Bayern 2 - Zündfunk


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"Feminismus für Alle!"-Autorin Julia Korbik im Interview "Wenn man Hipstersexismus kritisiert, ist man eine Spaßbremse"

2014 hat Julia Korbik das Buch "Stand Up - Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene" rausgebracht. Jetzt erscheint ein Update. Was hat sich in den fünf Jahren getan, gibt es Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung?

Von: Franziska Storz

Stand: 21.08.2019

Julia Korbik lächelt auf der Straße keck zur Seite | Bild: Lars Mensel

Im Jahr 2014 hat die Autorin Julia Korbik das Buch "Stand Up - Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene" veröffentlicht. Jetzt gibt es eine neue Auflage, der neue Nebentitel: "Feminismus für Alle". Warum das Update, fragen wir Julia Korbik im Interview.

Zündfunk: Für den Feminismus gilt was für den Kampf gegen die Klimakrise auch gilt: Wir reden wahnsinnig viel drüber, aber allzu viel hat sich noch nicht getan. Kämpferische Sprüche für die Frauenbewegung sind so verbreitet wie nie. Feminismus auf T-Shirts. Bringt das was?

Julia Korbik: Ich würde sagen, der große Unterschied zu von vor fünf Jahren, als das Buch zum ersten Mal erschienen ist, ist tatsächlich, dass ich damals dachte, möglichst jeder sollte sich Feministin oder Feminist nennen. Das wäre toll. Heute bezeichnen sich viele Leute als Feministin oder Feminist und es steckt nicht wirklich viel dahinter. Manche die in Feminismus-T-Shirts herumrennen, sind dann nicht wirklich feministisch. Für mich gehört zum Feminismus auch, diesen Gedanken in die Welt zu tragen und tatsächlich auch etwas für Gleichberechtigung zu tun.

In deinem Buch bezeichnest du Beyoncé als Vorzeige-Feministin für junge Frauen. Warum taugt sie als Rolemodel?

Beyoncé ist ein interessanter Fall. Sie ist ambivalent, aber ich finde schon, dass sie in vielerlei Hinsicht ein gutes Vorbild ist und ich glaube, viele junge Frauen sehen sie als solches. Das Interessante ist, dass sie sich vor ein paar Jahren noch gar nicht so richtig zum Feminismus bekennen wollte. Sie sah eher den wirtschaftlichen Gedanken. Also wenn Frauen so erfolgreich sind wie Männer, wäre das Feminismus. Natürlich ist sie wahnsinnig erfolgreich und das kann auch ein Vorbild sein. Ich glaube, wir tendieren aber dazu unsere Rolemodels zu überladen. Von feministischen Vorbildern erwarten wir, dass sie rundum perfekt sind und das ist natürlich auch unfair.

Wenn du dir Alice Schwarzer und Beyoncé an einem Tisch vorstellen würdest, hätten die sich noch was zu sagen?

Schwierig, Alice Schwarzers Magazin „Emma“ hatte einmal einen Pro-, und Contra-Artikel über Beyoncé. Wo sie darüber diskutiert haben, ob sie denn feministisch sei. Ich glaube die „Emma“ tut sich mit pop-feministischen Vorbildern schwer. Bei Alice Schwarzer persönlich ist ja auch das Problem, dass sie bestimmte Entwicklungen im Feminismus gar nicht mitbekommen möchte. Sie sieht alles sehr kritisch was seit den Siebzigern passiert ist. Also ob da Gesprächsgrundlage mit Beyoncé wäre, wage ich zu bezweifeln.

Lass uns doch mal über Männer sprechen. Glaubst du sie sind mittlerweile mehr bereit auf Privilegien zu verzichten?

Zumindest sind Männer mehr bereit sich als Feministen zu bezeichnen. Aber das führt natürlich nicht immer zur Hinterfragung von Rollenbildern. In meinem privaten Umfeld bekomme ich mit, dass sich Männer immer mehr bereit zeigen Elternzeit zu nehmen, auch über zwei Monate hinaus. Aber das kann auch an meiner sozialen Blase liegen. Denn wenn man sich die Statistiken ansieht, nehmen sich immer noch wenige Männer diese zwei Monate und zum Teil auch gar keine Elternzeit.

In deinem Buch schreibst du über „Hipstersexismus“, was genau meinst du damit?

Der Begriff stammt ursprünglich aus den USA und basiert auf der Idee des Hipster-Racism. Es meint, dass wir zu oft denken, wie weit und aufgeklärt wir sind. Und man genau deswegen ironische Witze über Gleichberechtigung machen und sich sexistisch verhalten kann. Mein Problem ist, dass dieser Sexismus so casual daherkommt und es wird mit einem „ja, du weißt doch wie es gemeint ist, ich würde doch eigentlich nie sexistische Bemerkungen machen“, abgetan. Ich finde es schwierig das zu kritisieren, weil damit oft verbunden ist, eine Spaßbremse zu sein. Dabei ist es so alltäglich und eine dominierende Art wie heute auch sexistisch gehandelt wird.


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