Bayern 2 - Zündfunk

Falk Schacht über Queeren Deutschrap "Wir, die nicht queer sind, müssen uns die Frage stellen, wie wir uns verändern können"

Der Hip-Hop-Journalist Falk Schacht ist ganz tief in die queere Deutschrapszene und ihre Geschichte eingetaucht. Für seinen neuen PULS-Podcast hat er über 20 queere Artists interviewt. Was dabei herausgekommen ist, erzählt er im Interview.

Author: Donata von Reiche

Published at: 16-9-2022

Falk Schacht | Bild: BR

Falk Schacht ist seit über zwanzig Hip-Hop-Journalist und bekannt für sein Inselwissen. Für eine neue PULS-Podcast-Reihe taucht er in die spannende Welt des Queeren Rap ein - und hat dafür über 20 Deutschrap-Artists aus der LGBTQIA+-Community interviewt. In sechs Folgen zeigt der Podcast, wie Queerness schon immer Teil von Hip-Hop in Deutschland war, beleuchtet die Historie von Queerem Rap und erzählt die Geschichten queerer Artists aus ihrer eigenen Perspektive. Dabei setzen sich Schacht und seine Interview-Partner:innen auch sehr (selbst)kritisch mit dem Thema auseinander. Wir haben mit ihm über das Projekt gesprochen.

Zündfunk: Lieber Falk, was bedeutet denn eigentlich „Queerer Deutschrap“?

Falk Schacht: Das ist eine Frage, die ich den Protagonistinnen im Podcast auch gestellt habe. Da ist die Selbstauskunft erst einmal das queerer Rap tatsächlich dann queer ist, wenn er von Personen gemacht wird, die sich selbst auch als queer bezeichnen. Das hat dann einfach mit dem Erfahrungshorizont zu tun. Ich könnte zum Beispiel keinen queeren Rap machen. Ich könnte über queere Themen zwar sprechen, aber da ich nicht queer bin, ist logisch, dass ich nur Rap machen kann.

Nun könnte man annehmen, dass ein queerer Deutschrap-Podcast von einer queeren Person gehostet wird. Und nun bist du eine selbsternannte cis-Hete. Wieso hast du das trotzdem gemacht?

Ich bin Teil der Gesellschaft, die ein Problem für die queere Gemeinschaft darstellt. Nicht alle, aber in so ausreichendem Maße, dass man darüber sprechen muss, wie man das Problem lösen kann. Dann ist es auch so, dass ich als männlicher, heterosexueller Cis-Mann Menschen erreichen kann, die vielleicht diesem Thema vorher nicht so aufgeschlossen wären. Ich kann sozusagen wie so eine Art Diplomat wohin gehen.

Gab es denn Kritik dafür?

Tatsächlich gab es am Anfang Personen, die mal gesagt haben: Okay, jetzt stiehlt der denen die Show oder so. Ich muss aber dazu sagen, dass diese Kritik von diesen Personen sogar zurückgenommen wurde. Die hatten die abgegeben, bevor sie sich den Podcast angehört haben. Der ganze Podcast ist ja eine einzige Spielfläche für queere Persönlichkeiten. Es geht um deren Blickwinkel und die kommen die ganze Zeit zu Wort. Nachdem die Leute das gehört haben, hat keiner mehr was Negatives gesagt.

Auch wenn es ja mittlerweile viele queere Rapper:innen gibt, sind sie mit Ausnahmen noch nicht so wirklich im Mainstream angekommen. Warum das so ist, fragst du im Podcast unter anderem den Rapper Avery. Was muss ich denn deiner Meinung nach in der Szene ändern, damit queerer Rap mehr in den Mainstream kommt und nicht mehr so eine Nische ist?

Ich glaube, im queeren Rap selber kann man sich das natürlich auch überlegen: Was könnte man da verändern? Viel mehr müssen aber wir, die nicht queer sind uns die Frage stellen, wie wir uns verändern können und wie wir die Gesellschaft verändern können. Und zwar so, dass queere Thematiken unproblematischer sind. Da geht es natürlich auch darum, das zu normalisieren. Dass es eben kein einziger mehr daran interessiert, wenn zum Beispiel ein queeres Pärchen händchenhaltend durch den Park geht. Dass dann nicht getuschelt wird: 'Hast du das gesehen?' Ich habe die Empfindungen, in deutschen Städten passiert das noch so, und vom Dorf möchte ich gar nicht reden. Ich glaube, dass es eher an uns liegt, etwas zu verändern.

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Was hat dich denn besonders überrascht, als du den Podcast gemacht hast?

Ich habe natürlich sehr viel Neues für mich erfahren. Ich muss auch zugeben: an bestimmten Stellen ist mir dann auch irgendwann eine Kopf geplatzt. Denn es ist schon ein ziemlich großes Thema, auch auf einer akademischen Ebene und in dem Sinn, dass man das überhaupt erst einmal versteht und das Theoretische überhaupt nachvollziehen kann: Was bedeuten die ganzen Worte? Und aus welchen Perspektiven wird eigentlich gerade was heraus formuliert? Gerade wenn es in den Sektor des Non-binären reingeht, also, wenn sich das auflöst, das ist vielschichtig und komplex. Und wir mussten es ja für die Zuhörer:innen simplifizieren. Das heißt, das was man jetzt im Podcast hört ist nicht so akademisch und ich glaube, es ist einfacher nachzuvollziehen, als wenn man jetzt richtig die Klatsche bekommt.

Hat sich denn dein Blick dadurch auch auf die Deutschrap-Szene generell verändert?

In meinem Blick auf die Deutschrap-Szene und generell auf Rap und auf Hip-Hop in der Verbindung mit der Gesellschaft hat sich schon nochmal etwas verändert. Vor allem in Bezug auf Männlichkeitsbilder und was für Probleme die verursachen. Vor allem, wenn Männer sich darüber nicht so wirklich bewusst sind, sondern denken: 'Ich muss jetzt das Maximum an Alphamännchen sein', und so weiter. Das nervt mich noch viel mehr, als es mich früher genervt hat.

Den sechsteilige Podcast gibt es in der ARD Audiothek und überall dort, wo es Podcasts gibt.