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Mode und Politik Der "Warcore"-Trend zeigt, wie Krieg unsere Modekultur beeinflusst

Bomberjacken und Cargo-Hosen sind schon längst Modeklassiker. Jetzt legt die Modeindustrie eine Schippe drauf. Der Trend der Stunde heißt "Warcore". Männer und Frauen in den westlichen Metropolen sehen jetzt also so aus, als wollten sie in den Krieg ziehen. Maria Fedorova erklärtm warum "Warcore" nur eine Zuspitzung ist von dem, was wir ohnehin schon jeden Tag tragen.

Von: Maria Fedorova

Stand: 15.02.2019

Orangene Warnschutzjacken, Munitionswesten, extra große Brusttaschen, Sturmhauben - getragen von mode-hungrigen, wohlhabenden Bewohnerinnen der westlichen Metropolen. Das aktuelle Angebot der angesagten Mode-Marken ist: taktische Kampfkleidung für die Zivilbevölkerung. Der üble Slogan „sex sells“ tritt in den Hintergrund und wird von einem genauso fraglichen „war sells“ abgelöst. Und die Modezeitschriften überlegen ein neues fetziges Etikett und rufen die Zeiten des „war-cores“ aus. Ist nur konsequent. Die anderen Hardcore-Trends waren ja Normcore, eine Zuspitzung des absolut Gewöhnlichen. Und Gorpcore, eine Zuspitzung der absoluten Funktionalität. Der Appell von „war-core“ ist „Alarmstufe: rot“. Und wer das Gebot der Zeit versteht, möge sich bitte den Look der Soldaten und Prepper aneignen.

Uniformen als Teil von Subkulturen

Während geklagt wird, wie schnell sich alles in eine im Zweifelsfall dunkle Zukunft bewegt, betreten wir die Jetztzeit in Tarnfarben und Hightech-Materialen, kombiniert mit Accessoires, die wie die Sicherheitsgurte im Kampfjet aussehen. Klingt erstmal radikal, richtig neu und kreativ ist der Trend aber nicht.

Der Military Look gehört schon seit ein paar hundert Jahren zum klassischen Repertoire der Alltagsgarderobe. Uniformen haben ihr zweites Leben in allen möglichen Subkulturen gefunden - und im Pop. Die Beatles haben sie getragen, auch Madonna und Beyonce: Als Geste der Provokation, als Anspielung auf die erotische Fetisch-Funktion der Uniform. Und natürlich als Zuschaustellung des eigenen Körpers, der durch Uniformen stark betont wird. Im Alltag ist der Military Look in wenig auffälligen, praktischen Varianten präsent: als Bomber-Jacken oder Trenchcoats, Camouflage T-Shirts und Springerstiefel. Haben wir uns schon so sehr an den Krieg und militärische Aufrüstung gewöhnt? Ist das eine gute Persiflage? Oder hat der Military Look nicht unbedingt was mit Kriegen zu tun?

Der Military Look als Freiheitsversprechen

1988 schrieb der französische Designer Jean-Charles des Castelbajac im Katalog zu seiner Ausstellung im Wiener Kunstmuseum:

"Als ich 1968 meine ersten Modelle entwarf, waren mein erster Schock die Pariser Studentenunruhen: Ich sah erstmals, wie Studenten funktionelle Kleidungsstücke wie Blue Jeans oder Militärparkas trugen. Ab diesem Zeitpunkt war es für mich unumgänglich, dass Eleganz direkt durch Funktionalität ergänzt wird."

Jean Charles des Castelbajac

Der Titel des Textes: „Funktionalität als Freiheit“. Er hat es richtig erkannt. „Survival style“ ist ein Freiheitsversprechen und so vermarktet sich dieser übertriebene Kampfethos ziemlich gut. Denn wer heute smart ist, der soll Stärke, Ausdauer und Anpassungsfähigkeit zeigen. Strategisches Handeln ist en vogue und Military Look und Funktionskleidung liefern das passende Outfit dafür. Zwar stapfen wir in den Springerstiefel nicht im Wald rum, sondern auf perfekt asphaltierten, im Winter penibel gestreuten Straßen. Trotzdem: wir fühlen uns bestens ausgerüstet um Erdbeben, Hurricanes, Hungersnöte, Waldbrände und sonstige Katastrophen stylisch zu meistern. Oder einfach mobil, diszipliniert und immer selbstoptimiert im neoliberal-metropolitanen Abenteuer-Dschungel zu überleben.

Wie Militäruniformen in Sachen Politik, Pop und Gender auf uns wirken, könnt ihr im Zündfunk Generator-Podcast "Killing in the name of: Fashion - Bomber, Jacken und Bomberjacken" hören. Startet oben mit Klick auf das Bild!


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