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#failoftheweek Wie die Taliban biometrische Daten von Millionen Afghanen erbeuten

Die US-Armee sammelte hochsensible Daten von Millionen Afghanen. Iris-Scans, Fingerabdrücke, Familienbeziehungen. Nun sind diese Daten den Taliban in die Hände gefallen. Christian Schiffer über Datenschutz – und wie das Versagen die Menschen in Lebensgefahr bringt. Ein Kommentar.

Von: Christian Schiffer

Stand: 20.08.2021

Talibankämpfer | Bild: picture-alliance/ dpa | epa Arshad Arbab

In ihrer Sendung "Freedom Watch Afghanistan" zeigt das US-Armee-Fernsehen 2008 einen Imagetrailer. Es geht um ein neues Gerät, das entwickelt wurde. "To secure security in the region". Das Gerät heißt HIIDE, ein graue Kasten, der aussieht wie eine Mischung aus einer sehr klobigen Spielekonsole und einer Fotokamera. Und tatsächlich kann man mit dem Ding Fotos machen, aber auch sehr viel mehr.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Freedom Watch Afghanistan - Feb 26 2008 | Bild: CJTFUploader (via YouTube)

Freedom Watch Afghanistan - Feb 26 2008

Die USA sammelten Millionen von Daten

Das Handheld Interagency Identity Detection Equipment-System - kurz HIIDE - ist ein Datensammelgerät. Es speichert Fingerabdrücke, macht Fotos, scannt die Iris. Die Geräte werden beispielsweise an Gebäudeeingängen verwendet oder vor Jobgesprächen, es wird gescannt gescannt und gescannt als gäbe es kein Morgen mehr. 80 Prozent der Menschen in Afghanistan sollen so irgendwann mit ihren biometrischen Daten in den Datenbanken der US-Armee landen, wie viele es letztlich geworden sind, weiß man nicht. Das Ziel aber ist klar: Taliban-Angehörige enttarnen, die sich als Übersetzerinnen oder Fahrer einschleichen wollen.

An zwei Dinge denkt in all den Jahren niemand: Erstens an den Datenschutz generell. Und zweitens: Dass diese Daten irgendwann einmal die falschen Hände gelangen könnten. Genau das ist jetzt offenbar passiert.

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tagesschau 20:00 Uhr, 16.08.2021 | Bild: tagesschau (via YouTube)

tagesschau 20:00 Uhr, 16.08.2021

Ortskräfte und Allys müssen untertauchen

Die Taliban haben nicht nur allerlei Waffen erbeutet, sonst auch HIIDE-Geräte – und damit Daten. Die Islamisten sitzen nun auf einem Schatz, in dem sich auch Informationen darüber verbergen, wer den Amis geholfen hat und wer als sogenannte "Ortskraft" gearbeitet hat.

Afghanische Frauen auf der Flucht vor der Taliban. Auch über sie gibt es biometrische Daten.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat Leitfäden auf Englisch, Paschtu und Dari erstellt, in denen erklärt wird, wie man der biometrischen Erfassung entgeht, etwa durch Schminke oder Kontaktlinsen. Ob das aber so funktioniert, ist nach Ansicht vieler Expertinnen und Experten aber eher zweifelhaft. Human Rights Watch bietet auch eine Anleitung an, um digitale Fußspuren im Netz zu beseitigen, etwa in den sozialen Netzwerken oder den Verlauf in Suchmaschinen. Denn auch das sind Daten, die in einem von den Taliban regierten Afghanistan Menschen in Gefahr bringen können.

Tausende Afghanen, die den Allierten geholfen hatten, müssen jetzt untertauchen.

Das Beispiel Afghanistan zeigt, dass das Erheben von Daten immer eine Gefahr sein kann, weil sich immer auch die äußeren Umstände ändern können. Heute sind das vermeintlich harmlose Daten, mit denen hoffentlich verantwortlich umgegangen wird, aber morgen schon können sie dem Unterdrückungsapparat einer Diktatur behilflich sein. In der Weimarer Republik sammelte die Polizei die Daten von Homosexuellen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten fällt diese sogenannte „Rosa Liste“ der Gestapo in die Hände und erleichtert die Verfolgung von Schwulen und Lesben.

Biometrische Überwachung in falschen Händen

Und kürzlich erst wurden sensible Daten von Rohingya-Flüchtlingen von der UN an Bangladesch übergeben, das sie dann wiederum an Myanmar weitergegeben hat, also ausgerechnet an das Land, aus dem die Rohingya geflogen sind.

Viele Frauen in Kabul sind dem ländlichen Afghanistan zu progressiv. Sie müssen jetzt ihre Spuren verwischen.

Und natürlich wurden die Betreffenden nicht einmal richtig gefragt, ob sie ihre Daten hergeben wollen. Das Erheben von Daten kann also eben auch deswegen eine Gefahr sein, weil sie verbaselt werden können –mit katastrophalen Folgen. Deswegen gilt: Nur von Daten, die es nicht gibt, geht keine Gefahr aus. Das Beispiel Afghanistan zeigt, dass Datenschutz kein bloß abstraktes, theoretisches Anliegen ist.

Das Recht auf Datenschutz ist ein Menschenrecht, festgeschrieben in Artikel 12 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Es wird Zeit dieses Recht ernst zu nehmen, denn am Ende sind es auch Daten, die über Leben und Tod entscheiden.