleiberecht und damit auf die Möglichkeit, offiziell arbeiten zu können. Als sein hitzköpfiger Bruder Anspruch auf den Thron des Familienclans erhebt, muss Tony reagieren. Mit seinem alten Freund Vince an seiner Seite, gespielt von Frederick Lau, scheint eine Zukunft möglich, allerdings weiß Tony nicht, dass Vince als verdeckter Ermittler agiert.

Die Serie skizziert ein Bild aus Zukunftsangst, Kriminalität und Perspektivlosigkeit. Dieser Eindruck deckt sich mit der Realität, sagt Christian Stahl. Der Filmemacher und Autor ist quasi Experte auf dem Gebiet. Er hat den Dokumentarfilm "Gangsterläufer" (2011) und das Buch "In den Gangs von Neukölln" (2014) veröffentlicht und selbst viel in der Szene recherchiert.

Herr Stahl, was halten Sie von der Serie "4 Blocks"?

Es ist eine sehr realistische Serie, es ist eine Thriller-Serie, es geht um Sex und Crime in Neukölln, um die Gangs, um brutale Machenschaften eines fiktiven Clans, den es aber mehr oder weniger so auch in der Wirklichkeit gibt. Ich habe selbst 10 Jahre lang in Neukölln gelebt, habe Gangs kennen gelernt, ich war in den Flüchtlingslagern und im Knast. Das ist verblüffend nah dran an der Wirklichkeit, so wie ich sie kennengelernt habe in diesen 10 Jahren.

Das organisierte, libanesische Verbrechen in Berlin, diese Wirklichkeit wird mit "4 Blocks" das erste Mal in einer Serie thematisiert. Wo kommen die Menschen her und warum gibt es diese Gangs in Berlin?

Regisseur und Autor Christian Stahl, Autor von "In den Gangs von Neukölln"

Anfang der 90er Jahre, der Libanon-Krieg war gerade vorbei, da kamen sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland, zu Zehn-, zu Hunderttausend, niemand kennt die genauen Zahlen, weil sie nicht wirklich registriert und überprüft worden sind.  Darunter waren auch einige wenige Kriminelle. Das waren am Anfang nicht viele, so sagen es auch Berliner Polizei und Behörden. Es  waren ein paar Familien und man dachte, die gehen sowieso zurück, wenn der Krieg vorbei ist. Aber die Menschen sind nicht gegangen. Wohin denn auch? Es sind auch keine Libanesen. Das wird immer wieder fälschlicherweise gesagt. Diese Clan- und Mafiastrukturen gibt es, aber es sind zum größten Teil Palästinenser aus dem Libanon oder Kurden - also beides Staatenlose, was Kriminalität in keinster Form rechtfertigen soll. Aber wenn man wissen will, wo die Kriminalität herkommt und wie wir sie abschaffen können, ist es sinnvoll, sich mit den Ursachen zu beschäftigen. Palästinenser und Kurden werden fürchterlich diskriminiert in diesen arabischen Schwester- und Bruderstaaten. Sie leben in den Flüchtlingslagern wie in Freilustknästen. Ich war da, um mir das anzugucken. Und hier in Deutschland hatten sie nur eine Duldung über 10, 15 Jahre.

Welche Konsequenz hat das für die Familien?

Eine Duldung ist die Aussetzung der Abschiebung, die eigentlich für sechs Monate gedacht ist. Aber das Problem ist: Man kann diese Leute gar nicht abschieben, weil die sogenannten Heimatländer sie nicht zurücknehmen. Sie können auch nicht einfach zurück gehen, weil der Krieg nie aufgehört hat. Dadurch wurde aus einer ursprünglich für sechs Monate gedachten Duldung eine sogenannte Kettenduldung, die zum Teil 15 Jahre oder länger gedauert hat. Das ist völlig absurd. Wenn ich Leute 15 Jahre lang vom Arbeitsmarkt fernhalte, sie keine Steuern zahlen lasse, ihnen verweigere zu studieren, den Führerschein zu machen, den Landkreis beziehungsweise den Kiez, wie man in Berlin sagt, zu verlassen, dann muss man sich nicht wundern, dass dann aus diesem staatsrechtlichen Ghetto, auch irgendwann kriminelle Strukturen entstehen, die sich verselbstständigen.

Momentan wird oft über "Zeitbomben" gesprochen, wenn es um junge Syrer oder Flüchtlinge aus anderen Ländern geht. Was wäre denn gut? Was müsste man machen, um junge Geflüchtete sinnvoll in Deutschland ankommen zu lassen, damit sie es nicht nötig haben zu dealen oder kriminelle Strukturen aufzubauen?

Hoffmann und Campe Verlag, 17,99 Euro

Eine Perspektive eröffnen. Sie haben ja schon bewiesen, dass sie ein Unternehmen führen können. Das Unternehmen "Flucht organisieren, durchführen und überleben". So zynisch das klingt, das ist ein Start-Up. Allein das Geld zu organisieren, eine Flucht durchzuführen, bis nach Europa zu kommen, da hast Du was erreicht. Warum lassen wir sie nicht arbeiten? Wieso sperren wir sie weg? Wieso sorgen wir nicht dafür, dass diese Jungs mit einem einfachen Fingerabdruck schon bei der Einreise nach Europa registriert werden und nicht Monate oder Jahre lang waren müssen, bis eine überforderte Behörde in Berlin sich dazu bequemt, sie dann irgendwie falsch zu registrieren und dass dann sowas passiert wie mit Anis Amri. Das wäre doch nicht so schwer.


18