Bayern 2 - Zündfunk


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#failoftheweek Nur Technikskepsis kann uns jetzt noch retten!

Ein Update legt einen sich selbst-bindenden Nike-Schuh lahm, Google verschweigt ein Mikrofon und dann verfällt auch noch die GEMA in blinde Technik-Gläubigkeit: Wenn das so weiter geht, haben wir echt ein Problem, kommentiert Christian Schiffer im #failoftheweek.

Von: Christian Schiffer

Stand: 22.02.2019

"Rhea M - Es begann ohne Warnung", so heißt der einzige Film, bei dem Stephen King jemals Regie geführt hat. Der Streifen aus dem Jahr 1986 ist längst in Vergangenheit geraten, was einerseits wurst ist, denn es handelt sich um einen überaus durchwachsenen Film. Andererseits aber hält dieser Trash auch eine wertvolle Botschaft bereit, denn in "Rhea M" entwickelt die Maschine ein Eigenleben: Geldautomaten beschimpfen ihre Kunden, Getränkeautomaten ballern mit Dosen auf Menschen, aus Küchenmaschinen werden Killermaschinen.

Vergesst "Terminator", vergesst "iRobot", vergesst "2001: Odyssee im Weltraum": "Rhea M" ist das größte „Fuck You“ in Richtung blinder Technikgläubigkeit, das jemals auf Zelluloid gebannt wurde. Und vielleicht sollte man den Film mal wieder ins Abendprogramm hieven, denn ein Prise Technikskepsis würde uns gerade wohl guttun.

Jemand vercodet sich und schon können sich die Menschen sich nicht einmal mehr die Schuhe binden

Es läuft halt nicht immer alles so, wie es sollte: Diese Woche wurde bekannt, dass der selbstbindende Schuh, auf den Nike so stolz ist, bedauerlicherweise durch ein Software-Update lahmgelegt wurde. Die Welt im Jahr 2019: Irgendjemand vercodet sich und schon können erwachsene Menschen sich nicht einmal mehr die Schuhe binden. Und dann kam noch heraus, dass Google seit Anfang 2017 eine Alarmanlage verkauft, die ein Mikrofon enthält, von dem Nutzer aber nichts wussten – eine wahr gewordene Verschwörungstheorie. Und dann war da ja noch die GEMA. Gerade wird bekanntlich um die EU-Urheberrechtsreform gestritten. Die neue Regelung könnte Internet-Plattformen de facto dazu zwingen, jeglichen Content auf Urheberrechtsverletzungen zu prüfen mit Hilfe sogenannter „Upload-Filter“. Auf die Frage, wie solche automatisierten Filter etwa Satire erkennen können sollen, antwortete die Gema auf Twitter:

"Künstliche Intelligenz kann heute Gesichter erkennen, Vorlieben herausfiltern und sogar selbstständig einparken. Da sollte es ein leichtes sein, zwischen Original und Parodie zu unterscheiden."

GEMA

Eine Parodie erkennen, laut GEMA so pipi-einfach wie einparken. Hier trifft maximale Technikahnungslosigkeit auf Silicon Valley-eske Technikgläubigkeit – eine toxische Mischung. Generell scheinen viele Befürworter der Reform, wenn es um den möglichen Einsatz von Upload-Filter geht, plötzlich jegliches Technologie-Misstrauen über Bord zu werfen. Dabei wurde über Jahre hinweg vor der „Macht der Algorithmen“ gewarnt und es wurden sogenannte „Internet-Kritiker“ hofiert, eingeladen, als mutige Tabu-Brecher inszeniert. Einer von ihnen, nämlich Jaron Lanier, wurde 2014 sogar mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Und heute? „Hey, lasst uns doch einfach mal Algorithmen entscheiden, was jemand ins Internet stellen darf, was soll dabei bitteschön schon schief gehen?!“

We are doomed

In "Rhea M - Es begann ohne Warnung" flüchten die Menschen am Ende auf eine Insel und sind vor der frei drehenden Technik erst einmal sicher. Vor Upload-Filter wird man aber nirgends sicher sein. Und im allerschlimmsten Fall verhindern sie auch noch, dass Tutorial-Videos hochgeladen werden können, die uns zeigen, wie man sich im Fall der Fälle die Schuhe selbst bindet.

We are doomed.


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