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Suizid Geflüchtete trans Frau Ella nimmt sich das Leben – warum das kein Einzelfall ist

Am 14. September nahm sich die trans Frau Ella in Berlin das Leben. Sie war aus dem Iran geflüchtet. Wie konnte es soweit kommen? Eine Spurensuche vom Alexanderplatz bis zu deutschen Behörden.

Von: Florian Fricke

Stand: 04.10.2021

Gedenkort für Ella auf dem Berliner Alexanderplatz | Bild: Florian Fricke

Triggerwarnung: In diesem Text geht es um Suizid, Transfeindlichkeit und sexualisierte Gewalt.

Berlin, Alexanderplatz. Hier nahm sich am 14. September die aus dem Iran geflüchtete Ella das Leben. Jetzt ist hier eine Gedenkstätte eingerichtet. Ein großes Herz aus verdorrten Blumen liegt auf dem Boden, Kerzen brennen, am Schaufenster kleben Zettel mit Botschaften. Viele, vor allem junge Menschen bleiben ergriffen stehen. Ein paar Meter weiter spielt ein Vater mit Sohn Straßenmusik.

Warum sich Ella vor gut drei Wochen in suizidaler Absicht selbst in Brand setzte, darauf haben auch Menschen, die sie kannten, keine definitive Antwort. „Ich denke, Deutschland hat nicht die Erwartung erfüllt, die sie hatte“, vermutet Dagmar. „Berlin gibt vor, eine freie Stadt zu sein – dabei wird man an jeder Ecke sexuell und psychisch belästigt.“ Das habe auch Ella erlebt.

Die beiden Frauen kannten sich durch Dagmars Arbeit. Seit 20 Jahren ist sie ehrenamtliche medizinische Bezugsperson von trans Menschen, auch von geflüchteten. Ella wurde ihr von deren Therapeuten vermittelt, wie viele andere zuvor auch. 

„Ich konnte nicht als trans Frau im Iran leben“

Ellas Suizid kam für ihr Umfeld überraschend. „Sonst hätten wir sie festgehalten, ist doch klar“, sagt Dagmar. Nicht einmal ihre beste Freundin habe etwas geahnt. Und Dagmar selbst war an dem Tag nicht in Berlin. „Das hat Ella auch gewusst, vielleicht auch deshalb dieser Tag.“

Ella, wie sie ihre Freunde und Freundinnen in Erinnerung behalten.

Es gibt wohl einen Abschiedsbrief von Ella, aber das Nachlassgericht hat ihn noch nicht freigegeben. Erst muss ihre Familie im Iran ausfindig gemacht werden – eine komplexe Situation. „Wir hoffen, dass sich ihre Familie nicht für sie interessiert“, sagt Dagmar. Denn Ella sei nicht ohne Grund aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet. „Wir würden sie gerne selbst beerdigen, auf unsere Art und Weise, so, wie sie es sich gewünscht hätte“, so Dagmar.  

Wie so viele Geflüchtete nahm auch Ella an, dass sie in Deutschland willkommen sei. Sie hoffte auf ein anderes Leben. In einem Videoportrait über Ella vom Offenen Kanal Magdeburg aus dem Jahr 2019 sagt sie: „Ich hatte eine gute Wohnung in meiner Heimat, auch Arbeit, ein gutes Gehalt. Aber ich konnte nicht als trans Frau im Iran leben.“

Im Iran steht auf Homosexualität die Todesstrafe. Als trans Frau hätte Ella zwar theoretisch dort leben können, aber gesellschaftliche Anerkennung wäre ihr immer verwehrt geblieben. Der große Wunsch, einfach nur Frau zu sein, wurde ihr auch von diversen deutschen Ausbildungsstätten verwehrt. „Die erste Stelle, die ihr ein Abschlusszeugnis ausgehändigt hat, mit dem richtigen Namen und Geschlecht, Ella und Frau, war der TÜV in Berlin“, erzählt Dagmar. Und sie fügt an, dass Ella davon träumte, bei Tesla zu arbeiten.

Eingesperrt im Männergefängnis

Auch Jamila ist zum Gedenken an Ella auf dem Berliner Alexanderplatz gekommen. Jamila ist eine trans Frau mit äthiopischer Staatsbürgerschaft, wie Ella Anfang 40. Geboren und aufgewachsen ist sie in Katar, wo sie allein wegen ihrer Transsexualität in eine Psychiatrie musste und im Gefängnis saß. Sie wurde schließlich nach Äthiopien abgeschoben, wo sie wieder eingesperrt wurde – erzählt sie.

Jamilas Fall beschäftigt auch Juliana. Auf ihrem Twitter-Account „Unruly Juli“ verhandelt sie politische trans Themen. Jamila hat ihr erzählt, was sie erlebt hat. „Sie war im Männergefängnis in einer Zelle mit 28 Männern“, sagt Juliana. Dort sei ihr sexualisierte Gewalt angetan worden. „Dann wurden Fotos von ihr gemacht, die im äthiopischen Fernsehen zu sehen waren.“ Jamila und ihr Körper seien vorgeführt worden, „ausgestellt wie ein Tier.“

Um diesem Albtraum zu entgehen, floh Jamila von Äthiopien nach Deutschland. Der erste Bescheid vom BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, war jedoch negativ, die Begründung haarsträubend: Jamila sei doch wie gewünscht eindeutig als Frau erkennbar und somit könne ihr keine Gefahr drohen.

Dagmar, Jamila, Juliana und ihr Partner Conrad (v. l. n. r.) gedenken Ella auf dem Berliner Alexanderplatz

Das sieht Juliana anders. Sollte Jamila nach Äthiopien abgeschoben werden, drohe ihr bei jeder Ausweiskontrolle Gefahr. „Denn sie ist zwar eine Frau, auf dem Ausweis steht jedoch ein männlicher Name, und da ist noch ein altes Foto drauf, sodass sie wieder festgenommen werden könnte unter dem Vorwand, sie würde eine falsche Identität führen.“ Jamila könnte wieder in einem Männergefängnis landen.

„Ich bin so müde, ich habe es so satt“

Deshalb gab es Mitte August eine Demonstration und eine Social-Media-Kampagne unter dem Hashtag #Jamilableibt. Das BAMF hat eine erneute Prüfung zugesichert, aber das Ergebnis steht noch aus. Eine zermürbende Situation für Jamila: „Ich weiß nicht, was im BAMF los ist, ich warte immer noch“, erzählt sie. Und dann werden ihre Worte so eindringlich, dass es kaum auszuhalten ist. „Ich bin so müde, ich habe es so satt. Falls sie mich wirklich wieder nach Äthiopien abschieben wollen, mache ich meinem Leben lieber ein Ende.“

Juliana, die den Anliegen von trans Personen auf Twitter Gehör verschafft, kann nicht fassen, dass Jamilas Asylantrag abgelehnt wurde – vor allem jetzt, nach Ellas Suizid in der vermeintlichen Freiheit. „Diese Entscheidung vom BAMF ist nicht begründbar“, kritisiert sie. „Die Behörde hat sich wohl drauf verlassen, dass das nicht an die Öffentlichkeit gerät und dass das aktuelle politische Klima derart ist, dass man das eben durchgehen lässt.“

Wenn ihr Menschen kennt, die wie Ella und Juliana verzweifelt sind, oder wenn ihr selbst Suizidgedanken habt, könnt ihr euch anonym und jederzeit bei der Telefonseelsorge melden, die Nummer ist: 0800 111 0 111.