Bayern 2 - Zündfunk


8

#failoftheweek Warum Filterblasen jetzt WIRKLICH Realität werden könnten

Gerade erst hat der umstrittene Youtuber KenFM YouTube verlassen. Das ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass etwas in Bewegung ist im Internet. Es entstehen Netzwerke für ein spezielles Polit-Publikum. So könnte eine alte Internet-Theorie doch noch wahr werden, kommentiert Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 20.11.2020

Trolle, Filterblase, Megafon, Fakenews | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Irgendwann, da waren sie einfach weg, die konservativen Meinungen im Facebook-Feed von Eli Pariser. Das erzählt der Amerikaner 2011 in einem TED-Talk. Pariser ist damals Geschäftsführer der progressiven Kampagnenseite MoveOn.org und interessiert sich naturgemäß eher für linke Beiträge als für rechte. Und das wiederum verleitet die Facebook-Algorithmen dazu, ihm eher Artikel aus der New York Times anzuzeigen, als die von Fox News.

Filterblasen sollen an allem schuld sein

Die Beobachtung, wonach Facebook Eli Pariser nur noch das zeigt, was Eli Pariser sehen möchte, verarbeitet er in dem Buch „Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden“. „Filterblase“, das ist catchy, das zieht, das gesammelte Feuilleton in Aufregung. Filterblasen werden so schnell zum Jogi Löw unter den Netzphänomenen. Ihnen wird dauernd die Schuld an allem gegeben, was so schief läuft in der Welt: Trump? Filterblasen! Polarisierung? Filterblasen! Depressionen? Filterblasen! Kapitalismus? Filterblasen! Verschwörungstheorien? Filterblasen!

Da nützt es auch nichts, dass Eli Pariser selbst irgendwann einräumt, dass beispielsweise an Trump keineswegs die Filterblasen schuld seien. In der Wissenschaft gelten Filterblasen da schon längst als Yeti unter den Theorien: Jeder denkt, es gibt sie. Aber jedes Mal, wenn sich Forscher aufmachen, sie zu finden, finden sie: nichts.

Abwanderung zu Alternativ-Plattformen

Denn zum einen sind Filterblasen nichts Neues, denn es war ja schon früher keineswegs so, dass jeder Bild-Leser regelmäßig in die SZ hineingelugt hat, um sich endlich mal anderen Meinungen auszusetzten. In den sozialen Medien werden Menschen sogar besonders oft mit abweichenden Meinungen konfrontiert, was regelmäßig für dicke Luft sorgt. Auch deswegen greifen Facebook, Twitter &. Co immer stärker durch, gegen Hass und Fake News. Und das wiederum hat einen Prozess in Gang gesetzt, der durchaus besorgniserregend ist. Die Abwanderung hin zu diversen Alternativ-Plattformen, die immer populärer werden.

Manch einer verbreitet seine QAnon-Theorien nun lieber auf Parler, einer Art Twitter von rechts, finanziert von konservativen Trump-Freunden. Oder man kuckt seine Alex Jones-Videos auf Rumble, einer YouTube-Alternative, auf der sich neben lustigen Hundevideos vor allem Verschwörungsgeschwubel findet. Oder man wandert aus in das russische VKontakte oder nach Telegram, vor allem dann, wenn man mal wieder auf Facebook Hausverbot hat.

Rechte Portale boomen

Parler erlebt gerade einen regelrechten Boom und hat insgesamt schon über 8 Millionen Mitglieder. Wer sich dort umschaut, der findet vor allem eine klebrige Mischung aus Rassismus, Verschwörungstheorien und Fake News vor, man watet förmlich durch einen Morast aus Postings, die vermutlich auf anderen Plattformen gesperrt oder zumindest mit einem Warnhinweis versehen worden wären. Abweichende Meinungen? Debatten? Diskussionen? Streit? All das sucht man hier vergeblich.

Und so könnte die Filterblasen-Theorie doch noch wahr werden, wenngleich auch anders, als es sich Eli Pariser vor fast zehn Jahren vorgestellt hat. Es sind nämlich nicht unbedingt die Algorithmen, die uns in unseren Filterblase einmauern. Es sind wir selbst. Oder genauer: Unser Bedürfnis, uns mit Leuten zu vernetzten, die ähnlich denken, wie wir. Die Filterblase der Zukunft, das ist das eigene Netzwerk für die eigene politische Einstellung. Und vielleicht werden wir uns irgendwann die Zeit zurückwünschen, als alle noch auf Twitter, Facebook und Co. waren – und sich miteinander gezofft haben.


8