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Kommentar Warum False Balancing in Talkshows nicht nur schlecht ist

Sollte man Impfskeptikerinnen noch in Talkshows einladen, in Zeiten, in denen die Krankenhäuser überlastet sind? Unter dem Schlagwort „False Balancing“ häufen sich die Ansichten, dass das nicht geht – weil es die wissenschaftliche Realität verzerrt. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Ein Kommentar.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 17.11.2021

Sahra Wagenknecht in der ARD Talkshow Anne Will | Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Stellen wir uns mal Folgendes vor: Ich schaue aus dem Fenster und es regnet. Scheiß grauer November. Wenn ich rausgehe, werde ich nass. Jetzt kommt aber mein Kumpel daher und sagt: „Dass es draußen regnet, bildest du dir nur ein!“ Klar. Ich könnte jetzt einen Debattenbeitrag schreiben und mich und meinen Kumpel gleichberechtigt zu Wort kommen lassen. Das wäre aber False Balancing. Denn wenn es regnet, brauchen wir nicht darüber zu diskutieren, ob es regnet, sondern eher, welche Drogen mein Kumpel genommen hat.

Talkshows und der Streit um False Balancing

Dieser False-Balancing-Vorwurf steht gerade auch im Zusammenhang mit den Kritikerinnen und Kritikern der Corona-Maßnahmen und Impfskeptikerinnen im Raum. Eine falsche Ausgewogenheit wird unter anderem den Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen Medien vorgehalten. Gemeint ist Folgendes: Wenn der Vertreter einer Minderheit, dessen Meinung nur ein Prozent teilen, im Fernsehen einer Person gegenübersteht, die den breiten wissenschaftlichen Konsens vertritt, entsteht falsche Ausgewogenheit. Denn dadurch wird die 99 zu 1 Gewichtung zu einem Falschen 50:50. Es wird eine Gewichtung konstruiert, die es nicht gibt – und die beeinflusst auch die öffentliche Wahrnehmung.

Ein Twitter-Nutzer hat veranschaulicht, was False Balancing ist.

Da war zum Beispiel die Philosophin Svenja Flaßpöhler, die bei „Hart aber fair“ behauptete, dass die Politik Menschen kriminalisiere, die sich nicht impfen lassen wollen. Was eine Zuspitzung ist, denn in Deutschland werden Ungeimpfte nicht dafür verhaftet, dass sie ungeimpft sind. Und da waren die vielen Talkshow-Auftritte der Impf-Kritikerin Sahra Wagenknecht. Immer wieder behauptete sie, dass Langzeitfolgen noch nicht zureichend erforscht seien – entgegen der Meinung vieler Experten. Oder die der Virologen Hendrick Streeck und Alexander Kekulé, einem HIV-Experten und einem Mikrobiologen, die sich zuvor eher selten mit Corona-Viren beschäftigt hatte. Das kritisierte zum Beispiel der Satiriker Jan Böhmermann in einem Zeit-Talk mit Markus Lanz und Giovanni Di Lorenzo. Böhmermanns Meinung: Man lässt Menschen, die keine Ahnung vom Thema haben, offensichtlich falsche Argumente wiederholen, nur um einen Unterhaltungswert zu erzeugen.

Was ist Wahrheit?

Aber ganz so einfach ist es nicht. Wahrheit ist nur selten objektiv feststellbar. Oft liegt sie auch im Auge des Betrachters. Denn nicht immer ist die Frage so einfach wie die nach dem Regen. Auch Ungeimpfte – und das sind immerhin 25 Prozent der Bevölkerung, die sich eigentlich impfen lassen könnten –  finden zum Beispiel, dass beim Thema Corona zu einseitig berichtet wird. Es ist der gleiche False-Balancing-Vorwurf nur andersrum. Denn Ungeimpfte finden auch, dass ihre Sichtweise zu kurz kommt und Medien ständig nur Maßnahmen-Befürworter zu Wort kommen lassen. Das zeigt auch eine kürzlich veröffentlichte Studie zur Medienberichterstattung in der Corona-Krise. Darin heißt es: Wie Menschen die Berichterstattung beurteilen, „ist untrennbar mit der Frage verbunden, welche Rolle man Nachrichtenmedien in dieser Pandemie zuschreibt.“ Die einen wollen, dass Medien sinnvolle Maßnahmen zur Virus-Bekämpfung rechtfertigen. Die anderen glauben nicht, dass Medien das leisten sollten, sondern wollen, dass alle Meinungen abgebildet werden, damit sich Zuschauerinnen ein umfassendes Bild machen können. Und beide fühlen sich nicht ausreichend repräsentiert.

Außerdem ist es gefährlich, Minderheiten-Meinungen einfach auszuschließen. Sofern sie nicht völlig absurd sind. Gerade progressiven Bewegungen geht es zum Beispiel um Herrschaftskritik, die erstmal nicht konsensfähig ist. Der französische Soziologe und Sozialkonstruktivist Geoffroy de Lagasnerie meint zum Beispiel: „Wahrheit selbst ist ein oppositionelles Konzept“. Einen neuen Beitrag zur Wahrheit erreichen wir laut de Lagasnerie also nur, wenn wir dem ohnehin schon geltenden Meinungs-Konsens etwas neues, Widersprüchliches hinzufügen. Und mündigen Bürgern kann man zutrauen, dass sie sich selbst ein Urteil bilden und sich vom besten Argument überzeugen lassen.

Wo sind die Grenzen der Toleranz?

Natürlich gibt es trotzdem Grenzen. Medien sollten Neo-Nazis oder Rassistinnen, Flat-Earthler, QAnon-Anhänger und Pandemie-Leugner auf keinen Fall als gleichberechtigte Partner in Gesprächsrunden einladen. Das hat nichts mehr mit Meinungsfreiheit oder Pluralismus zu tun. Und auch beim Thema Corona will ich nicht ständig wieder Stimmen hören, die dem widersprechen, was schon längst bekannt ist. Ich will keine Frau in einer Talkshow sehen, die behauptet, dass sie sich nicht impfen lässt, weil sie noch einen Kinderwunsch hat. Schon lange gibt es Studien, die das widerlegen – und viele Geimpfte sind bereits schwanger geworden. Da können wir auch gleich behaupten, dass Helene Fischer die letzte echte deutsche Punkerin ist.

Findet, dass Ungeimpfte kriminalisiert werden: Svenja Flaßpöhler

Die Frage ist nur: Wann ist die Grenze der Toleranz erreicht? Die Sahra Wagenknechts, Svenja Flaßpöhlers und Hendrick Streecks verbreiten Narrative, die manchen nicht gefallen. Aber es ist eben doch ein Unterschied, ob sich jemand im Rahmen der freiheitlich demokratischen Grundordnung bewegt – oder ob Querdenker zum Zerschlagen der „Corona-Diktatur“ aufrufen und Neo-Nazis den Reichstag stürmen. Auch wird False Balancing zum Problem, wenn alle gleichzeitig auf die falsche Ausgewogenheit hereinfallen. Wenn es in jeder TV-Show immer nur um die Ungeimpften geht, und ständig nur Sarah Wagenknecht zu sehen ist, ist das Bild auch verzerrt – und Thesen von Ungeimpften wird ein viel zu großes mediales Gewicht verliehen.

Viele Corona-Fragen haben mit Politik zu tun, nicht mit Naturwissenschaft

Zumal es so viel Objektivität auch in der Corona-Krise gar nicht gibt. Klar ist, dass Menschen sterben und dass das Virus gefährlich ist. Und dass die Intensivstationen zu schnell an ihre Kapazitätsgrenze kommen. Das ist das oft erklärte exponentielle Wachstum, also Naturwissenschaft. Dem gegenüber stehen folgende Fragen: Ist ein erneuter Lockdown wirklich sinnvoll? Hätten wir die Kinos wirklich schließen müssen, wo sich nun herausstellt, dass vor allem Clubs und Bars zum Spreading beitragen? Und was war eigentlich mit der Ausgangssperre, die mittlerweile für verfassungswidrig erklärt wurde? Das sind politische Fragen, keine Naturwissenschaft. Sie können gar nicht so objektiv und eindeutig beantwortet werden, weshalb die False-Balancing-Keule im schlimmsten Fall dazu führt, berechtigte Kritik zu delegitimieren.

Es ist also nicht der richtige Weg, Meinungen auszuschließen, nur weil sie nicht der Mehrheit entsprechen. Das kann im Zweifel dazu führen, dass kritische Stimmen unterdrückt werden. Allerdings geht das nur bis zu einem gewissen Punkt. Wenn wir zum Beispiel irgendwann wirklich diskutieren, ob es regnet oder nicht, obwohl es offensichtlich regnet, dann schreibe ich morgen einen Bericht über Helene Fischers Punk-Attitüde.