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#failoftheweek Warum eine Klarnamenpflicht im Netz Quatsch ist

Aus unserem Autor wird im Netz manchmal ein 68-jähriger, tätowierter Muskelprotz mit Motorrad. Doch damit könnte bald Schluss sein, denn AKK und andere wollen die Anonymität im Netz verbieten.

Von: Christian Schiffer

Stand: 14.06.2019

Ein Zettel mit der Aufschrift Hass liegt auf einer Tastatur | Bild: picture-alliance/dpa

Früher, da war ich eine ganz große Nummer. Ich sag nur: Türsteher am Hamburger Dammtor, drei Jahre Kombüsen-Hilfe auf einem Kartoffelfrachter unter philippinischer Flagge. Noch mit 61 bin ich auf meiner Yamaha jedes Wochenende die A7 rauf und - und hinuntergebrettert. Einmal, da habe ich mit Schraubenzieher-Kalle eine ganze Nacht durchgezecht und mit dem Langen Tünn habe ich regelmäßig am einarmigen Banditen Mariacron-Cola getrunken. Mein Name: Hans Fuchs.

Okay, das war gelogen. Ich bin Kolumnisten-Fuzzi, nicht Kombüsen-Hilfe und habe ja nicht mal ein Fahrrad, geschweige denn ein Motorrad. Mit Hans Fuchs habe ich also kaum etwas gemein, außer natürlich, dass ich Mariacron-Cola ebenso für das beste Mischgetränk halte, das Deutschland je hervorgebracht hat. Mein Name: Christian Schiffer.

Es gibt viele Gründe für Anonymität im Netz

Es ist ganz cool, Christian Schiffer zu sein. Aber es gibt einfach Situationen, da ist es dann doch sehr viel besser, Hans Fuchs zu sein, zum Beispiel im Internet. Als ich für ein Buch in der der Verschwörungs-Szene recherchiert habe, da habe ich mir eine Zweitidentität zugelegt und Hans Fuchs erfunden, mit ausgefeilter Backstory und allem Drum und Dran. Als Christian Schiffer vom BR, wäre ich vermutlich aus allen einschlägigen Gruppen hochkant herausgeflogen. Als Hans Fuchs aber, da konnte ich mich in der Szene umschauen. Hans Fuchs ist mein Schutzanzug, in den ich reinschlüpfe, wenn es im Netz heikel wird. Er ist meine Internet-Handpuppe, wenn ich aus irgendwelchen Gründen anonym bleiben möchte, ich mag Hans Fuchs und ja, ich bin gerne Hans Fuchs.

Geht es nach Wolfgang Schäuble, Manfred Weber und Annegret Kramp-Karrenbauer, darf es Hans Fuchs in Zukunft nicht mehr geben, denn sie alle haben in den letzten Wochen gefordert, die sogenannte „Klarnamenpflicht“ im Internet einführen. Klarnamenpflicht, das heißt: Im Netz darf ich mich nur noch als Christian Schiffer bewegen. Ich darf nur noch als Christian Schiffer an Debatten teilnehmen, als Christian Schiffer kommentieren, posten und als Christian Schiffer in Facebook-Gruppen von Verschwörungstheoretikern recherchieren.

Die Klarnamenpflicht hilft nicht gegen Hass im Netz

Annegret Kramp-Karrenbauer sagt, sie will mit ihrem Vorstoß etwas gegen den Hass im Netz tun. „Ich möchte wissen, wer kommentiert“, hat sie der Bild am Sonntag gesagt. Auch, weil die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Internet hämisch beklatscht wurde. Das große Problem ist nur: Wie vermutlich jeder Community-Manager weiß, hassen die Leute leider auch unter ihrem echten Namen. Wer die Anonymität im Netz ausknipst, knipst nicht automatisch auch den Hass aus. In Süd-Korea gab es eine Zeit mal eine Klarnamenpflicht, der Hass hat dadurch aber kaum abgenommen. Und dann gibt es ja auch noch gute Gründe, manchmal anonym zu sein und zwar nicht nur, wenn man unter Alu-Hüten recherchiert. Viel Kritik hat die CDU einstecken müssen für ihren Umgang mit dem berühmten Rezo-Video. Viel war die Rede davon, dass für die Partei das Internet immer noch #Neuland sei. Aber mit Ideen wie der Klarnamenpflicht wird die CDU vermutlich noch ein wenig am Rezo-Schock zu knabbern haben dürfen.


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