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#failoftheweek Das Internet darf durch Tech-Nationalismus nicht zum Splitternet mutieren

Nationalstaaten gängeln das Netz - und das immer öfter. Egal ob Trump, der TikTok droht oder Belarus sowie die Türkei, die das Internet mal an- und mal abschalten. Wir müssen aufpassen, dass das Internet nicht zum Splitternet wird, kommentiert Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 14.08.2020

Symbolbild Trump vs. TikTok | Bild: picture alliance/Geisler-Fotopress

Letztens auf Nauru, einer kleinen Insel irgendwo im Pazifischen Ozean. Ein Dutzend junger Männer stehen auf einer schlammigen Straße. Und dann: Krasses Street Fighting. Die Fäuste fliegen, hier ein Jab - Bäm! - da ein Haken, - Bäm! - manchmal sogar auch Ansätze einer Kombination. 5 Minuten 3 Sekunden formvollendet-verpixelte YouTube-Unterhaltung aus Nauru.

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Nauru street fight | Bild: Curtiz Rastaman (via YouTube)

Nauru street fight

Was sonst noch so passiert ist auf der Insel? Nun, dem Nauru Bulletin, der wichtigen Nachrichten-Publikation des Inselstaates, lässt sich entnehmen, dass auf Nauru bald der Mobilfunkstandard 4G in Betrieb genommen wird und dass Präsident Aigimea letztens eine Schule besucht hat. Ja, Freunde, auch das verdanken wir dem globalen Internet, dass man mal kurz kucken kann, was auf Nauru eigentlich gerade so geht.

Tech-Nationalismus macht Internet kaputt

Ob das in Zukunft so bleiben wird, das ist gar nicht so selbstverständlich. Denn das Internet mutiert gerade zum „Splitternet“ und könnte bald noch weiter zerfallen und fragmentieren. Statt zum World Wide Web geht der Trend gerade zu einer Aufteilung der Internetwelt zwischen Diktatur-Wide-Web, America-Wide-Web und auch ein bisschen Euro-Wide-Web.

Zum einen ist da Donald Trump und sein Feldzug gegen chinesische Apps wie TikTok oder WeChat. Dann ist da natürlich auch China selbst, das seit jeher ausländische Internet-Firmen aus seinem Netz fernhält und jedes Datenpaket durchleuchtet, das ins Land will. Auch Russland schottet sein Internet ab, zensiert und reglementiert das Netz.

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'TikTok may be banned in US,' says President Donald Trump | Bild: Hindustan Times (via YouTube)

'TikTok may be banned in US,' says President Donald Trump

Nationalstaaten verändern Spielregeln

Genauso Länder wie Belarus oder die Türkei, die Teile des Internet gerne an- und abschalten, als wäre es eine Lichterkette am Weihnachtsbaum. Dabei gab es früher eigentlich die Hoffnung, das Netz könnte Grenzen und Nationalstaaten überflüssig machen. 1996 verfasste der Songtexter der Rockband Grateful Dead die berühmte „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ und das klang dann so:

„Regierungen der Industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes. Als Vertreter der Zukunft bitte ich euch aus der Vergangenheit, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid nicht willkommen unter uns. Ihr habt keine Souveränität, wo wir uns versammeln.“

Nun ja sorry, haben sie doch. Die müden Riesen aus Fleisch und Stahl, sie kontrollieren und gängeln das Netz - und sie tun das immer öfter. Manchmal aus politischer Kraftmeierei, manchmal aus Protektionismus – manchmal auch aus gar nicht so blöden Gründen wie im Falle der neuen Datenschutzgrundverordnung der EU. Letztens erst, da forderte der Chef von Hubert Burda-Media allerdings wortreich mehr „Souveränität“ für Internet-Europa. Das süße Gift des Tech-Nationalismus greift um sich.

Wider der Zersplitterung

Es klingt banal, aber dass man von einer deutschen Couch aus dabei zusehen kann, wie einem Nauruer voll eine ins Fressbrett geschmiert wird, das ist ein Wunder, das vor ein paar Jahrzehnten noch völlig undenkbar gewesen wäre. Auch deswegen ist es so wichtig, dass Netz zu schützen vor hochgezogenen Zugbrücken und riesengroßen Firewalls, die man bestimmt auch vom Mond aus noch sehen kann. Gegen das Zersplittern, hilft nur das Kitten – und das weltweit.


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