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#failoftheweek Jens Spahn kuscht vor den Globuli-Anhängern

Jens Spahn will, dass Krankenkassen weiterhin Homöopathie bezahlen. Sein Argument: Sie geben im Jahr "nur" 20 Millionen Euro dafür aus. Christian Schiffer findet: Dann bitte auch den Orgonstrahler bezahlen! Ein Kommentar.

Von: Christian Schiffer

Stand: 20.09.2019

Jens Spahn | Bild: picture-alliance/dpa

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn diese Woche im Berliner Salon. Der CDU-Politiker findet: Es sollte weiter erlaubt sein, dass die Krankenkassen homöopathische Leistungen übernehmen. Weil die Krankenkassen im Jahr nur 20 Millionen Euro für homöopathische Medikamente ausgeben. Und wer will denn schon für den lächerlichen Betrag von 20 Millionen Euro wohlbetuchte Globuli-Fans vor den Kopf stoßen? Für Peanuts! Für einen Betrag quasi, so verschwindend gering, fast so als hätte man ihn verdünnt, verdünnt, verdünnt, dann nochmal geschüttelt, so dass die 20 Millionen Euro wie ein homöopathisch kleiner Geldbetrag wirken von sagen wir mal... null Euro!

Sanftes Image, knallharte Geschäftsinteressen

Allerdings: Geld ist kein Globuli und 20 Millionen Euro sind 20 Millionen – 20 Millionen Euro, die die Solidargemeinschaft einer unsympathischen Industrie hinterherwirft, die zwar so tut, als sei sie so sanft wie ein Rehkitz, jedoch knallhart ist, wenn es um ihre Geschäftsinteressen geht. An eine Industrie, die Kritiker abmahnt und Hebammen brainwashed. 20 Millionen Euro an eine Industrie, die sich eine beachtliche Extrawurst herbeilobbyiert hat und deren Produkte deswegen laut Arzneimittelgesetz von einer Wirksamkeitsprüfung ausgenommen sind. Und ja genau: An eine Industrie, die Produkte vertreibt, die für den es keinen erwiesenen Nutzen gibt – zumindest keinen, der über den Placeboeffekt hinausgeht. Und deswegen geht es auch nicht nur um 20 Millionen Euro, sondern ums Prinzip.

Dann können wir das mit der Aufklärung auch gleich sein lassen

Entweder der Staat sagt: Liebe Krankenkassen! Bezahlt doch bitte nur Dinge, für die es halbwegs wissenschaftliche oder evidenzbasierte Belege gibt, dass sie wirken. Oder der Staat sagt: Liebe Krankenkassen, anything goes! Homöopathie, Bachblütentherapie, Bioresonanztherapie, Orthomolekulare Medizin, Pneumatische Pulsationstherapie, intraperitoneale Ozontherapie, Mentalfeldtherapie, Frischzellentherapie, Nanophotonentherapie, Symbioselenkung, Reinkarnationstherapie, Regenaplex-Therapie, Indirekte Grenzstranginjektion nach Mink, Intraossäre Neuraltherapie nach Rau, Blicktraining nach Fischer, Kochsalztherapie nach Desnizza, Mess- und Korrektionsmethodik nach Haase und nicht zu vergessen: Der Orgonstrahler! Der Leopard 2-Panzer unter den Orgonakkumulatoren! All diesen pseudowissenschaftlichen Unfug mit total wissenschaftlich klingenden Namen, der darf jetzt eben auch von den Krankenkassen übernommen werden. Nur, dann können wir das mit der Aufklärung auch gleich sein lassen und einfach paar Jahrhunderte zurückspulen.

In anderen Ländern ist man viel weiter

In anderen Ländern ist man weiter, dort hat man erkannt, dass die Homöopathie das peinlichste deutsche Exportprodukt seit Modern Talking und nicht funktionierenden Mautsystemen ist. Frankreich hat die Kostenerstattung bei Homöopathie bereits abgesenkt, 2021 wird sie ganz abgeschafft. In England gibt es homöopathische Mittelchen nicht mehr auf Rezept, in Österreich hat sich die Medizinischen Universität Wien dazu durchgerungen, alle Homöopathie-Vorlesungen zu streichen. In Spanien hat die sozialistische Regierung den „Plan zum Schutz der Gesundheit vor Pseudo-Therapien“ beschlossen und geht dabei auch entschlossen gegen Homöopathie vor. Nur in Deutschland soll alles beim Alten bleiben. Das ist ärgerlich - nicht nur wegen der 20 Millionen Euro.


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