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Enissa Amani im Interview "Gottseidank, wir haben mit 'Die beste Instanz' was Schönes geschaffen!"

Fast zwei Wochen ist es her, da erntete der WDR einen Shitstorm für seine Sendung "Die letzte Instanz": Gottschalk und Co. hatten über das N-Wort und was man noch sagen dürfe diskutiert. Diese Woche hat die Entertainerin Enissa Amani das Ruder übernommen und kurzerhand eine eigene Talkshow auf die Beine gestellt: "Die beste Instanz". Der Zündfunk hat mit Amani über die Reaktionen darauf gesprochen - und darüber, was sich ändern muss.

Von: Aylin Doğan

Stand: 12.02.2021

Enissa Amani, Host von "Die beste Instanz" | Bild: Enissa Amani / Youtube-Screenshot

Schon die Ankündigung von Enissa Amanis Talkshow "Die beste Instanz" ging viral. Die Comedian und Moderatorin hatte als Antwort auf die WDR-Sendung "Die letzte Instanz" eine eigene Gesprächsrunde einberufen und am 9. Februar auf Youtube gestellt. Zu Gast: Die Kommunikationssoziologin Dr. Natasha A. Kelly, Nava Zarabian von der Bildungsstätte Anne Frank, Gianni Jovanovic, der sich für die Rechte von Sinti- und Roma einsetzt, sowie die Journalisten und Autoren Mohamed Amjahid und Max Czollek.

Du hast als Reaktion auf die WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ eine eigene Talkshow auf Youtube gestellt, „Die beste Instanz“. Wie kam es dazu?

Enissa Amani: Ich bin sehr erleichtert seit die Sendung draußen ist und gut ankam. Ich konnte die Reaktionen überhaupt nicht vorhersehen. Die Idee kam so, dass ich den WDR mehrfach angeschrieben habe und in Posts und Kommentaren vorgeschlagen hatte, eine Expertenrunde mit Menschen zu machen, die nicht nur betroffen sind – also eine bestimmte Gruppe repräsentieren – sondern die dazu wissenschaftliche Expertise mitbringen. Das sollte auch kein Bashing gegen die Öffentlich-rechtlichen sein, die machen ja auch viele Sachen richtig. Aber diese eine Sendung war dann einfach so ein Fehlgriff, dass ich im Endeffekt dachte: Ok, warum mach ich es eigentlich nicht selber? Nicht nur, weil ich das schneller auf die Beine stellen kann, sondern auch, weil ich viel mehr Leute damit erreiche.

Und dann war das alles so chaotisch: Montag war die Idee, Dienstag habe ich mit meinem Manager geredet. Und ich habe halt in meinem Freundeskreis diese ganzen Autoren, wo ich wusste „die oder der wären super“. Am Mittwoch habe ich also rumtelefoniert. Und dann hatten wir zwei Tage Zeit um ein Studio zu mieten und Dinge wie Kamera, Licht, Ton und Gesundheitsbeauftragten zu organisieren. Und am Freitag war die Aufzeichnung.

Um was ging es Dir genau?

Ich habe bei uns allen gespürt, dass da ein Unmut ist, der sich über Jahre angestaut hat. Wenn wir irgendwo eingeladen werden, dann muss da immer ein „Ausländer“ dabei sein: Bei mir hieß das immer: „Für diese Sendung nehmen wir eine Ausländerin und das ist Enissa“ oder auch: „Enissa, wir nehmen dich nicht in diese Show, weil wir schon einen Ausländer haben“ oder sogar mal: „In dieser Sendung haben wir schon einen Juden“. Und ich dachte: „Hä? Wo ist da der Zusammenhang? Ach so, pro Show eine Minderheit.“

Zu Gast bei Enissa Amani und "Die beste Instanz": Nava Zarabian, Mohamed Amjahid, Max Czollek, Natasha A. Kelly, Gianni Jovanovic

Da hat sich so viel in uns angesammelt, an Unmut und an Unglücklichsein, auch an Verletztsein. Wie Max Czollek es auch in der Sendung so schön gesagt hat: Der Dominanzgesellschaft fällt das nicht auf. Für die ist das so: „Macht das doch nicht so groß!“ Uns wurde auch vorgeworfen: Ihr seid doch privilegiert, ihr habt doch Karriere gemacht. Ja, aber es geht auch gar nicht um uns sechs, wie wir da sitzen, sondern um die Masse, die ungesehen und ungehört bleibt, ja, verdammt wird. Wo fast so eine AfD-Narrative entsteht, die sind doch alle kriminell, die sind dies, die sind das. Ich habe das in der Sendung auch gespürt: Wir sind an einem Punkt, wo das nicht mehr in Ordnung ist, weder in Deutschland noch anderswo auf dieser Welt. Wir sind nun mal Deutsche, das ist unser Zuhause und es reicht, dass wir mit anderen Augen betrachtet werden und dass privilegierte Menschen nicht sehen, dass sie aus einer privilegierten Position über uns urteilen. Auch wir, wie wir da sitzen, sind uns unseren Privilegien auch bewusst.

Wie war das Feedback auf „Die beste Instanz“?

Ich bin so überrascht, dass die Sendung quasi gefühlt von ganz Deutschland so positiv aufgenommen wurde. Ich habe so viel Reaktionen aus ganz unterschiedlichen Gruppen bekommen: Das haben Rapper geteilt, das haben Journalisten geteilt, das haben Wissenschaftler geteilt, Aktivisten, Künstler aus allen möglichen Bereichen. Und da habe ich gemerkt: Gottseidank, wir haben was Schönes geschaffen!

Allein der Trailer zur Talkshow wurde über eine Millionen Mal angeschaut und geteilt.

Und er wurde auch ganz viel von weißen Deutschen ohne Migrationshintergrund geteilt. Mein Instagram war voll mit Julia, Thomas, Jochen, Oliver. Es ist kein Wir und Ihr! Es sind die Leute, die die Problematik nicht verstehen, dass dieses Land immer noch sehr, sehr stark mit rassistischen Strukturen, internalisierten Rassismen unterwandert ist. Und dass das immer noch in den Köpfen, im Alltag, in den Institutionen da ist – und die Leute es nicht mal sehen.

Und die ganz, ganz wenigen, die geschrieben haben: „Ja, das ist doch jetzt das Gleiche: Ihr habt ja nicht mal einen Deutschen ohne Migrationshintergrund dazu gesetzt“ – das war dann wieder so beispielhaft für mich. Das ist genau das Problem: Dass die Leute nicht erkennen, dass wir ja Deutsche sind, wie wir da sitzen. Das ist der große Unterschied für mich wie zu so einer Sendung wie „Die Letzte Instanz“: Wenn da jemand sitzt und über diskriminierende Wörter spricht, den Sinti und Roma gegenüber oder Schwarzen Deutschen gegenüber, dann sitzt er da ja erstmal als jemand, der das nicht ist. Wenn bei mir in der „Besten Instanz“ ein Gianni sitzt, dann ist Gianni ein Deutscher, aber eben auch ein Roma.

Wird es eine Fortsetzung dieser Talkrunde geben?

Die Idee war, das einmal zu machen. Aber es fragen jetzt sehr viele Leute, hey, könnte man das nicht regelmäßig machen? Und jetzt sind wir so ein bisschen am Überlegen. Weil das war ja überhaupt nicht der Gedanke dahinter und auch nicht meine Zielsetzung, ich bin eigentlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Aber jetzt schauen wir mal, ob das ein Grund wäre, das öfter zu machen.


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