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#failoftheyear Twitter zu kaufen war die dümmste Idee in der Geschichte des Spätkapitalismus

Viele Leute haben 2022 ausgewachsene fails produziert, aber niemand war so ein formvollendeter Komplett-Fail wie Elon Musk. Zum Jahresende verleiht Christian Schiffer dem exzentrischen Twitter-Eigner den goldenen Fail am Bande. Ein Kommentar.

Von: Christian Schiffer

Stand: 22.12.2022

Elon Musk von einem Twitter-Logo umrandet. | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Adrien Fillon

Es hätte so einfach sein können. Elon Musk hätte als lebender Beweis in die Geschichte eingehen können, dass Milliardäre doch irgendwie cool sein können, also zumindest ein bisschen. Vor dem Jahr 2022 galt Musk als exzentrisch, manchmal ein wenig arschlöchrig, aber doch irgendwie als genial und bisweilen sogar als ein bisschen witzig. Er war der Typ, der Raketen baute, Elektro-Autos cool machte, mit Grimes erst über KI diskutierte und dann mit ihr Kinder zeugte, bei Saturday Night Life auftrat, die Ukraine mit Satelliten-Internet versorgte und uns allen erklärte, warum wir sehr wahrscheinlich in einer ausgefeilten Computersimulation leben.

Von allen Möglichkeiten wählte er die dümmste

Musk hätte einfach so weitermachen können. Oder: er hätte auch einfach nichts machen und stattdessen tagein tagaus in seinem Tesla Cyberpunk 2077 spielen können. Stattdessen entschied sich Musk dieses Jahr Twitter zu kaufen, was als eine der dümmsten Ideen in die Geschichte des Spätkapitalismus eingehen dürfte. Und so bekommt Elon Musk nun hiermit den goldenen Fail am Bande verliehen, als erster Mensch in den zwölf Jahren, in denen es diese Kolumne nun schon gibt.

Das ist auch deswegen einigermaßen überraschend, weil in diesem Jahr die Konkurrenz durchaus beachtlich war. Da war jemand wie Sam Bankman-Fried, der die Krypto-Vermögen seiner Anleger verzockte. Oder Kim Dotcom, ein Altmeister des Internet-Fails, dem dieses Jahr ein Comeback als Putin-Troll gelang. Aber niemand failte so hart wie Elon Musk. Er verbreitete irre Verschwörungstheorien zum Überfall auf den Ehemann der langjährigen Sprecherin des US-Repräsentantenhauses. Er startete Umfragen, zur Zukunft des Ukraine-Konfliktes, die auch von Putin himself hätten stammen können, wenn Putin das Internet benutzen würde. Und er schwafelte dauernd irgendwas von "free Speech", nur um dann Journalisten zu sperren, die ihn kritisiert hatten. Musks Abstieg vom Real-Life-Tony-Stark zum Michael Wendler der Tech-Welt ist atemberaubend.

Musk ruiniert Twitter, Musk ruiniert sein Lebenswerk und Musk ruiniert, en passant auch noch den Wert der Tesla-Aktie. Dass Musk ein passionierter Internet-Troll ist, das wusste man schon vorher, aber 2022 ist der mittlerweile nur noch zweitreichste Mann der Welt zu einer Mischung aus Internet-Troll und James-Bond-Bösewicht geworden: schnippisch, zynisch, gemein - und gefährlich. Und so spricht vieles dafür, dass er 2023 seinen Titel wird verteidigen können.