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Interview mit Dietrich Schulze-Marmeling Ist diese Europameisterschaft zu politisch geworden?

Das Herz-Symbol von Leon Goretzka, Regenbogenarena in München, 60.000 in Wembley, trotz Corona - ist diese Europameisterschaft 2020 zu politisch ausgefallen. Wir fragen den Fußball-Autor Dietrich Schulze-Marmeling.

Von: Franziska Timmer

Stand: 09.07.2021

09.07.2021, Großbritannien, London: Fußball: EM, Italien - England, vor dem Finale in Wembley. Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, steht vor dem mit englischen Fahnen dekorierten Eingang der 10 Downing Street und hält ebenfalls eine englische Fahne. Foto: Tayfun Salci/ZUMA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Tayfun Salci

Zündfunk: Ihr sportliches Fazit zur EM 2020?

Dietrich Schulze-Marmeling: Es war ein ordentliches Turnier - mit wirklich guten und begeisternden Spielen. Ich war vorher nicht besonders in EM-Laune, aber kam da so langsam rein. Es gab Mannschaften, die mir ausgesprochen gut gefallen haben, beispielsweise die Schweiz, aber auch die Spanier, die ich gerne im Finale gesehen hätte. Aber auch so ist Italien gegen England ein sehr würdiges Finale von zwei Mannschaften, die es absolut verdient haben.

Wie war diese Europameisterschaft für sie politisch gesehen?

Es hat sich ein bisschen das fortgesetzt, was wir schon in Russland 2018 erlebt haben, dass diese Turniere immer politisierter werden. Und zwar jetzt nicht nur von Seiten Autokraten, Diktatoren etc., die mit solchen Turnieren ein Sportswashing versuchen zu betreiben, sondern auch die Spieler sind politischer geworden. Ich kann mich an kein so ein politisches Turnier erinnern, wie dieses.

Kann man diese beiden Fragen so getrennt voneinander noch beantworten? Ist die EM oder der ganze Weltfußball nicht zu politisch geworden?

Leon Goretzka zeigt dem ungarischen Block ein Zeichen der Liebe

Es ist nicht zu vermeiden, weil die ganze Welt auch politischer geworden ist. Und speziell in Europa die Auseinandersetzungen doch stark zugenommen haben. Die Gesellschaften sind gespalten. Das ist einfach nun mal eine Tatsache. Und die Spaltung der Gesellschaften artikuliert sich dann im Fußball. Wenn man nur mal an die Diskussion vor dem Ungarn-Spiel denkt, ob das richtig ist, so eine Aktion zu machen, ob man damit nicht zu sehr eben das Thema politisiert. Und es gibt ja auch zu diesen Themen Rassismus oder Homophobie unterschiedliche Meinungen in einer Gesellschaft. Es war nie zu trennen und es lässt sich heute noch weniger trennen als jemals zuvor. Wir werden die politischen Auseinandersetzungen, die wir in unseren Gesellschaften haben, einfach auch im Fußball haben. Das ist so.

Sie haben in einem Posting geschrieben: "Die Spieler sind für mich das beeindruckendste bei dieser EM überhaupt". Inwiefern ist das so?

Chiellini und Jordi Alba herzen sich vor dem Elfmeterschießen

Sie sind für mich wirklich das Positivste an diesem Turnier, das Beeindruckendste, sie sind die eigentlichen Sieger dieses Turniers. Sie haben auch so ein bisschen den Fußball gerettet. Und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist mir aufgefallen, wie solidarisch sie miteinander umgehen, selbst in Situationen, nehmen wir mal das Elfmeterschießen Spanien gegen Schweiz oder auch das Elfmeterschießen der Italiener gegen die Spanier. Das ist eine hoch angespannte Situation, es geht um ganz viel. Aber man hat den Eindruck, dass da eine große Brüderlichkeit zwischen den Spielern existiert. Das kommt sicherlich auch daher, dass sie sich aus den Vereinen kennen. Fußball ist international geworden. Es gibt es ja keine Mannschaft mehr, die ethnisch pur ist und nicht unterschiedliche Nationalitäten versammelt sind. Das ist nicht mehr so nationalistisch, dass ist nicht mit so viel Pathos versehen wie in der Vergangenheit. Vor allem, es schließt nicht aus. Also das fand ich bemerkenswert.

Dann fand ich aber auch bemerkenswert, dass sie Fußballer selber dieses Verdikt 'Spieler dürfen sich politisch nicht äußern' - das ist ja das, was ihnen von Funktionären immer jahrzehntelang gesagt worden ist - gesprengt haben. Dass sie eigenständig zu politischen Aktionen gegriffen haben, dass sie ohne den Verband und ohne dass ihnen das irgendwie von oben vorgegeben wurde, diskutiert haben: Was machen wir zu dieser Frage? Was machen wir zu jener Frage? Da fand ich die englische Nationalmannschaft eigentlich besonders beeindruckend. Und das ist neu. Das hat man in der Form noch nicht gehabt. Und das hat, glaube ich, mit dieser neuen Generation von Spielern zu tun, die einfach sich nicht dagegen versperren, sich auch mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Die den Fußball dazu benutzen, in bestimmten Fragen, sei es der Kampf gegen Homophobie oder gegen Rassismus, weiter voranzukommen.

Könnte es sein, dass Teile dieses Verhaltens vielleicht auch nur Show sind? Und ich frage das jetzt ganz bewusst provokativ.

Ja, das will ich gar nicht ausschließen, dass es nicht bei jedem authentisch ist, dass dies auch gerade mal Mode ist, en vogue oder man bekommt mit: Okay, der Strom geht in diese Richtung, da ziehe ich jetzt lieber mal ein bisschen mit. Aber das würde ich jetzt auch nicht so dramatisch empfinden. Also ich fand schon vieles, was ich da gesehen habe, ausgesprochen authentisch.

Wembley-Stadion im Halbfinale

Um ein anderes Thema kommen wir nicht umhin: Corona. Die Pandemie hat die EM auch begleitet. Die Delta-Variante breitet sich weiter aus, währenddessen sollen mehr als 60.000 Fans beim Finale auf der Tribüne im Wembley-Stadion sein - ohne Maskenpflicht. Wie geht's ihnen damit?

Ich finde es völlig verantwortlungslos von der UEFA. Ich fand es schon verantwortlunglos wie die UEFA einzelne Länder erpresst hat. Die Städte Dublin und Bilbao, die eben nicht bereit waren aufgrund der Infektionslage Zuschauer zuzulassen, zumindest keine Garantie geben wollten. Die sind gnadenlos erpresst worden. Ich finde auch, dass sich die Politik in einer Weise von der UEFA oder auch von der FIFA immer wieder erpressen lässt, die mich fassungslos macht.

Dietrich Schulze-Marmeling

Da muss sich die Politik auch die Souveränität wieder zurück erkämpfen. Im konkreten Fall von England steckt natürlich auch Politik dahinter - bei Boris Johnson. Um zu demonstrieren, auch gegenüber der EU: Guck, wir sind auch im Kampf gegen die Pandemie am erfolgreichsten, wir haben eine riesige Impfquote und wir machen jetzt einfach diesen Schritt nach vorne. Ich finde diese Politik absolut verantwortungslos.

Dietrich Schulze-Marmeling ist Journalist und Buchautor. Er schreibt hauptsächlich über Fußball, häufig über Fußball und Politik. Sein letztes Buch trägt den Titel "Boykottiert Katar 2022 – Warum die WM nicht stattfinden sollte“.


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