Bayern 2 - Zündfunk


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Feiern mit Corona Deshalb sind Münchner Sommerabende Fluch und Segen zugleich

Die Clubs sind dicht, die Bars auch. Wo sollen die Menschen also hin, die noch gemeinsam feiern wollen? Ein Erfahrungsbericht aus dem Münchner Sommernachtsleben während Corona. Zwischen Partydeppen, Polizeikontrollen und Abstands-Regeln.

Von: Franziska Timmer

Stand: 31.07.2020

13.06.2020, Bayern, München: Hunderte Menschen belagern bei sommerlichen Temperaturen die Frühlingsanlagen an der Isar. Auf der Reichenbachbrücke im Vordergrund stehen Einsatzwagen der Polizei. Foto: Peter Kneffel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: Peter Kneffel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Später Nachmittag. Es ist heiß in München. 30 Grad, mindestens. Die große Wiese unterhalb des Monopteros im Englischen Garten – voll. Zwischen spontan aus dem Boden gestampften Volleyballfeldern und in der Sonne liegenden Homeoffice-Flüchtenden, immer mehr Grüppchen junger Leute, die auf der Suche nach einem Fleck Rasen durch die Gegend streifen. Zwei junge Männer schieben ihre Fahrräder den Kiesweg entlang. Einer von ihnen balanciert einen Bierkasten auf dem Gepäckträger. „Wir wollen den heute noch trinken. Also nicht alleine“, sagt er. Um die fünf, sechs Leute werden kommen, obwohl wahnsinnig viel los ist im Englischen Garten.

Polizei will gegen Leute vorgehen, die "Böses im Schilde führen"

Sommerabend im Englischen Garten in München

Hinter den beiden, etwas versteckt im Schatten der riesigen Kastanien, stehen mehrere Mannschaftsbusse der Polizei. Für die beiden ist das ungewohnt. „Ich komme aus Baden-Württemberg, da ist die Polizeipräsenz nicht so groß. Aber an sich stört es mich nicht“, erzählt der eine. Nur das mit dem Abstand halten gestaltet sich für die beiden als schwierig. Der Weg ist eng und es sind viele Leute da.

Die Polizei hat mehrere Augen auf den Englischen Garten gerichtet. Vor allem an lauen Sommerabenden wie heute, sind mehr Beamt*innen als gewöhnlich im Einsatz an den öffentlichen und gut besuchten Plätzen Münchens. „Wir wollen uns frühzeitig präsent zeigen“, sagt Damian Kania, der Sprecher der Polizei München. „Wir sind da. Dass der ein oder andere, der Böses im Schilde führt, das auch weiß.“ Das Ziel der Polizei: Leuten, die ihnen schon bekannt oder laut und alkoholisiert sind, im schlimmsten Fall den Zutritt verweigern. Es dürfe nicht sehenden Auges zu einer Eskalation kommen, meint Damian Kania. Also werde gelegentlich kontrolliert, mit den Leuten geredet, im schlimmsten Fall die Identität festgestellt. „Im allerschlimmsten Fall stellen wir einen Platzverweis aus.“

Platzverweise wegen Alkoholkonsum

In den letzten Tagen hat es immer wieder Platzverweise gegeben. Häufig waren es junge Männer, denen die Beamt*innen den Zutritt zum Englischen Garten verweigert haben. Häufig hatten sie eine Flasche Bier in der Hand, manchmal auch einen Kasten dabei. Jung, männlich, Bierflasche – reicht das schon aus, um von der Polizei kontrolliert oder gar des Platzes verwiesen zu werden? Alkoholkonsum im Englischen Garten ist schließlich nicht verboten. Deshalb, sagt Damian Kania, seien die Kontrollen schon ein stückweit selektiv. „Wir gehen schon auf Leute, die man im Fokus hat, die mit Sicherheit auch länger bleiben, die einen Bierkasten haben, Biertische.“ Dann müsse die Polizei mit den Leuten reden.

Die Sonne ist mittlerweile hinter den Baumwipfeln abgetaucht. Ein Polizeibus hat sich unter einem Baum unweit von einer Gruppe positioniert, die um einen speziellen Klapptisch herumstehen, gemacht für das Trinkspiel Bierpong. Die Gruppe allerdings hat damit kein Problem. „Ich find, dass die ihren Job gut machen“, sagt einer. „Ich hab nichts gegen die Polizei. Polizei Ehrenmänner“, ein anderer. Mit dem Abstand nimmt auch diese Gruppe es jedoch nicht ganz so genau. Das Fazit: „Es wissen alle, uns geht’s gut. Wenn wir uns zu acht, zu neunt treffen, finden wir das auch in Ordnung.“

Corona-Party am Gärtnerplatz

Nächste Station. Der Münchner Gärtnerplatz. Der sternförmig angelegte, und nicht  gerade überdimensionierte Platz im Glockenbachviertel war auch in den Sommern vor Corona beliebt. Vergangenes Wochenende zählte die Polizei hier allerdings rund 1.500 Menschen. Ronja und Alex haben sich gerade ein Bier To Go geholt. Fast jeden zweiten Tag kämen sie hier her, „weil es hier einfach am coolsten ist“, sagt Alex. Auch am Samstag waren sie hier, es sei fast „Festival-Life“ gewesen. „Es war richtig krass. Aber es hat ja niemand was gesagt. Es war ein cooler Vibe, jeder hat sein Ding gemacht, es war wie früher.“ Klar, Corona habe Ronja und Alex schon ein mulmiges Gefühl gemacht. Aber sei seien ja selbst mittendrin gewesen. „Ich habe eher geschaut, dass wir noch einen Platz kriegen. Und wir haben alle gesagt, hier hält eh keiner mehr Abstand, jetzt ist es Wurst.“

Nach Mitternacht griff die Polizei habe die Polizei dann aber doch eingegriffen, erklärte die Spontanparty wegen Ruhestörung für beendet. Damian Kania meint, der Gärtnerplatz habe sich zu einer echten Eventlocation entwickelt. „Das bringt uns in die Bredouille, weil wir sehr viele Anrufe von Anwohnern bekommen, sodass wir spätestens dann tätig werden müssen.

Alkoholverbot wäre für Bars Genickbruch

Tagsüber ist am Gärtnerplatz wenig los

Auch an diesem Abend suchen Ronja und Alex einen Platz auf der Wiese am Gärtnerplatz, die noch relativ locker besetzt ist. Das To-Go-Bier haben sie übrigens in einer Bar direkt nebenan gekauft. Tobias Lintz beitreibt das Holy Home. Er hat seine Bar kurzerhand zum Straßenverkauf umfunktioniert, schraubt gerade noch einer provisorischen Außenterrasse. Zwischen 11 und 1 würde er seinen Hauptumsatz machen, meint er. Außerdem habe er in eine schicke Außenterasse investiert. Das hat viel Geld gekostet, weshalb Tobias Lintz restriktivere Politik fürchtet: „Wenn das wirklich so weit käme, dass sie Alkohol an öffentlichen Plätzen verbieten, wäre das für uns der zweite Genickbruch.“

In den letzten Tagen haben bereits mehrere bayerische Städte Verbote erlassen, um Freiluft-Partys einzudämmen. So ist zum Beispiel in Teilen der Augsburger Innenstadt der Verkauf von To-Go-Getränken ab 24 Uhr verboten. Auch In der Bamberger Altstadt darf an Wochenenden kein Alkohol zum Mitnehmen nach 20 Uhr verkauft werden. 

Der Mangel an Alternativen

Was Tobias Lintz in München auffällt, im Vergleich zu den Vorjahren sei ein völlig anderes Publikum am Gärtnerplatz. Die Clubs hätten zu und die Leute wissen nicht wohin, meint er. „Wir haben die Leute gefragt, wo sie herkommen. Und die wissen nicht wo sie hinsollen und sagen, dass es wenig vergleichbare Plätze gibt.“

Als ich gehe, ist es immer noch verhältnismäßig ruhig am Gärtnerplatz.  Mein Weg zurück führt mich noch einmal durch den Englischen Garten. Mittlerweile ist es komplett dunkel.  Stimmt nicht ganz, die Mannschaftsbusse der Polizei stehen nicht mehr unter den Kastanien. Sie haben sich auf der Wiese verteilt, die Scheinwerfer auf einzelne auf dem Boden hockenden Grüppchen gerichtet. Da, wo vorher der Bierpong-Tisch stand ist niemand mehr. Nur noch ein paar rote Plastikbecher, Bierflaschen und Pizzakartons. Der Putztrupp kommt dann im Morgengrauen.


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