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Zum 70. Geburtstag Horace Andys Stimme hat schon 20 Jahre vor Massive Attack für Gänsehaut gesorgt

Viele kennen ihn durch Massive Attack, doch Horace Andy elektrisiert die Musik-Welt schon viel länger. Zum 70. Geburtstag der Reggae-Ikone preist Noe Noack eine Stimme, die ihm bis heute die Nackenhaare aufstellt.

Von: Noe Noack

Stand: 19.02.2021

Horace Andy auf der Bühne, Foto aus dem Jahr 2003 | Bild: picture-alliance / dpa | Dorothea_Mueller

Vor 30 Jahren verzaubert Horace Andy mit Massive Attack erstmals die Popwelt. Diese hohe, feinnervige Stimme mit dem ins Falsett kippenden Vibrato, die sich harmonisch perfekt anschmiegt an Gitarrenlicks und Basslinien, da streckten sich die Nackenhaare binnen Sekunden. Als Massive Attack mit ihrem Trip-Hop-Sound die Charts erobern, da dachten viele, Horace Andy sei ein unbekannter Sänger, eine Neuentdeckung. Dabei hatte der Mann mit der samtigen Soulstimme seinen ersten Reggae-Hit bereits 1972 mit „Skylarking“ . Einige Leute haben geglaubt, er hätte erst mit Massive Attack zu Singen angefangen, hat Horace Andy damals gesagt. Nur wussten Sie nicht, dass er schon zwanzig Jahre vorher angefangen hatte.

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Horace Andy & DUB FX - Skylarking dubplate | Bild: Dub FX (via YouTube)

Horace Andy & DUB FX - Skylarking dubplate

Horace Andy prägt die 1970er

Die unfassbar, anrührende Stimme von Horace Andy prägt das goldene Reggae-Jahrzehnt, die Siebziger, mit, und steckt in der musikalischen DNA der großen karibischen Community von Bristol. In der Hafenstadt der ehemaligen Sklavenhändler dürfen die wehklagenden, melancholischen Soul-Reggae, Lovers-Rock und Rasta-Tunes von Horace Andy bei keiner Party fehlen. Auch beim Wild Bunch Sound System, aus dem Massive Attack hervorgehen, sind Horace Andy-Singles immer in der Plattenbox. Dabei droht die Karriere des spirituellen Charmeurs Ende der 80er einzuschlafen, Roots Reggae war nicht mehr gefragt. Da kommt plötzlich ein Anruf aus Bristol. Dick Jewell, ein Freund von Horace Andy erzählt ihm von Massive Attack, die seien auf der Suche nach einem Sänger und er stünde ganz oben auf dem Wunschzettel von Mastermind 3D.

Schon bei der ersten Übungsraumsession in Bristol elektrisiert Horace Andy 3D, Daddy G und den Rest von Massive Attack mit seiner spirituellen Energie und Ausstrahlung. In kürzester Zeit macht die Band einen großen Sprung nach vorne. Die hypnotische, dub-soulige Welle baut sich bis heute immer wieder auf und Horace Andy singt sich aus dem Inneren durch die Echo-,Hall- und Delay-Schaumkrone. Horace Andy erzählt in Interviews immer wieder wie dankbar er 3D, dem Kopf von Massive Attack dafür ist, dass dieser nicht nur einige seiner Klassiker neu arrangierte, sondern ihm einen neuen Zugang zu seiner Stimme und seinem Gesang eröffnet hat. Denn seit seinen Kindertagen war Horace Andy von Rythm n‘ Blues, Soul, Rocksteady und Reggaestimmen geprägt. Und damit spulen wir zurück in die späten 60er Jahre.

Horace Andys Zeit vor Massive Attack

„Black Man‘s Country“, Horace Andys erste Single, erscheint 1968. Allerdings unter seinem richtigen Namen Horace Hinds. Sein älterer Cousin Justin Hinds landet mit seinen Dominoes in den 60ern einen Hit nach dem anderen, da war für Horace klar, es auch in den Studios von Kingston zu versuchen. Schließlich bestätigen seine Freunde immer wieder, seine Stimme klinge wie die von Nat King Cole. Nachdem aber seine erste Single, die Phil Pratt produziert hatte floppt, versucht es Horace Hinds bei Coxsone Dodd’s Studio One, dem Tamla Motown Jamaikas. Immer wieder stellt er sich an Sonntagen zum Vorsingen in die Schlange der Wartenden. Nach über einem Jahr bekommt er seine Chance und wird von Coxsone Dodd wieder heimgeschickt. Aber bereits am darauffolgenden Sonntag steht Horace wieder auf der Matte und darf bei einer Session mit Leroy Sibbles von den Heptones mit seinem Song loslegen – und die Musiker lachen über diese unglaubliche, feminine Stimme. Nur Coxsone Dodd lacht nicht. Bei ihm macht es sofort klick. Er erkennt die außergewöhnliche Begabung. „You got to be sure“ wird aufgenommen, jetzt muss nur ein klingender Künstlername her, Hinds ist ja schon von Horace’s Cousin Justin besetzt. Horace wählt Bob Andy, den großen Songschreiber und Sänger von Studio One.

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Horace Andy Got To Be Sure  - Coxsone - Studio One | Bild: aeon 23 (via YouTube)

Horace Andy Got To Be Sure - Coxsone - Studio One

Horace Andy, das spirituelle Rasta-Kraftwerk

Diese Stimme geht durch Mark und Bein. Dabei sieht der Mann mit den hängenden Augenlidern und dem Schlafzimmerblick wie ein zahmer Brummbär aus. Spitzname: „Sleepy“. Aber vor dem Mikro erwacht dieses spirituelle Rasta-Kraftwerk. Bis Ende der Siebziger folgen zahlreiche Hits für alle wichtigen Produzenten in Jamaika. 1977 emigriert Horace Andy dann in die USA, um mit seinem Freund und Geschäftspartner Everton da Silva in Hartfort, conneticut, das Label Rythm zu gründen. Der Traum von einer weltweiten Karriere endet, als da Silva 1979 in New York erschossen wird. Horace Andy verliert nach dieser Tragödie den Boden unter den Füßen und hetzt zwischen Kingston, London und New York hin und her auf der Suche nach Jobs und Orientierung. Bei Lloyd Barnes und dessen Bullwackies Studio in der New Yorker Bronx nimmt er 1982 nochmal ein Meisterwerk auf: Das Album „Dancehall Stylee“. Aus jedem Ton tropft sein Schmerz.

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Spying Glass | Bild: Horace Andy - Topic (via YouTube)

Spying Glass

Für mich einer der berauschendsten Momente ever. Diese packende Stimme, die Tiefe des Raumes auslotend, lebt weiter in der Sound Ästhetik der Berliner Dub-Technopioniere Moritz von Oswald und Mark Ernestus von Basic Chanel/Rythm&Sound. Sie veröffentlichen diese Perle Ende der 90er noch einmal. Ebenso Massive Attack auf ihrem „Melankolic“ Label. Aber damals in den 80ern war Horace Andy ein zweifelnder Reggae Hustler, den nur seine alten Hits und sein Glaube über Wasser hielten. Bis 1989 der Anruf  aus Bristol kam. Der Erfolg mit Massive Attack öffnet ihm Türen und Horace Andy darf 1999 mit „Livin In The Flood“ endlich das Album aufnehmen, von dem er 20 Jahre lang geträumt hatte.


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