Bayern 2 - Zündfunk


14

Ferda Ataman über Hanau "Warum können wir Minderheiten in unserem Land kein ausreichendes Schutzgefühl bieten?"

Der Anschlag in Hanau hatte einen rassistischen Hintergrund. Wir haben mit Ferda Ataman über den Nährboden solcher Taten und die Angst vieler migrantischer Personen vor dem aufkommenden Rechtsextremismus in Deutschland gesprochen.

Von: Franziska Eder

Stand: 20.02.2020

Journalistin | Bild: picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB

Ferda Ataman ist Journalistin und Vorsitzende des Netzwerks "Neue Deutsche Organisationen". Nach dem rechtsterroristischen Anschlag auf zwei Shisha-Bars in Hanau haben wir sie zur aktuellen Situation, Rassismus in Deutschland und der Angst vieler migrantischer Personen und People of Color vor erstarkenden rechten Strukturen in Deutschland befragt.

Zündfunk: Auf welchem gesellschaftlichem Humus gedeiht eine Tat wie die von Hanau? Durch was werden diese Täter ermutigt, ermächtigt und vielleicht auch getriggert?

Ferda Ataman: Das sind meistens Leute, die sagen: Mir reicht es nicht dagegen zu sein oder zu protestieren oder mich aufzuregen über etwas, sondern ich lasse Taten walten. Und "Taten statt Worte", das war auch schon das Motto des NSU. Das ist hier auch der Fall. Und tatsächlich gibt es Überschneidungen zu rechtsextremen und rassistischen Einstellungen in der Bevölkerung, die dahingehen, dass viele Menschen das Gefühl haben, sie seien fremd im eigenen Land. Sie haben das Gefühl, dass sie sich aus einer berechtigten eigenen Angstposition heraus verteidigen müssen. Und der große Spagat, den man machen muss bei dem Thema, ist, wenn ein Bundesinnenminister antritt und sagt: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland." Da kann man eigentlich eins und eins zusammenzählen und erkennen, dass das den Nährboden dafür bietet.

Jetzt gab es den Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke. War das ein Wendepunkt, was die Arbeit von Verfassungsschutz, Polizei und auch Politikern angeht, weil ein weißer Politiker gestorben ist? Glauben Sie, dass das was verändert hat?

Die Tatsache, dass immer mehr Lokalpolitiker*innen angegriffen und bedroht werden, hat durchaus was verändert. Es scheint so zu sein, dass viele Menschen erst dann alarmiert sind, wenn sie merken: Es kann auch mich treffen. Weiße Menschen, die keinen Migrationshintergrund haben, und so weiter. Das ist ärgerlich, weil migrantische Organisationen von People of Color von schwarzen Menschen seit Jahren sagen, dass sie stärker angefeindet werden, dass Rassismus gefährlich ist. Es gibt unzählige Fälle von nicht aufgeklärten Straftaten. In Berlin zum Beispiel in Neukölln wurde vor ein paar Jahren ein junger Mann namens Burak umgebracht an der Bushaltestelle. Bis heute gehen viele Ermittler davon aus, dass es rechtsextrem motiviert war. Aber es ist nie zu Ende ermittelt worden. Und solche Fälle gibt es viele. Da mal hinzuhören und zu merken: Woran hakt es eigentlich? Warum können wir den Minderheiten in unserem Land kein ausreichendes Schutzgefühl bieten? Das wäre schon wichtig.

Diese Ängste hat der hessische Ministerpräsident heute versucht anzusprechen. Wie steht es denn um ihre persönliche Angst? Sie sind in Stuttgart geboren und können nirgendwo hin zurückgehen. Haben Sie schon mal die fürchterliche Angst gehabt: Deutschland kann es für mich nicht sein?

Ja, natürlich in den letzten Jahren. Jedes Mal, wenn darüber nachgedacht wird, ob man mit der AfD koaliert, ob das nicht vielleicht doch eine Option wäre, ob nicht vielleicht doch die Moderaten irgendwie zum Zug kommen. Wer einmal ein Programmpapier von der AfD gelesen hat, weiß, dass Leute wie ich – egal, wie gut ich Deutsch spreche, egal wie sehr ich mich „integriert“ habe – dass ich hier keine Zukunft habe. Wenn sich das umsetzen ließe, was die sich so wünschen. Wir haben eine Partei in sämtlichen Parlamenten sitzen, die ein ganzes Kapitel ihres Programms Muslimen widmet. Das hätte ich nicht gedacht, dass das in Deutschland nochmal passieren kann. Das macht mir schon Angst.

Sie sind Vorsitzende und Sprecherin der "Neuen Deutschen Organisationen". Das ist ein Netzwerk, welche Themen werden dort behandelt und welche Strukturen auf den Prüfstand gestellt?

Wir treffen uns zum fünften Mal. Das sind bundesweit 100 Initiativen von Menschen aus Einwandererfamilien, die in der zweiten und dritten Generation hier sind. Wir dachten ja früher irgendwann mal, dass wir irgendwann Deutsche werden. Aber wir mussten feststellen, dass das nicht so ist. Dass wir immer noch gefragt werden, wo wir herkommen. Dass wir immer noch für unser Deutsch gelobt werden.

Sie sind in Stuttgart geboren und sprechen prima Deutsch!

Dankeschön. Sie sprechen auch gut Deutsch. Die Themen, mit denen wir uns zum fünften Mal jetzt beschäftigen sind: Bildung, Teilhabe, Inklusion. Das heißt, wir wollen nicht mehr darüber reden, welche Integrationsangebote gemacht werden können. Wir wollen uns eigentlich auch in den Chef-Posten sehen. Wir wollen Repräsentation. Wir wollen in Deutschland keine Gremien, und Aufsichtsräte mehr sehen, in denen nur weiße Menschen sind. Das begegnet uns ständig und wir fragen: Warum ist das so? Wie kann sich das ändern und wie können wir dazu beitragen, dass sich das ändert. Leider wird die Konferenz aber auch dieses Jahr wieder unter dem Eindruck von rechtsextremen Taten stehen.


14