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Kultfilm im Check So feministisch ist Tarantinos „Kill Bill“ aus heutiger Sicht

Als Quentin Tarantinos Zweiteiler „Kill Bill“ vor fast 20 Jahren in die Kinos kam, haben ihn viele als feministisch gefeiert. Schließlich erzählt er die Rachegeschichte einer Frau gegen einen gewalttätigen Mann. Das kann man heute noch immer so sehen, doch an manchen Stellen bröckelt das feministische Denkmal.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 26.07.2022

Uma Thurman in Kill Bill im Jahr 2003 | Bild: picture-alliance / dpa | dpa-Film Buena Vista

„Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.“ Dieses klingonische Sprichwort aus ferner Zukunft steht am Anfang des Kult-Zweiteilers „Kill Bill“ von Quentin Tarantino. Fast zwanzig Jahre ist das jetzt her, dass die Filme über die Kino-Leinwand liefen, doch noch immer gelten sie als absolute Klassiker. Der Konsens: „Kill Bill“ ist als Samurai-Action-Film, Rache-Feldzug und Spaghetti-Western mit spritzendem Blut, philosophischen Dialogen und vielen Beweisen für Tarantinos Fußfetisch ein unangefochtenes Meisterwerk.

Uma Thurman als Black Mamba

Im Zentrum der Handlung steht Beatrix Kiddo, eine Auftragskillerin mit dem Code-Namen Black Mamba, gespielt von Uma Thurman. Sie ist Kung-Fu-Spezialistin, Schwertkämpferin und Mitglied im „Deadly Viper Assasination Squad“. Und nachdem ihr Ex-Freund und Ex-Boss Bill sowie die anderen Mitglieder der Killer-Bande sie hintergangen haben, sinnt sie auf Rache. Gefeiert wurde der Film dabei auch für seinen feministischen Unterton: Eine Frau als Action-Heldin, in einem epischen Rachefeldzug gegen einen Mann, der sie missbraucht und ihr alles genommen hat. Im Jahr 2003 ziemlich innovativ für Hollywood. Aber wie sieht das heute aus? Taugt die Black Mamba immer noch als feministisches Vorbild?

Beatrix Kiddo gegen das Patriarchat

Die große Stärke von „Kill Bill“ ist auch heute noch, dass man ihn im Kern als antipatriarchalen Film sehen kann. Und das von einem Regisseur, der Erwachsenen-Kino macht und unter Verdacht steht, vor allem Männer zu seiner Zielgruppe zu zählen.

Der Kultfilm erzählt die Geschichte der Befreiung einer Frau von ihrem Unterdrücker. Bill kommt ja nicht darüber hinweg, dass die schwangere Frau ihn und seine Bande von Auftragskillern verlässt. Dass sie lieber ein normales Leben führen will. Also begeht er das ultimative Verbrechen, er tötet ihre neue Familie, nimmt das Baby, schießt ihr in den Kopf und befördert sie so vier Jahre lang ins Koma.

Das ist auch heute noch aktuell. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex ermordet. Und das Muster bei solchen Femiziden ist, so sagt es die Forschung, auch in der Realität ähnlich wie bei "Kill Bill". In genau dem Moment, wo sich die Frau aus der Kontrolle ihres gewalttätigen Partners löst, greift er zum letzten, ultimativen Mittel der Machtausübung. Femizide sind selten spontane Überreaktionen, sondern eine bewusste Handlung, Dominanz und Kontrolle über die Frau zurückzuerlangen. Wie das Massaker in El Paso in „Kill Bill“.

Nötigung und #metoo am Set von „Kill Bill“

Auf der anderen Seite gibt es auch zwei große Kritikpunkte am Klassiker. Der Erste bezieht sich auf die Situation am Set. Da soll Fälle von Nötigung gegeben haben. Es kam zu einem Auto-Unfall, bei dem sich die Hauptdarstellerin Uma Thurman schwer verletzte. Obwohl Thurman nicht wollte, zwang Tarantino sie, zu schnell zu fahren – damit die Haare in der Szene besser im Wind wehen. Der Regisseur hat sich mittlerweile entschuldigt, doch die Zusammenarbeit zwischen Tarantino und Thurman liegt seitdem auf Eis - und auch die vermutete Beziehung ging auseinander.

Und vergessen wir auch nicht, dass der Produzent von „Kill Bill“ niemand anderes war als Harvey Weinstein, ein verurteilter Sexualstraftäter. Die Belästigung und Machtausübung von Weinstein gegenüber Frauen waren der Auslöser des #metoo Skandals. Auch Uma Thurman bestätigte, dass Weinstein sie nach dem Dreh von Pulp Fiction in einem Hotelzimmer bedrängte.

Mutterschaft als Triebfeder der Handlung

Außerdem ist die Triebfeder der ganzen "Kill Bill"-Story letztlich ein ziemliches Klischee in der Konstruktion von Weiblichkeit im Kino: nämlich Mutterschaft. Die ist die Hauptmotivation der Black Mamba. Zunächst für ihren Ausstieg aus dem Auftragskiller-Dasein. Später für ihren Rachefeldzug gegen Bill. Sie will lieber Mutter sein und die Karriere links liegen lassen. „Kill Bill“ suggeriert uns, dass eine Frau ihren Job im Moment der Schwangerschaft eigentlich an den Nagel hängen muss, weil sich ja jetzt die Prioritäten verschoben haben. Und so reduziert das die Frauenfigur dann am Ende doch wieder auf das Kümmern ums Kind. Wenn man es so sieht, ist „Kill Bill“ eine Hymne auf die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Ziemlich konservativ.

Trotz allem hat die Braut als Figur, die sich gegen patriarchale Ungerechtigkeit wehrt, vielen Frauen Kraft gegeben, bestätigte auch Hauptdarstellerin Uma Thurman in einem Interview. Was auch an der unglaublichen Performance liegen dürfte, mit der sie die Black Mamba verkörpert.

Ein feministischer Klassiker, trotz einiger Kratzer

Und auch abseits von Beatrix Kiddo hat die Filmreihe viele emanzipatorische Momente. Da ist zum Beispiel die Geschichte von O-Ren Ishii und ihr Aufstieg in der Testosteron-gesteuerten japanischen Unterwelt. Da ist Gogo, einerseits Schulmädchen, andererseits die verrückteste Killerin der Crazy 88, die aufreißerischen Typen gerne mal ein Messer in den Bauch rammt. Da sind die 5,6,7,8s als all-woman-band und da ist der Pussy Wagon des Vergewaltigers Buck, den sich die Black Mamba als Zeichen der Ermächtigung unter den Nagel reißt.

Für die damalige Zeit und angesichts des großen Einflusses, den Uma Thurman und die von ihr gespielte Figur auf die Darstellung von Frauen im Kino hatten, bleibt sie eine antipatriarchale Heldin, und „Kill Bill“ trotz einiger Kratzer ein feministischer Klassiker.