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Generator Podcast Nach dem Tod von George Floyd: Was hat sich im Rassismus-Diskurs in Deutschland getan?

George Floyd stirbt am 25. Mai 2020 in Minneapolis. Seine letzten Worte: „I can‘t breathe“. Der Hashtag ‚Black Lives Matter‘ mobilisierte den Protest gegen rassistische Gewalt. Seit einem Jahr wird auch hierzulande vermehrt über Rassismus gesprochen. Welche Tiefe hat der Diskurs in Deutschland?

Von: Esther Diestelmann

Stand: 18.05.2021

Heute sind Journalist*innen aus klassischen Medien mit lautstarken Stimmen aus den sozialen Netzwerken konfrontiert. Vor allem in Sachen Rassismus wird hier viel und divers diskutiert.

"Ich finde die sozialen Medien extrem wichtig. Es ist etwas wie eine digitale Revolution unterwegs."

Natasha A. Kelly

Die Kommunikationswissenschaftlerin und Afro-Deutsche Natasha A. Kelly hat erst kürzlich ein Buch veröffentlicht: "Rassismus. Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Antworten". Sie sagt: "Black Lives Matter ist eine Hashtag Initiative, und das wird komplett unterschätzt. Was das bedeutet, wenn sie vom Internet auf die Straße kommt. Das haben wir gesehen, und das ist letzten Endes für mich eine positive Richtung, weil, wenn uns die öffentlich-rechtlichen Medien nicht mitdenken, dann gehen wir da hin, wo unsere Stimmen gehört werden.“

Hashtags wie #ichbinkeinVirus bringen Rassismus an die Öffentlichkeit

Das wovon Natasha Kelly spricht, sind Soziale Medien wie Instagram und Twitter. Der Mord an George Floyd hat die Debatte im Netz noch einmal befeuert, aber auch die Corona-Pandemie. Denn seit Ausbruch der Pandemie haben rassistische Übergriffe – verbal und körperlich – auf asiatisch gelesene Menschen massiv zugenommen. Unter dem Hashtag #ichbinkeinvirus oder #stopasianhate sind tausende Übergriffe thematisiert worden und gelangten so überhaupt an die Öffentlichkeit. 

Auch Noa Ha kennt solche Momente. Sie ist Gründungsmitglied der Fachgesellschaft für rassismuskritische, postkoloniale und dekoloniale Forschung und Praxis. Sie erzählt uns: "Die sozialen Medien haben innerhalb von kurzer Zeit diese Gegenöffentlichkeit schaffen können und auch diese Formen von rassistischer Gewalt, die auch sehr vielfältig und auch sehr Mikro-aggressiv ist, darauf verweisen können. Möglicherweise auch Geschehnisse, von denen wir gar nicht erwartet hätten, diese zu skandalisieren. Und mit den sozialen Medien ist es natürlich möglich, dass viele sich auch vernetzen können und darauf reagieren können und sagen ja, das kenne ich, das ist mir auch passiert.“

Vorwurf: von Rassismus Betroffene betreiben Identitätspolitik

Hatten diese Berichte von Übergriffen, der Tod von George Floyd und die Black Lives Matter-Demonstrationen viele klassischen Medien dazu gebracht, sich überhaupt erstmals mit Rassismus zu beschäftigen, haben sich die Fronten mittlerweile wieder verhärtet. Vor allem das konservative Milieu ist über die lauten neuen Stimmen aus den sozialen Medien not amused und kritisiert: von Rassismus Betroffene betrieben Identitätspolitik. Die Debatte basiere auf Emotionen und Befindlichkeiten. Und immer wieder der Vorwurf: Betroffene wollten aus ihrem Leid Kapital schlagen.

"Aus der Mission „Rassismus bekämpfen“ haben einige Debattenteilnehmer zudem inzwischen ein privates Geschäftsmodell gemacht: sei es als Buchautorin, Ex-Journalist und Buchautor, Talkshow-Dauergast oder twitternde Vierfachmutter."

Artikel aus dem Berliner Tagesspiegel

Der Ton auf beiden Seiten wird rauer. Wo letztes Jahr noch eine Welle der Solidarität war, überwiegt 2021 in der Rassismus-Debatte oft Kopfschütteln und Unverständnis. Mohamed Amjahid ist Investigativjournalist und Autor des Buchs: „Der weiße Fleck. Eine Anleitung zum antirassisitschen Denken“. Er verwendet für dieses Phänomen einen Begriff: "'Tone Policing' meint eigentlich immer den move Menschen, die von egal welcher Form von Menschenfeindlichkeit betroffen sind, zu sagen, jetzt sei doch nicht so beleidigt oder nicht so wütend. Oder warum hast du das jetzt so formuliert? Und damit werden auch Leute eingeschüchtert. Gleichzeitig ist es wichtig, die Wut und den Zorn von betroffenen Menschen auch ernst zu nehmen. Und es ist okay, zornig und wütend zu sein. Es ist Meinungsfreiheit, lasst doch die Leute einfach sprechen und sich artikulieren, so wie sie es gut finden und das auch auszuhalten, das tut auch dem Diskurs ganz gut."

Den Diskurs aushalten – das scheint in der aktuellen Rassismus-Debatte eine gewaltige Herausforderung. Und so bleiben vielen von Rassismus Betroffenen als einziges Ventil nach wie vor ihre Social-Media-Kanäle, wenn sie mal wieder eine Drohmail erhalten, eine Wohnung nicht bekommen, im Supermarkt beleidigt oder sogar körperlich attackiert werden.

Mit einem Klick auf das Bild oben startet der Generator Podcast mit den Fragen: Welche Tiefe hat der Austausch über Rassismus in Deutschland? Sind wir innerhalb Deutschlands inhaltlich, politisch und gesellschaftlich weitergekommen? Welche Narrative beeinflussen das (Nicht-)Überwinden von Rassismus?

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