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#failoftheweek Wie GameStop-Aktien beinahe zur Börsenrevolution geführt hätten

Elon Musk und Alexandria Ocasio-Cortez sind sich selten in etwas einig. Doch diese Woche bejubelten beide, dass Kleinanleger den Kurs einer Aktie hochtrieben, um Hedgefonds zu ärgern. Doch dann schlug das Finanz-Establishment zurück. Ein Kommentar von Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 29.01.2021

Logo des Spieleladens "GameStop" | Bild: picture alliance / newscom | John Angelillo

Ein Shanty zur der Börsen-Revolte, die diese Woche stattfand, Begleitmusik zu einer Revolution, wie sie nicht besser in die Zeit passen könnte. „Die Kapitalisten werden uns noch den Strick verkaufen, mit dem wir sie aufhängen“, soll Lenin einmal gesagt haben und irgendwie ist diese Woche tatsächlich genau das passiert, aber natürlich weniger martialisch und ganz anders, als der alte oldschool-Revolutionär Lenin es sich damals ausgemalt hat.

Börsenrevolution auf der Couch

Anders als bei den Revolutionären im Russland des frühen 20. Jahrhunderts, wurde niemand aufgehängt, wurden keine Paläste gestürmt und nicht einmal Flugblätter verteilt. Der revolutionäre Akt beschränkte sich darauf, mit dem Handy auf der Couch rumzulümmeln, nebenbei Among Us zu zocken, dann hier mal ein paar Aktien zu kaufen und hier nochmal ein paar Aktien mehr, so den Finanzkapitalismus aus den Angeln zu heben und ja, auch ein bisschen Geld zu machen, während andere dabei Geld verlieren.

Da ist zum Beispiel die Firma Melvin Capital. Melvin Capital pickt sich Unternehmen heraus, bei denen es eh schon nicht gut läuft und wettet darauf, dass deren Kurse fallen. Am Ende gibt es in der Regel viele Verlierer, aber einen großen Gewinner, nämlich Melvin Capital. Seit einiger Zeit aber kaufen junge Börsen-Guerilleros die Aktien von genau den Unternehmen, bei denen es eh schon nicht so gut läuft, auf – und pushen so deren Börsen-Kurs. Diese Graswurzel-Investoren haben Unternehmen wie Melvin Capital schon Milliarden gekostet, weil die so ihre Wetten auf fallende Kurse verlieren.

Ein Short-Squeeze gegen Melvin Capital

Im Börsensprech nennt man so etwas dann „Short Squeeze“. Und diese Woche fand genauso ein Short-Squeeze statt, ach was, diese Woche fand die heilige Mutter Gottes aller Short Squeezes statt! Melvin Capital wurde nicht nur ausgequetscht wie ein Zitrone, Melvin Capital wurde ausgequetscht, ausgesaugt und ausgezuzelt wie eine Zitrone, über die vorher schon ein tonnenschwerer Zitronen-Laster gefahren war.

Die Zitrone ausgequetscht haben junge Leute, die mit Hilfe von Börsen-Apps handeln, wie etwa Robinhood und Trade Republic. Die Robinhooder sind in den USA schon eine echte Macht und dort angeblich für etwa 20 Prozent des Umsatzes mit Wertpapieren verantwortlich. Diese Woche stürzten sie sich auf GameStop, einen Computerspieleinzelhändler, der schon mal bessere Zeiten gesehen hat. Die Guerilla-Investoren verhalfen der Aktie zu einem unverhofften Comeback und brachten die Hedgefonds so an den Rand der Verzweiflung.

Episode II, die Rache des Establishments

Die Entwicklung der GameStop Aktie

Die Revolte führte der ganzen Welt vor Augen, wie irrational das ist, was auf den Finanzmärkten passiert, wie sehr abgekoppelt von jeglicher realwirtschaftlicher Entwicklung. Doch dann schlug das Establishment zurück. Robinhood verbot einfach mal mir nichts, dir nichts den Kauf von GameStop-Aktien, wohlgemerkt aber nicht deren Verkauf – was den Hedgefonds in die Hände spielte. Ausgerechnet eine Firma namens Robinhood wohlgemerkt. Die deutsche Plattform Trade Republic und andere Handelsplattformen zogen nach.

Der Kurs fiel ins Nichts und plötzlich waren die Aktien-Guerilleros die Gelackmeierten. So ist das eben: Der freie Markt soll eben nur so lange frei sein, solange die Reichen profitieren. Und Marktmanipulation geht schon klar, wenn sie den Reichen dient. Ein Hedgefond darf Milliarden gegen ein Unternehmen wetten, aber wenn tausende Kleinstanleger in ein Unternehmen investieren, dann muss man das natürlich umgehend unterbinden. Mittlerweile haben die Plattformen die Handelsbeschränkungen zum Teil aufgehoben und lassen wieder die unsichtbare Hand des Marktes walten. Und wer weiß, vielleicht wird aus der unsichtbaren Hand des Marktes doch noch eine geballte Faust.


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