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#failoftheweek Die Corona-App - Wie einer guten Idee durch unbedachte Äußerungen geschadet wird

Eine Corona-App könnte uns allen helfen bald wieder zur Normalität zurückzukehren. Aber aus Politik und Wissenschaft kommen unüberlegte Äußerungen, die unnötig Ängste schüren. Christian Schiffer glaubt, eine gute App ist möglich.

Von: Christian Schiffer

Stand: 17.04.2020

Die "Stopp Corona" App für Smartphones vom Österreichischen Roten Kreuz. Im Zuge der Coronavirus-Krise Maßnahmen startet das Rote Kreuz eine App für Smartphones. | Bild: picture alliance/APA/picturedesk.com

Wir stehen gerade vor der Herausforderung, dass wir die gegenwärtigen Lockdown-Maßnahmen möglichst bald lockern wollen. Das heißt: Wir alle wollen nicht über Monate daheimsitzen, sondern wir wollen unser Leben möglichst bald wieder normalisieren. Die Frage ist jetzt: Wie schafft man das, ohne dass dadurch die Zahl der Infektionen in Deutschland durch die Decke geht? Und da sagen uns die Epidemiologen, dass eine Möglichkeit wäre, Infektionen effektiver als bisher zurückzuverfolgen. Dass man also schaut: Welche Menschen haben sich mit dem Coronavirus infiziert? Und danach möglichst schnell alle anderen Personen, die mit dieser Person Kontakt hatten, kontaktiert und sie bittet, sich in häusliche Quarantäne zu begeben.

Auch Netzaktivisten sind für eine Corona-App

Eine Tracing-App, um Coronafälle zurückzuverfolgen - das ist eine gute Idee findet Ulf Buermeyer, Netzaktivist und Vorsitzender der Gesellschaft für Freiheitsrechte. Und viele Virologen sehen das ähnlich. Klar, eine App ist vermutlich auch keine Wunderwaffe gegen Corona, aber schon etwas, das man zumindest mal ausprobieren sollte. Das Problem: Damit so eine App wirklich durchschlagenden Erfolg hat, müssen sie viele Leute installieren. Sehr viele Leute. Ungefähr 60 Prozent der Bevölkerung müssten eine solche App auf ihr Handy lassen. Vielleicht würden auch schon weniger Menschen reichen, um Corona halbwegs an der Verbreitung zu hindern. Also: Das Ziel ist ambitioniert, aber nicht gänzlich unrealistisch. Hoffnung macht eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für BR24, also dem Bayerischen Rundfunk, denn da kam heraus: 56 Prozent der Befragten würden sich eine solche App installieren.

Doch leider ist diese Woche so einiges gesagt worden, dass wieder ein paar Prozentpunkte kosten könnte. Da waren zuerst die Forscher von der Leopoldina: Die äußerte sich in ihren ohnehin nicht ganz unumstrittenen Corona-Empfehlungen auch zur Frage zu Corona-Bekämpfung via Smartphone. Und das taten sie dann so: "Dabei sollte die Nutzung von freiwillig bereitgestellten GPS-Daten in Kombination mit Contact-Tracing, wie dies beispielsweise in Südkorea der Fall ist, möglich sein."

Technische Feinheiten

Aha, GPS-Daten würden die 24 Herren und zwei Damen der Corona-AG der Leopoldina also gerne anzapfen. Dabei sind Satellitendaten gar nicht präzise genug, um im Kampf gegen Corona helfen zu können. Und vor allem: Mit GPS-Daten sind Standortdaten gemeint und mit Standortdaten kann man Bewegungsprofile erstellen. Das ist erstens nicht besonders datensparsam und erschwert zweitens die Anonymität.

Unnötige Vorschläge aus der Jungen Union

Doch damit eine Corona-App auch von vielen Menschen genutzt wird, muss sie garantieren, dass Menschen anonym bleiben können. Denn eine Tracing-App wäre freiwillig, wobei es auch diesbezüglich immer wieder Vorstöße gibt, die etwas unglücklich sind und der Sache schaden. Der Vorsitzende der Jungen Union Tilman Kuban beispielsweise sagte diese Woche in der Welt: "Deshalb bin ich für eine Widerspruchslösung bei der Datenspende. Jeder Smartphone-Besitzer sollte die neue Tracing-App mit dem nächsten Update aufs Handy bekommen und völlig anonym entscheiden, ob er teilnehmen und damit helfen will oder aus für sich nachvollziehbaren Gründen widerspricht."

Widerspruchslösung: Das heißt, jeder bekommt die App erstmal aufs Handy und muss sich dann aktiv dafür entscheiden, sie nicht zu verwenden. „Opt Out“ nennt man das und kennen tut man das beispielsweise von Facebook, das prinzipiell unsere Daten sammelt, es sei denn wir arbeiten uns durch irgendwelche Menüs, um das abzustellen. Später präzisierte Kuban seine Aussagen, er wolle einfach nur, dass alle zumindest einmal gefragt würden, ob sie mit ihrem Smartphone gegen Corona helfen wollen - aber da war der Schaden schon angerichtet.

Kluge und ehrliche Überzeugungsarbeit ist gefragt

Noch gibt es eine solche Tracing-App nicht, aber die Bundesregierung und die Länder haben sich darauf geeinigt, das clevere und Datenschutzfreundliche Konzept zu empfehlen, dass unter dem recht nerdigen Namen PEPP-PT bekannt geworden ist. Die ersten Apps auf PEPP-PT Basis könnte es Ende April oder Anfang Mai geben. Immer wieder fordern Politiker, man müsse jetzt bei Corona bei der Sache bleiben und genau das gilt auch beim Thema Corona-App: Anstatt Bims und Bums zu fordern und den Bürgern damit Angst zu machen, ist kluge und ehrliche Überzeugungsarbeit gefragt.


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