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Interview mit Buchautor Mohamed Amjahid "Hanau hat mich im Herzen getroffen - und es ist auch heute ein schwieriger Tag"

Vor einem Jahr kamen bei einem rassistischen Anschlag in Hanau neun Menschen ums Leben. Ein Jahr nach dem Anschlag findet eine Gedenkfeier für die Opfer statt. Auch Buchautor Mohamed Amjahid ist vor Ort, wir haben mit ihm über die Auswirkungen von Hanau gesprochen.

Von: Aylin Doğan

Stand: 19.02.2021

Eine offizielle Gedenktafel mit den Fotos der neun Opfer erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an die Opfer der Anschläge im Jahr 2020 | Bild: dpa-Bildfunk/Boris Roessler

Zündfunk: Ich habe das Gefühl, vor allem jetzt um den Jahrestag herum, dass sich die mediale Berichterstattung gehäuft hat. Woher holen die Überlebenden die Kraft, diese Geschichten immer wieder zu erzählen, den 19. Februar immer wieder zu rekonstruieren?

Mohamed Amjahid: Ich habe mich das auch gefragt und ich weiß es nicht. Ich meine, ich bin hyperprivilegiert. Autor, Journalist – und werde dafür bezahlt, das Vollzeit zu machen, Kritik zu äußern, zu recherchieren. Und ich habe so viele Momente, wo ich auch keinen Bock mehr habe und auch erschöpft und wütend bin - was übrigens keine schlimme Sache ist. Aber ich habe mich schon gefragt, wie diese Menschen, deren Leben und Familien zerstört wurden, so durchhalten und so wichtige Arbeit leisten können. Woher nehmen sie diese Kraft? Es ist mir ein Rätsel.

Würdest du sagen, dass Hanau eine Zäsur war? Für mich war es das, weil es meinen Blick auf Rassismus in Deutschland umgekrempelt hat. Würdest du damit einhergehen?

Wenn du das so formulierst, dann verstehe ich das total, dass es eine Zäsur ist. Aus meiner ganz persönlichen Perspektive ist es so: Ich recherchiere wirklich jeden Tag zu diesem Thema. Ein Polizeiskandal nach dem anderen. Ich war als Reporter am selben Tag in Halle, als das Attentat dort passiert ist. Der NSU-Komplex. Das Attentat auf Walter Lübcke in Kassel. All diese Sachen passieren und ich recherchiere und schreibe darüber. Und so hart es klingt: Hanau hat mich im Herzen getroffen. Und es ist auch heute ein schwieriger Tag. Aber es war keine Zäsur. Es war einfach eine Illustration Deutschlands. Das ist Deutschland. Das ist das Problem an der ganzen Sache.

Was findest du, leisten denn die Communities zu Hanau?

Foto von Mohamed Amjahid

Das fängt natürlich damit an, Aufmerksamheit auf den sozialen Medien herzustellen und dafür zu sorgen, dass das Thema präsent ist. Und dass die Stimmen der Betroffenen und Angehörigen gehört und weitergetragen werden. Und es geht weiter, dass Serpil Unvar zum Beispiel eine Bildungsinitiative in Hanau gegründet hat. Ich glaube auch, dass das das Lebenselixier für sehr viele verletzbare Minderheiten ist. Zu sehen, wie sich Menschen da aus einer Position der Diskriminierung aufraffen – und das sind Menschen, die in den vergangenen 12 Monaten wirklich Leid erlebt haben. Wie die sich aufraffen, obwohl sie das nicht müssten. Ich fände es auch okay, zu trauern und nicht noch eine Initiative zu gründen. Aber sie machen es trotzdem und sie haben großen Respekt und Unterstützung verdient. Sowohl finanziell, als auch emotional.

Warum glaubst du, fühlen vor allem BIPoCs und die von Rassismus betroffenen Communities sich da so angesprochen und haben das Gefühl, dass sie was dazu machen müssen?

Ich glaube ganz fest daran, dass, wenn wir uns nicht um uns selbst und unsere Sicherheit – auch unsere körperliche Unversehrtheit - kümmern, dass es dann keiner machen wird. Diese Verantwortung, die spüre ich auch. Das versuche ich auch mit meiner journalistischen Arbeit abzudecken und zu sagen: Ich kann einen Beitrag leisten. Und wenn ich über rassistische Polizeigewalt rede, dann weiß ich genau, über was ich rede. Ich habe tonnenweise interne geheime Dokumente ausgewertet und weiß, dass es diese Strukturen gibt. Wie Vili Viorel Păun (Anmerk. der Redaktion: Name, einer der Ermordeten) sich ins Auto gesetzt hat und versucht hat, sich und seine eigenen Leute zu schützen. Und er dann dreimal bei der Polizei angerufen hat und nicht durchgekommen ist, weil es heißt, dass sie unterbesetzt waren. Und dann wird er vom rechtsextremen Attentäter erschossen. So sind wir sozialisiert, dass es kein Vertrauen in die Sicherheitsbehörden gibt.

Ein Jahr Hanau. Was ist geblieben?

Der Ministerpräsident von Hessen soll den Angehörigen bei einer Zusammenkunft gesagt haben, dass er es beim nächsten Mal besser machen werde. Und das ist einfach so dermaßen pietätlos, das so zu formulieren. Menschen sterben. Was fällt euch eigentlich ein, so mit den Leuten umzugehen. Und eure politischen Möglichkeiten nicht auszuschöpfen, um Menschenleben zu schützen. Und was von Hanau bleibt ist hoffentlich die Solidarität unter den von Rassismus Betroffenen. Das wirklich da versucht wird, den Angehörigen die Unterstützung anzubieten, die sie fordern und brauchen. Und dass man den Widerspruch gegen diese strukturellen Probleme nicht mehr abschalten kann. Hanau ist überall. Und Hanau kann wieder passieren, wenn wir uns nicht zusammenraufen und aufeinander aufpassen. Und deswegen: Heute trauern und morgen weiter alle zusammenstehen.

Mohamed Amjahid ist ein deutsch-marokkanischer Buchautor und Journalist. Er schreibt für die taz, unter anderem die Kolumne "Die Nafrichten". 2017 erschien sein Buch "Unter Weißen: Was es heißt, privilegiert zu sein". Es thematisiert Alltagsrassismus gegen People of Color.


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