Bayern 2 - Zündfunk

Die Ärzte auf Tour "Woher willst du sonst die Energie nehmen, gegen den ganzen Scheiß anzukämpfen"

Die Ärzte gehen wieder auf Tour. Aber die Welt hat sich verändert. Wir schlittern von einer Krise in die nächste, erst die Pandemie, jetzt der Krieg. Wir haben mit Farin Urlaub darüber gesprochen, wie sich das lange Warten angefühlt hat. Und warum wir Punk immer noch brauchen.

Von: Florian Schairer

Stand: 10.06.2022

Die Ärzte | Bild: Jörg Steinmetz

Nach acht Jahren hatten sie 2019 endlich ein neues Album - dann kam Corona. Und die Tour wurde abgesagt. Festivals haben gelitten. Kleine Clubs haben gelitten. Die Ärzte saßen daheim und komponierten gleich noch ein zweites Album. Nun startet endlich die BUFFALO BILL IN ROM Tour.

Zündfunk: Nach zwei Jahren Corona kommt jetzt endlich die Tour. Wie hast du die lange Wartezeit überstanden?

Farin Urlaub: Wir haben tatsächlich viel Musik gemacht. Jeder bei sich zu Hause. Weil Du hattest ja plötzlich so viel Zeit, durftest keine Freunde treffen. Und dann schnappt man sich, was so herum liegt. Die Gitarre oder den Schellenkranz. Ich hab dann aber gemerkt, dass die Gedanken irgendwann nur noch um das selbe gekreist sind. Ich musste aufpassen, dass die Ideen nicht zu monothematisch werden. Als die Regeln dann gelockert wurden und man wenigstens naheliegende Freunde treffen konnnte, war das schon ein großer Fortschritt.

Die Ärzte | Bild: Target Concerts zum Artikel Zündfunk präsentiert Die Ärzte - Buffalo Bill in Rom Tour

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Ihr habt dann gleich das nächste Album hinterhergeschoben - und dann, nach zwei Jahren, eine erste, kleine Clubtour durch Berlin gemacht.

So ganz kleine Clubs Clubs, das war richtig toll. Die neuen Songs nach dieser langen Wartezeit endlich spielen zu können - da ist echt was geplatzt. Und überhaupt mal vor Leuten wieder spielen zu können. Zu schwitzen. Herrlich. Aber jetzt freuen wir uns auch natürlich auf die großen Dinger! Draußen und an der frischen Luft.

Die beiden Alben sind ja gut angekommen - als Alben. Aber funktionieren die auch im Club?

Diesmal verging ja so viel Zeit dazwischen. Bisher war es bei all unseren Alben so, dass sie erst rauskamen, wenn wir schon auf Tour waren. Oder nur ganz kurz vor der Tour, drei oder vier Wochen, so dass sie ganz frisch sind. Weil die Leute hören dann ein Album, und aus diesen achtzehn Songs konnte man dann die Hälfte raussuchen, die man live spielt. Aber diesmal waren es halt doppelt so viele Lieder. Aber wir können ja nicht 20 komplett neue Songs spielen, weil die Leute wollen ja auch Songs hören, zu denen sie bereits eine emotionale Verbindung haben. Und das war sehr tricky. Wir wollen altes und neues. Die Sets waren zweieinhalb Stunden lang - aber komplett durchgeknüppelt. Aber wir haben noch lange nicht alle gespielt, die wir geprobt haben.

Die Ärzte ohne Grenzen

Diese kleine Clubtour war auch der Versuch, die euch bekannten Clubs zu unterstützen, oder?

Ja. Ein paar Clubbesitzer kamen auch mit Pipi in den Augen zu uns und meinte "Danke, dass ihr das macht. Wir wissen, dass ihr das nicht nötig habt, hier zu spielen. Danke, dass ihr das trotzdem macht." Die haben sich sehr gefreut. Die Hütten waren voll, die Leute haben auch fleißig getrunken. Das ist jetzt natürlich ein Tropfen auf dem heißen Stein nach zwei Jahren. Aber es war auch mehr symbolisch. So ein "Wir sind da!" Das war schön.

Es gab noch eine andere Aktion von euch, nämlich die "Gold-Auktionen". Worum ging es da?

Dahinter verbirgt sich eine gewisse Hilflosigkeit. Wir haben ja gerade, egal wohin man schaut, ist gerade Elend, Untergang, Krieg, Gewalt, Frauenhass. Alles, was man nicht möchte im Leben. Und wir veröffentlichen gerade wieder unsere alten Alben, in einem Turnus von einem halben Jahr. Und da dachte ich: Da könnte ich doch eigentlich, passend zu jeder Veröffentlichung, die goldenen Schallplatten, die ich damals zu den Alben bekommen habe, versteigern. Für einen abwechselnd guten Zweck. Das fing jetzt an mit der NGO Ärzte ohne Grenzen. Meine Lieblings-NGO - allein wegen des coolen Namens. Und sie sind halt da, wo man sich eigentlich nicht mehr hintraut. Und es wird jetzt eine ganze Bandbreite an NGOs und GOs geben, an die ich spenden möchte.

Wir können uns ja, in unserem Alter, noch an ein geteiltes Deutschland, an ein geteiltes Berlin erinnern. Und jetzt kommt mit einer Wucht dieser eigentlich überholte Konflikt zurück...

Katastrophal. Tatsächlich kamen am Anfang diese Kindheiterinnerungen wieder hoch. Wo man uns in der Schule in West-Berlin gesagt hatte: "Jungs, ihr wisst schon: Russische Panzer brauchen eine Stunde zu uns." Ich hab das überwunden und vergessen geglaubt - wie Du gerade gesagt hast. Und jetzt ist es halt wieder da. Mein erster Impuls war: Spenden, spenden, spenden. Dann gab es Gewaltfantasien gegenüber dieser einen bestimmten Person... Man guckt sich um und kann es gar nicht fassen, was alles gerade im Elend versinkt. Es ist wirklich gerade alles zu viel. Deswegen gehen wir jetzt auf Tour, um zumindest mal ein bisschen gute Laune zu verbreiten. Ja, das ist Realitätsflucht. Aber woher willst du sonst die Energie nehmen, gegen den ganzen Scheiß anzukämpfen.