Bayern 2 - Zündfunk


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#failoftheweek Sorry, Bild, aber du bist einfach nicht mehr wichtig!

Sie war das stolze Sturmgeschütz der Idiokratie. Kaum ein Blatt hatte so viel Einfluss auf die öffentliche Meinung wie die Bild-Zeitung. Aber: Wie der Angriff auf den Virologen Christian Drosten zeigt, ist es damit wohl erstmal vorbei. Ein Kommentar.

Von: Christian Schiffer

Stand: 29.05.2020

Bild-Zeitung im Mülleimer | Bild: picture alliance/imageBROKER

Liebe Bild,

Du hast es noch einmal mit der Boulevard-Brechstange probiert. Bild.de, Bild-Zeitung, Bild-Live: Du, das einstige, stolze Sturmgeschütz der Idiokratie feuerte aus allen Rohren gegen den Bedeutungsverlust an. Doch am Ende wirkte Deine Attacke auf den Virologen Christian Drosten so durchsichtig wie das Oberteil eines Seite-Drei-Mädchens und so hilflos wie ein Angriff des SV Werder Bremen.

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Christian Drosten 25.05.2020 | 17:00 Uhr Interessant: die #Bild plant eine tendenziöse Berichterstattung über unsere Vorpublikation zu Viruslasten und bemüht dabei Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang. Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun. https://t.co/fghG1rdnnq

Interessant: die #Bild plant eine tendenziöse Berichterstattung über unsere Vorpublikation zu Viruslasten und bemüht dabei Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang. Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun. https://t.co/fghG1rdnnq | Bild: c_drosten (via Twitter)

Wir wollten eigentlich nicht hinsehen, aber wir konnten auch nicht wegsehen, so wie Du Dich da abgestrampelt hast, während sich einer Deiner Kronzeuge nach dem anderen von Deiner Berichterstattung distanzierte. Am Ende empfanden wir das, was Du damals gegenüber Florida Rolf empfunden haben dürftest: Eine Mischung aus Abscheu und Voyeurismus. Und ein bisschen Mitleid mit Dir hatten wir schon auch. Denn der missglückte Drosten-Beef steht symptomatisch für etwas, das sich schon vorher angedeutet hat: Sorry, Bild. Du bist einfach nicht mehr wichtig.

Dein Einfluss beginnt zu schwinden

Das war mal anders: Früher, da hätte ein gut aufgelegter Franz Josef Wagner, ein Liter Tütenwein und ein bisschen Bild-Prosa gereicht, um den Drosten mal kurz wegzuschreiben. Politiker, Mächtige, Prominente und natürlich jeder, der an einer halbwegs humanen Welt interessiert war, fürchteten sich vor Dir. Denn Millionen Menschen lasen Dich jeden Tag und ja, auch wir. Aber nur wegen dem tollen Sportteil und nur, wenn wir vorher die ganzen hervorragenden Interviews aus dem Playboy durchgearbeitet hatten. Doch dann kam das Internet und der Auflagenschwund begann. Und wichtiger noch: Dein Einfluss begann zu schwinden. Plötzlich war es gar nicht mehr so gefährlich, Dich zum Feind zu haben. Christian Drosten erreicht heute über Twitter und über seinen Podcast im NDR selbst ein gewaltiges Publikum. Und er muss dafür nicht einmal Lady Diana eine Schwangerschaft andichten, Zitate fälschen, Märchen über das „Todesvideo“ von Möllemann verbreiten oder einen Tornado von Kanada nach Frankfurt verlegen.

Wir haben 2020 Besseres zu tun

Die Ehre der Katarina Blum, sie geht heute immer noch verloren, aber nicht so sehr wegen Dir, sondern wegen irgendeines Internet-Shitstorms. Wirst Du uns fehlen? Oder genauer: Wird uns Deine Fähigkeit fehlen, uns unsere Meinung zu „Bilden“? Eher nicht. Natürlich: Es war nicht alles schlecht an Dir. Du hast Dich zum Beispiel unermüdlich gegen Antisemitismus engagiert. Danke dafür. Und tatsächlich wirkst Du im Vergleich zu den neuen Problembären der Medienlandschaft, den KEN FMs, den Russia Todays, den Breitbarts, ja wirklich manchmal angenehm aus der Zeit gefallen. Du mit Deinen riesigen Lettern und Deinen drolligen Tatsachenbehauptungen, die Du mit Hilfe eines kleinen Fragezeichens in der Überschrift gerade noch so in die Legalität rettest. Und dennoch: Bye, bye Bild. Jede Wahrheit braucht ja bekanntlich einen Mutigen, der sie ausspricht. Und die Wahrheit im Jahr 2020 lautet nun einmal: Wir haben Besseres zu tun.


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