Bayern 2 - Zündfunk


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#failoftheweek Ob diese Überschrift gut ist oder nicht, weiß nur die neue Microsoft-KI

Die deutsche Sprache droht an zu langen Sätzen und jeder Menge Wortschrott zu ersticken. Doch Rettung naht! Microsoft will unsere Texte besser machen - und plant den ultimativen Karl Klammer! Doch das könnte auch zu großer Langeweile führen, kommentiert Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 10.05.2019

Karl Klammer | Bild: Gregor Schmalzried

Ja, sie sind ein Ärgernis: Sätze, die entgleisen, weil sie lang sind wie ein ICE und kein Ende nehmen wollen, sodass niemand nachvollziehen kann, was eigentlich gemeint ist, weil immer noch ein Einschub und noch ein Einschub gemacht wird, weil der Autor unbedingt jede erdenkliche Information darin unterbringen will, egal, ob sie wichtig ist oder unwichtig, niemand wird das mehr kapieren, schon gar nicht im Internet, Sätze, die deswegen sehr ungeeignet sind, insbesondere als Einstieg in einen Online-Text.

"Microsoft: Definiere Wortschrott"

Oder nehmen wir nur mal Fremdwörter und Anglizismen, die niemand versteht, vor allem, wenn sie als Idiosynkrasien eintrudeln. Oder noch fataler: Wortwiederholungen, Ellipsen, Redundanzen, Narzissmen, maliziöser Wortschrott. Schlagen wir doch mal in der alten Kult-Zeitschrift "Tempo" nach, temporeicher Hüter der Geradlinigkeit. Der Textchef Uwe Kopf gab den Autoren unter anderem Folgendes mit auf den Weg:

"Ein Autor sollte seine Texte aufs Skelett reduzieren und jedes überflüssige Wort weglassen. Das gilt besonders für Adjektive. Oft will der Autor nur eine Zeile füllen, Bildung vortäuschen oder Originalität erzwingen. Dann gebraucht er eines der abgelutschten oder verblassten Wörter: 'mitnichten, profan, nichtsdesdotrotz, Fangemeinde, tanzbar, Ami-Land, Gefilde, Gemüter, Mastermind, Schreiberling, dankenswerterweise, archaisch, mutieren, freilich, gutieren, subtil, respektive, nölen, zweifelsohne, schnöde, permanent, schlechthin, vielschichtig, rührig, sic!, spätpubertär, berufsjugendlicher, dröge, fleischgeworden, Klientel, durchaus, schlechterdings, Inkarnation, Grund, eigentlich!'"

Uwe Kopf

Eigentlich hat die deutsche Sprache den Kampf gegen die profane-permanente Wortschrottflut zweifelsohne genauso verloren wie die Menschheit den Kampf gegen die Plastikflut. Wortschrott droht die Adern der deutschen Sprache zu verstopfen, es droht eine regelrechte Wortschrott-Thrombose, die irgendwann und ganz sicher zum Wortschrott-Infarkt führen wird.

Algorithmen für Sprachbewusstsein?

Aber Rettung naht! Und zwar, wie so oft in diesen Tagen, in Form von künstlicher Intelligenz. Word Online von Microsoft soll in Zukunft nicht nur Rechtschreibung und Grammatik im Blick haben. Sondern auch Stilbewusstsein entwickeln. Eine Art Kosmetikstudio, ein Facelifting für Verben und Substantive. Diese Algorithmen sollen Schachtelsätze und Wiederholungen identifizieren und Vorschläge machen, wie man etwas besser formulieren kann. Auch Google will Google Docs mit einer solchen Funktionen aufbrezeln („Aufbrezeln“ ist übrigens ein sehr gutes Verb).

Der ultimative Karl Klammer

Aber: Soll ausgerechnet die gleiche Bürosoftware, die den Besserwisser-Assistenten Karl Klammer für eine gute Idee hielt, darüber wachen, wie wir in Zukunft unsere Texte schreiben? Vielleicht pedantischer, nerviger und uneinsichtiger sogar als jeder Zündfunk-Redakteur? Und vor allem: Lesen sich bald alle Texte gleich, wenn sie erst einmal von einer KI zurechtformatiert wurden? So wie eine Tüte Pommes in einer Format-Burgerei immer gleich schmeckt?

Und was ist mit Worten, die die KI nicht verstehen wird, wie etwa „Fleischzottel“, das mit Abstand schönste, zärtlichste und wunderbarste Substantiv, das die deutsche Sprache je hervorgebracht hat? Ja, vermutlich wird man die Funktion abstellen können, aber viele werden sie verwenden und sie wird vermutlich Standards setzen. Im besten Fall führt das wirklich zu weniger Wortschrott. Im schlechtesten Fall zertrümmert das neue Micro-Deutsch jegliche Kreativität.


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