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Saison 2022 Warum auch dieses Jahr viele Festivals vor dem Aus stehen

Keine Masken, keine Tests, Impfstatus egal. Für die Festival-Saison 2022 stehen die Zeichen eigentlich auf Rückkehr zur Normalität. Warum sich die Festival-Szene trotzdem Sorgen macht. Und welche Rolle das Finanzamt dabei spielt.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 26.04.2022

Besucher tanzen vor der Hauptbühne des vom Verein Kulturkosmos organisierten Fusion-Festival 2019 in Mecklenburg-Vorpommern | Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner

Zurück zur Normalität, heißt es aktuell für Raves und Festivals: keine Masken, keine Tests, Impfstatus egal. Die Clubs sind wieder offen und Gigs voll ausgelastet. Zwar ist das Virus noch da, aber die Beschränkungen fallen. Was könnte die Festivalsaison 2022 also noch durchkreuzen?

So einiges, meint Johanna Stark von LiveKomm, dem Verband der Musikspielstätten in Deutschland. Die größte Angst der Festival-Betreiber*innen: dass die Inzidenzen wieder steigen und die alten Corona-Regeln zurückkehren. Denn das wäre das Aus für die Sommer-Festivals – und enorm teuer. „Auf einem Festival Abstand und Maskenpflicht durchzusetzen, ist als veranstaltende Person einfach nicht möglich“, sagt Stark.

Das sieht auch Martin „Eule“ Eulenhaupt so, einer der Chefs des legendären Fusion-Festivals. Vergangenes Jahr fand die Fusion mit weniger Tickets, aber dafür einem PCR-Test-Zentrum auf dem Festival-Gelände statt. Dieses Jahr wird das so aber nicht gehen, sagt Eule. Corona-Tests bei einem fünftägigen Festival mit 70.000 Menschen hält er für unrealistisch – schon 2021 seien sie beim Testen an ihre Grenzen gekommen. Und damals kamen sie mit Publikum und Crew nur auf rund 12.000 Tests pro Tag.

Festivals als Superspreader-Events

Die zweite große Angst der Betreiber*innen ist deshalb, dass die Festivals zu Covid-Superspreader-Events für Künstler*innen, Personal und Gäste werden. „Das Infektionsgeschehen wird nicht weg sein“, sagt Eule. „Und man wird den Menschen erklären müssen, dass sie sich selbst schützen müssen.“ Also beispielsweise freiwillig eine Maske tragen. Denn den Veranstalter*innen sei es unmöglich, Maßnahmen zu ergreifen, die alle schützen.

Eule und die anderen Betreiber*innen fordern deshalb Garantien, dass Masken- und Testpflicht nicht zurückkehren. Sie könnten sich den damit verbundenen Aufwand nicht leisten. Wie realistisch ist das politisch? Telefon-Nachfrage bei der Bundestagsabgeordneten Caren Lay. Die Linken-Politikerin ist clubpolitische Sprecherin im Bundestag und hatte am Montag Festival-Betreiber*innen zu einem virtuellen runden Tisch eingeladen.

Die Linke Caren Lay und Martin „Eule“ Eulenhaupt im Gespräch über die Fusion 2019 – damals noch ohne Corona.

„Im Moment hat die Ampel gesagt, wir entscheiden gar nichts mehr, wir lassen es einfach laufen und durchseuchen“ – so beschreibt Lay im Interview die aktuelle Coronapolitik. Zugleich hätten die Bundesländer die Möglichkeit, wenn es Hotspots gebe, wieder Auflagen zu machen. „Aber das hängt dann davon ab, wie hoch die Inzidenzen sind, und ob die Länder sich dazu entscheiden.“ Länder-Lotterie also, und eine Restunsicherheit was die Regeln betrifft.

Gentrifizierung in der Festival-Szene

Hinzu kommt eine Angst, die man eigentlich nur vom Wohnungsmarkt kennt: Gentrifizierung. Die Stärkeren und Hipperen setzen sich durch. Wie Gentrifizierung jetzt auch die Raver-Szene betrifft, erklärt DJ und Veranstalter Ruede Hagelstein: „Jenen, denen es schon immer ganz gut ging, geht es natürlich nach wie vor sehr gut – während es die kleine subkulturelle Schublade schwer hat.“ Denn viele könnten sich teurer gewordene Tickets nicht mehr leisten. Während große Acts gerade jetzt wieder Stadien vollkriegen, haben immer weniger Leute Geld übrig, um auch auf kleine Festivals zu gehen.

"Jenen, denen es schon immer ganz gut ging, geht es natürlich nach wie vor sehr gut – während es die kleine subkulturelle Schublade schwer hat."

DJ und Veranstalter Ruede Hagelstein

DJ und Veranstalter Ruede Hagelstein.

Und zu guter Letzt ist da auch noch die ohnehin omnipräsente Angst aller freischaffenden Künstler*innen, DJs und Festival-Veranstalter*innen: das Finanzamt. Das rufe jetzt an mit der Erinnerung: „Wir hatten Ihnen ja für Ihre Einkommenssteuer für die letzten zwei Jahre gesagt, dass Sie nichts mehr vorauszahlen müssen.“

Als die Vorauszahlungen damals ausgesetzt wurden, sei das „der schönste Anruf vom Finanzamt gewesen, den ich je hatte“, erinnert sich Hagelstein. Doch seine Begeisterung gehört der Vergangenheit an. Denn nun habe ihn das Finanzamt angerufen mit der Botschaft: „Jetzt hätten wir gerne alle Vorauszahlungen der letzten zwei Jahre auf Grundlage der Berechnungen von 2019.“ Und das ohne, dass schon wieder Geld in den Kassen wäre.

Das Fazit der Betreiber*innen: Wenn der Staat und die Regierung Raves und Festivals nicht langfristig als wichtige Kulturveranstaltungen anerkennen und unterstützen, dann könnte das für viele das Aus bedeuten. Die Rückkehr zur Normalität hatten sie sich anders vorgestellt.