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#failoftheweek Laptop-Zuschuss: Wie Corona die soziale Spaltung sichtbar macht

Die einen machen Youtube-Yoga mit Mady Morrison. Die anderen können nicht am Homeschooling teilnehmen, weil sie keinen Computer besitzen. Corona macht die soziale Spaltung sichtbar. Da genügen 150 Euro Zuschuss nicht, kommentiert Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 24.04.2020

Eine als Lehrer verkleidete Eule fragt, ob auch alle Kinder einen Laptop haben. | Bild: Colourbox / Montage:BR

Ein Schüler regt sich auf Youtube über Mebis auf, die digitale Lernplattform des Bayerischen Kultusministeriums. Und tatsächlich kostet Mebis vielen Lehrern, Schülern und Eltern gerade einiges an Nerven.

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Mebis diese scheiße | Bild: dani tv (via YouTube)

Mebis diese scheiße

Die Plattform ist immer wieder überlastet und nicht erreichbar. Doch das ist nur ein Problem des Homeschoolings in Corona-Zeiten. Ein anderes, gravierenderes: Geld. Internet kostet Geld, Computer kostet Geld, Tablet kostet Geld. Und deswegen will die Politik arme Schüler mit einem Zuschuss von 150 Euro unterstützen. Potzblitz: 150 Euro! Da kann man auf Ebay ja mal richtig ballern und sich ein Topgerät aus den 90er Jahren rauslassen!

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Vobis Werbung 1994 Highscreen Computer | Bild: pciersi (via YouTube)

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Potzblitz: 150 Euro Zuschuss

Um fair zu bleiben: 150 Euro sind natürlich nicht Nichts, es ist ein Zuschuss, nicht mehr, nicht weniger. Aber eben ein eher kleiner Zuschuss, wenn es um vernünftige IT-Ausstattung geht. Und eine vernünftige IT-Ausstattung, die braucht man eben, wenn Schule im Netz stattfindet. Ähnlich sieht es aus, wenn man von zu Hause arbeiten möchte. Und so entlarvt Corona, wie groß die digitale Spaltung in Deutschland ist. Die einen schwingen sich auf ihr Hightech-Fitnessrad von Peleton, meditieren per Headspace-App, geben sich dem technologiegetriebenen Corona-Neo-Biedermeier hin und machen Yoga mit Mady Morrison. Die aber, auch hier muss man fair bleiben, wirklich toll ist. Yoga mit Mady Morrison ist wie eine beruhigende Kopfmassage – und zwar auch dann, wenn man gar kein Yoga macht.

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Yoga für einen gesunden Rücken | Übungen gegen Verspannungen | Self Care Routine für jeden Tag | Bild: Mady Morrison (via YouTube)

Yoga für einen gesunden Rücken | Übungen gegen Verspannungen | Self Care Routine für jeden Tag

Neo-Biedermeier muss man sich leisten können

Aber zurück zum Thema: Diesen Neo-Biedermeier mit Homeoffice, neuen Brotback-Tipps aus dem Netz, diesem „Endlich können wir mal wieder zusammen musizieren“ und Tigerking auf Netflix, diesen Neo-Biedermeier, den muss man sich leisten können. Zum einen natürlich, weil manche Menschen gar nicht zu Hause arbeiten können. Ein Automechaniker kann nicht einfach so sagen: Ich klappe zu Hause den Laptop auf und tausche im Wohnzimmer mal kurz einen Auspuff an einem Golf-GTI aus. Zum anderen, weil oft schlicht der Platz fehlt, darauf weist beispielsweise die Zukunftsforscherin Christiane Varga hin: „Ich sehe das differenziert. Erstens ist der Rückzug ins Zuhause, übrigens genauso wie Social Distancing, ein Privileg. Es hat ja damit zu tun, wie ich wohne. Ob ich mich da auch gerne aufhalte, ob ich genügend Platz und genügend Raum habe für mich. Und wenn ich nicht alleine lebe, dann auch für meine Familie, dass da jeder Rückzugsorte hat.“

Schaut nach Benin, ja genau: Benin

Die 150 Euro für Schüler aus armen Familien sind also ein Symbol dafür, dass wir Gefahr laufen, dass Corona die ohnehin vorhandene soziale Spaltung noch weiter vertieft. Zumindest aber, wenn es um die digitale Spaltung geht, könnte man mehr tun, mehr als die 150 Euro. Man könnte Bibliotheken mehr fördern, für ein zeitgemäßes Urheberrecht sorgen, freie Software unterstützen und endlich mal die komplette Unverschämtheit angehen, dass mobiles Internet in Deutschland miserabel, aber zugleich teurer ist, als in fast allen Nachbarländern. Und man könnte auch nach Benin schauen. Ja genau, nach Benin. Der westafrikanische Staat hat es Telekommunikationsanbieter während der Corona-Zeit verboten, Verträge zu kündigen, wenn die Nutzer im Zahlungsrückstand sind. Auch Deutschland kann also noch etwas lernen.


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