Bayern 2 - Zündfunk

"2x1=4" F. S. Blumm & Nils Frahm liefern Dub für das neue Jahrtausend

Auf ihrem vierten Album haben Avantgarde-Pianist Nils Frahm zusammen mit Produzent und Gitarrist F.S. Blumm faszinierende Sound-Kaskaden erschaffen. „2x1=4“ ist eine Dub-Platte, die allerdings nur aus sieben Instrumentals besteht und eher an die Urform des Dub, an die Reggae-Musik erinnert. 

Von: Roderich Fabian

Stand: 06.09.2021

Eine Frage, die in der Geschichte immer mal wieder gestellt und oft sehr unterschiedlich beantwortet wurde, lautet: "Ist es Kunst? Oder ist es ein Schmarr’n?" Nun werden manche sagen: Kenner und Experten halten es oft für Kunst, Dummköpfe und Ignoranten sehen eher den Schmarr’n. Da liegt meist der elementare Hund der Kunstgeschichte begraben. Die Intellektuellen sprechen dem Pöbel jegliche Urteilskraft ab, der Pöbel aber pöbelt zurück mit dem Vorwurf der Überheblichkeit. Da fliegen schnell die Fäuste, wenn sich die Parteien mal zu nahe kommen. Aber das ist ja nicht so häufig der Fall, weil die Menschen bekanntlich meist in unterschiedlichen Milieus leben.

Sounds werden durch Echokammern gejagt, gefiltert und gekürzt

Das Album „2 mal 1 gleich 4“ aber ist ein Sonderfall bei der Frage nach Kunst oder Schmarr’n. Denn Nils Frahm, einer der beiden Schöpfer dieser sieben Instrumental-Tracks, hat doch über seine neueste Kreation gesagt: "Nichts davon ist allzu ernst gemeint." Sind also die Tracks hier genau wie der Titel „2 mal 1 gleich 4“ als reiner Scherz zu verstehen? Klingen tut es jedenfalls wie Dub, also wie extreme Remixes nach jamaikanischer Art. Die Sounds werden durch Echokammern gejagt, tauchen auf und verschwinden wieder, werden gefiltert, gedehnt oder gekürzt. Das Studio funktioniert als bestimmendes Instrument. "Wir hatten einen bestimmten Sound im Hinterkopf", sagt der andere Kollaborateur, Frank Schültge aus Bremen, besser bekannt als F.S. Blumm im Interview. "Einer, der von diesen 80er-Jahre-Rhythm Machines beeinflusst war, und wir entdeckten plötzlich eine gemeinsame Liebe zum Dub."

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

F.S.Blumm & Nils Frahm - Desert Mule (Official Video) | Bild: Nils Frahm (via YouTube)

F.S.Blumm & Nils Frahm - Desert Mule (Official Video)

Klar, vieles hier klingt nach Dub, aber eben nicht wirklich nach Dub-Reggae, wie diese Art der Musikbearbeitung ursprünglich hieß. „Zwei mal 1 gleich vier“ ist aber keine Reggae-Platte, sondern das, was herauskommt, wenn zwei Avantgardisten auf ihrer vierte gemeinsamen Platte - daher kommt die Ungleichung des Albumtitels  - seit 2010 auf einmal den Kurs in Richtung Dub verändern. Der Gitarrist Blumm und der Pianist Frahm haben sich in Berlin zusammengesetzt und herumgedaddelt, alles aufgenommen und danach in Frahms Studio auseinandergenommen und neu zusammengesetzt.

Dub fürs neue Jahrtausend

"Es war ein Prozess, der ziemlich zeitaufwändig war, aber richtig Spaß gemacht hat", sagt Nils Frahm, also der, der uns rät, das Album nicht zu ernst zu nehmen. Es war also ein anstrengender Spaß und somit eventuell eben keine Kunst, die Blumm und Frahm hier abgeliefert haben. Aber anders als die drei Alben, die die beiden vorher veröffentlicht haben, ist dies kein Kopfkino für Eingeweihte, sondern tiefer, inspirierter Shit. Dub fürs neue Jahrtausend. Kein Algorithmus könnte so etwas hinbekommen. Und das heißt ganz eindeutig: Es ist kein Schmarr’n, sondern inspiriert durch den spirituellen Wahnsinn eines Dub-Großmeisters wie Lee Perry, mit dem Nils Frahm schon zusammengearbeitet hatte. Eine Woche nach dem Tod Lee Perrys wird die Fahne des Dub auf ein neues Level gehoben und flattert im Wind der Moderne. Die Botschaft eindeutig: Es geht eh weiter Leute. Auch ohne Kunst und ohne Schmarr’n!