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Feministische Klassiker im Zündfunk Wie Ursula K. Le Guin mit "Die linke Hand der Dunkelheit" die Geschlechterkonstrukte auf den Kopf stellte

Zündfunk-Kollegin Laura Freisberg moderiert seit sechs Jahren einen feministischen Leseclub hier in München. Weil gerade jetzt Zeit zu lesen ist, hat sie für uns eine total subjektive Best-Of Auswahl getroffen und stellt uns in den nächsten Tagen ihre feministischen Lieblingsklassiker vor.

Von: Laura Freisberg

Stand: 07.04.2020

Autorin Ursula K. LeGuin in ihrem Zuhause | Bild: picture alliance / AP Photo

Der Roman “Die linke Hand der Dunkelheit” steht im Buchladen vermutlich in der Science-Fiction - Ecke: denn es geht um fiktive Welten, einen Zusammenschluss von verschiedenen Planeten, Telepathie und so weiter. Passender wäre aber die Kategorie “Social Fiction”, denn der amerikanischen Autorin Ursula K.Le Guin geht es weniger um technischen Schnickschnack, als um eine gesellschaftliche Versuchsanordnung. Wobei das für gute Science Fiction ja immer zutrifft.

Le Guin wagt in “Die Linke Hand der Dunkelheit” ein besonderes Gedankenexperiment: sie erfindet einen Planeten, auf dem die Menschen weder Frau noch Mann sind - sondern asexuell bis auf ein paar Tage im Monat. In der Zeit der sogenannten “Kemmer” können sie mal zur Frau, mal zum Mann werden. Jeder Mensch kann in seinem Leben also potentiell Mutter und Vater sein.

Der König ist schwanger

Der Planet “Winter” auf dem diese androgynen Menschen leben, liegt irgendwo in einem ziemlich einsamen Bereich des Weltalls, siebzehn Lichtjahre vom nächsten bewohnten Planeten entfernt. Hierhin wird der Terraner Genly Ai gesandt, um die Menschen dort davon zu überzeugen, sich der Ökumene - der Vereinigung aller bewohnten Planeten - anzuschließen.

Dem Ich-Erzähler von der Erde sind diese Menschen erst mal sehr suspekt. Er versucht immer wieder, sie in die eine oder andere Kategorie einzuordnen, wobei ihm besonders die vermeintlich “weiblichen” Eigenschaften bei mächtigen Personen unangenehm auffallen. Allerdings entscheidet er sich, in seinem Bericht für die Ökumene generell von “Männern” zu sprechen. Was beim Lesen zu so seltsamen Sätzen führt wie: Der König ist schwanger. Oder eben: “Er war der Verwalter meiner Insel, aber ich sah in ihm immer nur meine Zimmerwirtin, weil er ein breites, beim Gehen wackelndes Hinterteil und ein schwammiges, fettes Gesicht hatte und ausgesprochen neugierig, vorwitzig, hinterhältig und zugleich freundlich war. Er wirkte und gab sich so feminin, dass ich ihn einmal fragte, wieviele Kinder er habe. Er zog eine traurige Miene. Nein, geboren hatte er keine, gezeugt dagegen vier…”

Unsere Sprache ist beschränkt

Schon in den 70er Jahren, als der Roman erschien, wurde kritisiert, dass er zwar von ambisexuellen Menschen erzählt - dass aber über sie nur in der männlichen Form gesprochen wird - und deshalb beim Lesen auch nur Bilder von Männern entstehen, wenn von Lords, Ministern, Königen, Vätern und Söhnen die Rede ist. Doch genau das Dilemma des Romans zeigt vor allem, wie beschränkt unsere Sprache ist - und somit auch der Beobachter von der Erde.

“Die Linke Hand der Dunkelheit” wirkt auf den ersten Blick nicht dezidiert feministisch und seine Botschaft bekommt man über einen Umweg: Denn der Ich-Erzähler von der Erde ist ein ziemlicher Macho, der diverse politische Intrigen, ein Arbeitslager und eine dreimonatige Flucht durch die Eiswüste überleben muss, bis er es schafft, die Menschen auf Winter nicht mehr durch seine binäre Brille zu sehen. Erst durch die Freundschaft mit einem Menschen namens Estraven merkt der Ich-Erzähler, wie seine Konzepte von Frau/Mann sein Denken und Wahrnehmen eingeschränkt haben.

Und das ist das Großartige an LeGuins Roman: wenn man diese beschwerliche Reise mitgemacht hat, ist es, als wäre man selbst auf dem Planeten Winter gewesen und wundert sich über unsere Welt, die auch fünfzig Jahre nach dem Erscheinen des Buches, noch immer von Geschlechter-Klischees dominiert wird. Der späteren Debatte um Sex und Gender hat LeGuin auf jeden Fall einiges vorweggenommen.

Bis heute ein Geheimtipp

In Deutschland ist die 2018 verstorbene Autorin immer noch eher ein Geheimtipp - obwohl sie in 42 Sprachen übersetzt wurde und sich ihre Bücher bis heute Millionenfach verkaufen. In ihrem Vorwort zu “Die Linke Hand der Dunkelheit” erklärt Ursula K.LeGuin, dass Science-Fiction keine Literatur über die Zukunft ist - sondern über die Gegenwart. Und das ist der größte Gewinn, den man aus diesem Buch ziehen kann - sie schreibt nämlich:

“Ja, die Menschen in diesem Roman sind in der Tat androgyn, aber das heißt nicht, ich wollte damit vorhersagen, dass wir in vielleicht tausend Jahren alle androgyn sein werden, oder dass ich die Meinung verkünden wollte, wir sollten gefälligst androgyn werden. Ich bemerke nur - in der eigentümlichen, verschlungenen, einem Gedankenexperiment ähnlichen Weise der Science Fiction -, dass wir es, zu manchen Tageszeiten, bei bestimmten Wetter betrachtet, schon sind.”


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