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Kommentar zu Christchurch Ein Terrorist ist ein Terrorist ist ein Terrorist

Der Terrorist von Christchurch hat die Berichterstattung der letzten Tage bestimmt: Er hat ein Manifest veröffentlicht, und seinen Terroranschlag live gestreamt. Bringt uns das dazu, nach einer schrecklichen Tat wieder einmal die falschen Fragen zu stellen? Ein Kommentar.

Von: Sammy Khamis

Stand: 18.03.2019

Trauerfeier in Christchurch | Bild: picture alliance / Photoshot

Es geht um White Power, um Neonazi-Codes. Das zeigt der Täter von Christchurch am Samstag vor Gericht mit einem Handzeichen, das zeigt sein "Manifest". Und das zeigt der Titel des Pamphlets. Es heißt: "Der Große Austausch". Dieses Narrativ ist verstörend bekannt und verstörend global. Den Titel des Pamphlets kennen wir auch von Martin Sellner, dem österreichischen Chefstrategen der Identitären Bewegung: Auch sein Buch heißt "Der große Austausch".

Terror auf Social Media

Während der Rechtsradikale Martin Sellner den Anschlag verurteilt und gleichzeitig seine rassistischen Ideen verteidigt, findet man - nur eine YouTube-Suche entfernt - den 17-minütigen Livestream vom Terroranschlag. Man sieht den Täter, seine Waffe, die Opfer. Zuerst auf Facebook gestreamt, dann über Twitter geteilt und auf Yotutube geladen. Millionenfach wird das Video auf Facebook gelöscht, behauptet das Unternehmen. Millionenfach wird es wieder auf Facebook und anderen Social-Media Plattformen hochgeladen.

Tweet-Vorschau - es werden keine Daten von Twitter geladen.

Facebook Newsroom 17.03.2019 | 04:14 Uhr In the first 24 hours we removed 1.5 million videos of the attack globally, of which over 1.2 million were blocked at upload...

Dabei wissen wir eigentlich, dass Kampf gegen Extremismus im Internet funktionieren kann: Noch vor ein paar Jahren hat der IS Twitter und andere Plattformen intensiv zur Rekrutierung genutzt - heute hat es Islamismus auf Social Media sehr viel schwerer. Warum? Weil die Unternehmen viel daran gesetzt haben, Jihadisten von ihren Plattformen zu verbannen. Und sie waren erfolgreich. Die sozialen Netzwerke haben also eine Blaupause. Sie kennen den IS, dessen Medien-Strategie - sie müssen jetzt versuchen, das woanders anwenden: Auf die ungehindert wuchernde rechte Szene im Netz.

Der "Einzeltäter" wird unterstützt

Der Täter von Christchurch hat – nach allem, was wir heute wissen – alleine den Abzug gedrückt. Aber war er deswegen ein Einzeltäter, wie vielfach zu hören ist? Ist man noch ein Einzeltäter, wenn man ein ideologisches Unterstützernetzwerk auf der ganzen Welt hat? Wenn man im Namen "seines Volkes" töten will? Wenn man unterstützt wird von einer rechten Offline- und Onlinekultur?

Wir wissen nach solchen Anschlägen sehr schnell sehr viel: Über die Waffen, die verwendet wurden, über den Livestream, die Sub-Foren, die Meme-Kultur des Täters. Wir wissen, dass sich der Christchurch-Terrorist von Anders Breivik, der Idee des Führerlosen Widerstands und von der europäischen Rechtsradikalen hat inspirieren lassen. Aber stellen wir uns immer die richtigen Fragen nach diesen Anschlägen? Wieso wollen wir wissen, wie der Täter gedacht hat? Weshalb müssen wir wissen, dass der Täter als Kind dick war und heute Bodybuilder ist? Weshalb ist das alles wichtig?

Wir müssen die richtigen Fragen stellen

Wir stellen nach Anschlägen immer die Fragen, auf die wir schon Antworten haben: Nein, das Internet ist nicht Schuld an dem Anschlag, aber es spielt eine Rolle. Ja, Social Media-Plattformen müssen mehr gegen Hetze unternehmen. Ja, gegen Hass und Rassismus helfen Gesetze, aber nein: Terroristen lassen sich nicht nur von Sozialarbeitern aufhalten, sondern von global gut vernetzten Sicherheitsbehörden. Und nein: Absolute Sicherheit - und ja, das klingt abgedroschen - wird es niemals geben.

Und weil wir diese ganzen Antworten haben, müssen wir uns die Fragen nicht mehr stellen. Wir müssen vielmehr zuhören: Den Angehörigen der 50 Toten, den rund 85 zum Teil schwer Verletzten und den potentiellen Opfern. Wenn wir in Zukunft auf die Tat zurückblicken, müssen wir also den Minderheiten eine Stimme geben. Denn sie verraten uns nicht, wie Terror entsteht, sondern wie Terror auf uns als Gesellschaft wirkt. Und darauf haben wir immer noch keine klaren Antworten.


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