Bayern 2 - Zündfunk

#failoftheweek Streit zwischen Künstlern und KI – Ist das die neue kulturelle Aneignung?

Intelligent kopiert oder dreist geklaut? Seit künstliche Intelligenz den Kunstbetrieb aufmischt, gibt es Streit um Kunst-KIs wie Dall-E, Stable Diffusion oder Midjourney. Nun wurde sogar einem Künstler vorgeworfen, er male wie eine Maschine. Der Konflikt könnte sehr hässlich werden, kommentiert Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 13.01.2023

Roboter Künstlerin Ai-Da. | Bild: picture alliance / empics | Kirsty O'Connor

Ok, man muss das Bild nicht unbedingt mögen. Es heißt "A Muse in Warzone" und zeigt, nun ja: eine Muse in einem Kriegsgebiet. Eine holde Maid, eingehüllt in einer Mischung aus Toga und Hochzeitskleid, sie schaut verträumt in die Ferne. Im Hintergrund der Nebel des Krieges, ein paar Adler und zwei rote Punkte, die eigentlich gar keinen Sinn ergeben. "A Muse in a Warzone" erinnert an eines dieser Paintbrush-Bilder, die auf Fahrgeschäften aus den 90ern gepinselt werden oder wie das Cover eines Fantasy-Schinkens, der im Selbstverlag erschienen ist.

Maschinen lernen menschliche Kreativität

Das Bild "Muse In A Warzone".

Gemalt hat es Ben Moran, ein aus Vietnam stammender Künstler aus, und, das ist für diese Geschichte wichtig, er selbst ist aus Fleisch und Blut. Denn als Moran das Bild in die größte Reddit-Gruppe zum Thema Kunst postet, wird er gebannt.

Nicht, weil das Gemälde nicht große Kunst ist. Der Grund ist ein anderer, ein interessanter: Das Bild habe doch wohl eindeutig kein Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz gemalt! KI-Kunst aber ist in der Reddit-Gruppe verboten. Moran beteuert seine Unschuld und legt Beweise vor, etwa Photoshop-Dateien, die zeigen, dass er das Bild selbst im Schweiße seines Angesichts am Rechner geschaffen hat.

Aber hilft nichts, ein Reddit-Türsteher schreibt ihm: "Ich glaube dir nicht. Selbst, wenn du selbst 'gemalt' haben solltest, ist das so offensichtlich ein Design, das von Künstlicher Intelligenz inspiriert ist, dass es keine Rolle spielt. Wenn du wirklich ein „ernsthafter“ Künstler bist, musst du dir einen anderen Stil zulegen, denn dir wird A) niemand glauben, wenn du sagst, dass es nicht von einer KI ist und B) schafft eine KI das in Sekunden besser, wofür du Stunden brauchst. Sorry, aber so läuft das nun mal."

Tweet-Vorschau - es werden keine Daten von Twitter geladen.

ben moran artist - Dienstag, 27. Dezember 2022, 16:27 Uhr
We are in the world which real artists is being punished because he's the victim of these thief called AI artists? #Savehumanartist #noAIart #NoAI #SavefutureArt https://t.co/yTQAeyc8SR

We are in the world which real artists is being punished because he's the victim of these thief called AI artists?
#Savehumanartist #noAIart #NoAI #SavefutureArt https://t.co/yTQAeyc8SR | Bild: benmoran_artist (via Twitter)

Ein Künstler wird aufgefordert, doch bitteschön nicht so zu malen, wie eine Maschine das besser machen würde. Das ist die letzte Volte in einem komplizierten Konflikt, der seit Monaten tobt. Denn 2022 war das Jahr, in dem die Maschinen ausgerechnet in einen Bereich eingedrungen sind, auf den wir Menschen uns doch so viel einbilden: In den der menschlichen Kreativität. Pac-Man sitzt auf dem Wetten-Dass-Sofa. Oder Godzilla als Kellner auf der Wiesn, aber im Stil von van Gogh. Programme wie DallE, Stable Diffusion oder Midjourney pinseln einem auf Knopfdruck, was man haben will.

Ist das die neue kulturelle Aneignung?

Für Künstler und Designer stellen die neuen Kunstmaschinen ein Problem dar, und zwar nicht nur, weil sie ihnen die Jobs klauen könnten, sondern auch ihren Stil. Denn trainiert werden die Kunst-Maschinen mit Kunst, die Menschen zuvor geschaffen haben.

Spiridon Giannakis ist Grafiker, Verleger und Agent und er setzt sich dafür ein, dass die Nutzung von Kunst zum Training von KI-Systemen strenger reguliert wird. Er kommentiert: "Derzeit bedienen sich die sogenannten künstlichen Intelligenzen, die eigentlich nur Bildgeneratoren sind und auch weit entfernt vom Konzept der KI, bei Material, das sie aus allen Ecken des Internets in ihren Datenbanken speichern und nehmen dabei keine Rücksicht auf Bilder, die urheberrechtlich geschützt sind."

Beim Streit zwischen Künstlern und KI stellen sich schnell haarige Fragen: Ist das Bild der künstlichen Intelligenz eine eigene Kreation? Stiehlt die KI bei den Kreativen? Disrupted KI die Designerin und den Künstler, weil KI schneller ist und vor allem billiger? Ist das die ganz andere, die neue kulturelle Aneignung? Oder lässt sie sich nur inspirieren, so wie auch Kunststudenten ihren Vorbildern nacheifern?

Kunst in a Warzone

Eine der neuen Kunst-KIs, nämlich Stable Diffusion, wurde von der Machine Vision & Learning Arbeitsgruppe an der LMU München entwickelt. Leiter der Arbeitsgruppe ist der Informatiker Björn Ommer. Und der lässt den Vorwurf, Stable Diffusion würde den Stil von Künstler klauen, nicht gelten. So sei Stil bei ihnen aus guten Gründen nicht patentierbar, da es jeden sehr stark einschränken würde, wenn Stil am Ende des Tages patentierbar wäre. Ommer fügt auch hinzu, dass wir uns gar nicht bewusst seien, was man dann alles verbieten würde und verbieten müsste: "Ich bin durchaus dafür, dass es eine Opt out Funktionalität geben sollte bei Datensätzen, die zusammengestellt werden".

Opt-out hieße, dass Künstler, Designer, Fotografen oder Grafiker selbst entscheiden können, ob sie es erlauben, dass eine künstliche Intelligenz mit ihren Daten trainiert wird. Aber ob das alleine diesen Konflikt befriedigt? Vermutlich eher nicht. Das Cover für den Laberpodcast, der Flyer für das Betriebsfest, das Bild für den verkopften Philosophie-Blog, all das kann und wird in Zukunft aus der Maschine kommen. Der Streit zwischen Künstlern und KI könnte richtig hässlich werden. Kunst in a Warzone. Ohne holde Maid!