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Der Film über das Utoya-Massaker "Utoya 22. Juli" zeigt einen Massenmord als Action-Horror-Film und bringt uns so an eine künstlerische Grenze

Am Donnerstag kommt ein norwegischer Spielfilm ins Kino, der sich mit den Anschlägen des Massenmörders Anders Breivik beschäftigt. Der Film begleitet eine Jugendliche auf der Ferieninsel Utoya bei ihrer Flucht vor Breivik. Regisseur Erik Poppe ist ein spannendes Action/Horror-Drama gelungen. Aber es fragt sich, ob man so mit realen Ereignissen umgehen kann, die noch in jedermanns Bewusstsein sind.

Von: Roderich Fabian

Stand: 29.06.2018

Utøya 22. Juli - Szene aus dem Film | Bild: Weltkino

"Utoya, 22.Juli" zeigt anfangs dokumentarische Aufnahmen über den Bombenanschlag in Oslo, der Andres Breiviks Amoklauf auf der Insel vorausging und ihm als Ablenkungs-Manöver diente. Erst dann springt der Film auf die Ferieninsel und zeigt uns die Jugendlichen, die gerade von dem Anschlag erfahren haben. Im Zentrum des Films steht die 15-jährige Kaja. Sie muss auf Utoya auch auf ihre jüngere Schwester Emilia aufpassen, die mit den Nachrichten aus Oslo zunächst nicht umgehen kann und fröhlich im Wasser planscht. Ihre Schwester rügt sie "Alle Leute sind völlig geschockt und du kreischst hier 'rum und machst Party?"

Eine Rose schwimmt vor der Ferieninsel Utoya.

Kurz danach zieht Anders Breivik mit seinem Gewehr über die Insel und wird am Ende 77 Menschen ermordet haben. Aber der Zuschauer sieht den Killer fast nie, nur ab und zu schemenhaft im Hintergrund. Die Kamera bleibt immer bei der erfundenen Hauptfigur Kaja, die wie alle anderen versucht, sich vor Breivik zu verstecken. Der Film ist in einem One-Take-Verfahren gedreht, das heißt es gibt keine Schnitte, was die Geschichte authentischer wirken lässt. Der norwegische Regsisseur Erik Poppe, der "Utoya, 22 Juli" gedreht hat, gibt natürlich nur hehre Ziele an, was die Motivation für seine Arbeit angeht: "Ich wollte diesen Film machen, um die Aufmerksamkeit zurück auf die Opfer zu lenken, auf die Familien und auf das, was an diesem Tag passiert ist. Man hat sich zu viel auf den Terroristen konzentriert und auf Fragen, wie man die Gesellschaft wieder funktionsfähig macht. Aber mir scheint es, dass wir immer noch nicht verstanden haben, was wirklich passiert ist. So wie es keine Worte dafür gibt, auszudrücken, wie es war, auf dieser Insel gewesen zu sein. Doch das kann ein Film leisten".

Mehr Action-Horror als Aufarbeitung

Der norwegische Regisseur Erik Poppe.

Aber der Film leistet eben nicht, was Poppe hier behauptet. Denn so sehr wir uns für Kajas Schicksal einnehmen lassen, so bleibt es doch jederzeit eine konstruierte Geschichte. Mit jeder Minute entwickelt sich Poppes Werk mehr weg von der Aufarbeitung eines historischen Ereignisses und hin zu einem - zugegeben: spannenden - Action-Horror-Film. Und damit wird "Utoya 22.Juli" eben zu reinem Entertainment. Mit Trauerarbeit oder Analyse des schrecklichen Geschehens hat der Film kaum etwas zu tun. Erik Poppe meint aber, der Film sei in Norwegen richtig verstanden worden: „Das Publikum hat den Film und die Art, wie die Geschichte erzählt wird, akzeptiert. Den Leute sind Wörter wie "Würde" und "Respekt" in den Sinn gekommen, und das waren die wesentlichen Elemente, mit denen wir an die Sache herangegangen sind. In Norwegen startete der Film erstmal mittelprächtig, aber dann kamen immer mehr Leute in die Kinos, weil sie gehört hatten, der Film ist gar nicht so brutal. Es ist ein starker Film, ein starkes Thema“.

Dass das Massaker von Utoya ein starkes Thema ist, steht außer Zweifel. Ob man damit so umgehen kann, wie Erik Poppe es getan hat, ist aber eine andere Frage. Unter dem Motto "Based on true Events" wird hier das betrieben, was gar nicht geht, nämlich Exploitation, Ausbeutung eines populären Themas als Mittel zum Verkauf von Kino-Karten. Es ist eben ein Unterschied, ob man Churchills Politik im Zweiten Weltkrieg oder die Geschichte der Borgias verfilmt oder ob man ein schreckliches Ereignis, das erst sieben Jahre zurückliegt, nach eigenem Geschmack "künstlerisch" interpretiert. "Utoya 22 .Juli" ist dabei vergleichbar mit dem 2006 entstandenen Film "Rohtenburg", der die Geschichte des hessischen Kannibalen Armin Meiwes nachzuerzählen versuchte. Auch hier wurde ein öffentliches Interesse an den Hintergründen der Ereignisse unterstellt, obwohl man eigentlich nur Kasse machen wollte. Den Eindruck gewinnt man auch hier."„Utoya 22. Juli" ist deshalb ein spannendes, gut inszeniertes, aber eben doch: Ein Machwerk.


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