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#failoftheweek Wir brauchen mehr Homeoffice, Büro-Geilheit kann nicht die Zukunft sein

Die Impfquote steigt, die Inzidenz sinkt und schon fordern die ersten: „Schluss mit lustig, ab ins Büro!“. Dabei sollte das Arbeiten von zu Hause in Zukunft die Regel sein und nicht die Ausnahme, kommentiert Christian Schiffer.

Von: Christian Schiffer

Stand: 04.06.2021

Ein verwahrloster Mann nach einem Jahr Homeoffice | Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Paul Skupin/Geisler-Fotopress

Februar 2013: Dem Internetunternehmen Yahoo geht es nicht gut. Die Firma, die im Paläolithikum des Internets die Menschen durch das World Wide Web gelotst hat, gilt als träge und wenig innovativ, der Umsatz geht zurück, der Aktienkurs fällt. In dieser schwierigen Situation entscheidet sich die Yahoo-Chefin Marissa Mayer zu einem radikalen Schritt: Alle zurück ins Büro, ordnet die junge Unternehmenslenkerin damals an. Anders als bisher, und anders als in amerikanischen Internet-Unternehmen schon damals üblich, soll es Homeoffice nur noch in Ausnahmefällen geben. Ihr Argument: Nur wer sich persönlich begegnet, kann Ideen austauschen, kreativ sein und die tollsten Produkte entwickeln.

Yahoo-Mitarbeiter*innen hassen Präsenzpflicht

"Geh du ruhig in die Küche, ich arbeite heute im Wohnzimmer"

Im Büro, irgendwo zwischen Cappuccino-Automat und „Klappe öffnen und Papierstau-beseitigen“-Kopierer-Rumgezicke sollen sie nun entstehen: Die Geistesblitze, mit denen Yahoo es den ganzen Facebooks, Googles und Microsofts da draußen so richtig zeigen will. Doch es kommt anders: Die Mitarbeiter*innen hassen Meyers-Büro-Ansage, die Verluste explodieren und 2016 schließlich wird Yahoo dann aufgespalten und verkauft. Yahoo spielt heute keine Rolle mehr, aber die Vorstellung, das Mitarbeitende ins Büro gehören, die ist immer noch weit verbreitet, Corona hin, Corona her. Sogar als sich die Pandemie noch mit atemberaubende Geschwindigkeit durch das Land brennt, zieren sich viele Chefs die Mitarbeiter*innen von zu Hause arbeiten zu lassen. Und jetzt, wo die Pandemie langsam ihren Schrecken verliert, scheint kaum etwas wichtiger zu sein, als dass alle so schnell wie möglich wieder ins Büro zurückkehren. Der FDP-Fraktionsvize Michael Theurer meinte beispielsweise letztens: „Wer Biergärten richtigerweise öffnet, darf nicht an der Homeoffice-Pflicht festhalten“, und in den USA setzen vor allem Finanzunternehmen wieder auf Präsenzarbeit - was die Chefs gut finden, die Mitarbeiter*innen aber weniger.

Nicht alles am Büro ist schlecht

Klar, es stimmt schon: Um kreativ zu sein, braucht man den Austausch mit den Kolleg*innen und nach Monaten von Zoom-Konferenzen und Microsoft Teams-Absprachen sehnen sich manche von uns danach, endlich wieder am Cappuccino-Automaten Schlange zu stehen oder fachmännisch einen Papierstau im Kopierer zu beseitigen. Und es gibt kaum etwas Schöneres auf der Welt, als sich Freitag ab 15 Uhr gemeinsam mit den Kolleg*innen von der Arbeit abzulenken und die Produktivität langsam absinken zu lassen, wie eine Karton-Din-A 4-Kopier-Papier, den man in einen kalten, tiefen See geworfen hat. Und es stimmt auch, dass nicht jeder im Homeoffice arbeiten kann, etwa weil die Wohnung zu klein ist oder die Arbeit körperliche Anwesenheit erfordert.

Wider der post-pandemischen Büro-Geilheit

Im Homeoffice hat man auch Spaß mit der Familie

Und trotzdem irritiert die post-pandemische Büro-Geilheit. Schließlich haben sich viele Arbeitnehmer*innen daran gewöhnt flexibler arbeiten zu können, mehr Zeit zu haben und ja, manchmal auch ein bisschen mehr Bequemlichkeit. Diese Kolumne hier zum Beispiel entsteht gerade im Bett. Und nein, im Homeoffice ist man nicht weniger produktiv, eher im Gegenteil. Den meisten Arbeitnehmer*innen wäre es am liebsten, sie könnten ein paar Tage im Büro arbeiten und ein paar Tage zu Hause. Einige Unternehmen wie Apple, SAP oder Porsche haben das erkannt und angekündigt, dass ihre Mitarbeiter*innen in Zukunft sehr viel mehr von Zu Hause an der Steigerung des Unternehmenswertes mitwirken können, als früher. Schade, dass erst eine weltweite Pandemie über uns hereinbrechen musste, um in manchen Chef-Etagen ein Umdenken herbeizuführen.


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