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DOK.fest München Die Doku "Magaluf Ghost Town" zeigt den Horror des Billigtourismus auf den Balearen

Spanien ist Gastland beim Münchner DOK.fest. Einer der zehn spanischen Filme bringt uns Magaluf näher, ein Ort auf der Ferieninsel Mallorca. Er ist so etwas wie der britische Ballermann. Der Spanier Miguel Angel Blanca hat dort seine Studie „Magaluf Ghost Town“ gedreht, eine Art dokumentarischer Horrorfilm.

Von: Roderich Fabian

Stand: 10.05.2022

Eine Szene aus dem Film "Magaluf Ghost Town". | Bild: DOK.fest München Magaluf Ghost Town

Was man bei Ferienorten oft vergisst: Es gibt hier nicht nur Touristen und Menschen, die im Tourismus arbeiten, sondern auch Menschen, die einfach in diesen Orten aufgewachsen sind und immer noch dort leben. Und genau die sind die wesentlichen Protagonisten im Film „Magaluf Ghost Town“. Eine davon ist eine Rentnerin, die seit Jahrzehnten eine kleine Wohnung mitten im Touristenviertel von Magaluf bewohnt. Ihr Mann ist schon lange tot. Sie ist gezwungen, ein Zimmer unter zu vermieten. Und so lernt sie einen afrikanischen Arbeiter kennen, der für den Winter in Mallorca ist. Im Film erleben wir mit, wie sich die beiden allmählich anfreunden.

Der Hotspot für britische Billigtouristen

Später sehen wir die lebenslustige Rentnerin durch das Zentrum von Magaluf spazieren und damit durch eine Welt, mit der sie absolut nichts zu tun hat. Im Viertel Punta Ballena reihen sich Bierbars und Diskotheken eng aneinander. Es sieht aus wie am sogenannten „Ballermann“ in Palma, aber Magaluf ist der Hotspot für die britischen Billigtouristen, die jeden Sommer über den Ort herfallen, sich zusaufen und sehr ungeniert Sex haben, am Strand oder gleich auf dem Dancefloor. Regisseur Miguel Angel Blanca macht kein Geheimnis daraus, was er von diesen Touristen hält: nämlich gar nichts.

Der Alltag in Magaluf: Den Wocheneinkauf tätigen neben betrunkenen Touristen.

Der zweite Protagonist seines Films ist ein queerer 19jähiger, der sich in Magaluf mit Gelegenheitsjobs und kleinen Diebstählen über Wasser hält. Eigentlich will er ja Schauspieler werden oder Sänger wie sein großes Vorbild Britney Spears. Und so sehen wir ihn dann auch bei der Gesangsausbildung. Eigentlich wäre er ein ganz normaler Jugendlicher, aber er lebt nun mal auf Mallorca und muss mit den Touristen-Horden klarkommen, zu denen er jedoch eine ähnlich große Distanz hält wie die Rentnerin. Aber er hat obendrein einen unterschwelligen Hass auf die Fremden, die Jahr für Jahr über seine Heimat herfallen. Und so erzählt er seinem Freund und Lover: „Jedes Jahr verschwindet in Magaluf ein Tourist auf unerklärliche Weise. Die Polizei sucht nach ihm, aber sie finden ihn nie: Keine Leiche, keine Hinweise, nichts. Das Ganze taucht auch nicht in den Medien auf. Nur die Familien in Magaluf wissen davon. Deswegen weiß ich es auch. Jetzt würdest du gerne wissen, was wir mit ihnen machen, nicht wahr?“

Mit der Lebensweise auf den Balearen hat das nichts mehr zu tun

Zwei Jungs fahren zum Strand im Film „Magaluf Ghost Town“.

Aber das wird nicht verraten. Dafür erfahren wir in „Magaluf Ghost Town“, dass im Durchschnitt sieben Touristen pro Jahr bei dem Versuch sterben, vom Hotelbalkon in den Pool im Hof zu springen - ein makabrer Nebeneffekt der Alkoholexzesse in Mallorca. Mit der Zeit mutet der Film schon wie ein dokumentarisches Horror Movie an, aber das macht auch seine Faszination aus. Hoffnung auf Veränderung kommt ausgerechnet von einer russischen Investorin, die auf der Insel lebt. Sie ist dabei, den Ferienort sozusagen zu gentrifizieren. Denn sie kauft Billig-Hotels auf, verwandelt sie in Luxus-Resorts für Wohlhabende - und kommt dabei anscheinend sehr gut voran.

Wie auch immer sich der Ort entwickeln mag - irgendwie ist der Film „Magaluf Ghost Town“ nicht nur ein Argument gegen den Billigtourismus, sondern gegen Tourismus ganz allgemein. Denn egal, ob man sich als prolliger Brite in der Bier-Bar oder als russischer Oligarch auf dem Golfplatz vergnügt - mit der ursprünglichen Landschaft und Lebensweise auf den Balearen hat das alles nichts mehr zu tun. Und vielleicht hat der Anfang vom Ende dieser Art des Reisens ja schon längst stattgefunden. Nimmt man die Botschaft und die überaus atmosphärische Machart des Films zusammen, haben wir es hier mit einem der stärksten Dokumentarfilme der letzten Jahre zu tun.

Der Film „Magaluf Ghost Town“ wird am Mittwoch, 11.Mai um 18 Uhr im Rahmen des Münchner DoK.fests im Rottmann-Kino gezeigt, ist aber auch im Online-Angebot des Festivals enthalten, kann also noch bis zum Wochenende fürs Heimkino gebucht werden.