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Clubs und Kreative in der Krise Ein Jahr Livebranche im Ruhemodus - es ist kein Jahrestag zum Feiern

Ein Jubiläum sollte ein Grund zum Feiern sein. In diesem Fall ist es das Gegenteil. Seit einem Jahr gibt es in Deutschland keine Konzerte mehr, die Clubs, Hallen und Kulturzentren wurden auf unbestimmte Zeit geschlossen. Ein Stimmungsbild, das ernüchternd ist, aber auch Hoffnung zulässt.

Von: Matthias Hacker

Stand: 16.03.2021

Soloselbstständige demonstrieren vor dem Finanzministerium in Berlin | Bild: picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Der Münchner Elektro-Club Harry Klein am vergangenen Samstagabend: Draußen an der silberglänzenden Eingangstür hängt ein Zettel, darauf steht "Auf unbestimmte Zeit geschlossen". Aber drinnen wummern die Bässe. Das Harry Klein macht weiter Programm. Wo vor Corona die Partypeople auf der Tanzfläche ravten, stehen und hängen jetzt sieben fahrbare Kameras. Alle auf das DJ-Pult gerichtet. Heute an den Decks: Techno Urgestein Gregor Tresher. Gegenüber der Turntables, hinter der Bar, dort, wo früher die Gin Tonics und Moscow-Mules gemixt wurden, da mischen jetzt Techniker*innen den DJ-Livestream des Harry Klein auf Youtube, Facebook und Co.

„Ich finde es extrem wichtig, weil wir eben sichtbar bleiben möchten“, sagt Peter Fleming. Er ist Geschäftsführer vom Harry Klein, hat über 15 Jahre das Booking gemacht, jetzt steht er vor seinen zwei Bildschirmen und managt die Community. Jeder Kommentar unter dem Stream, bekommt von Peter ein Herzchen oder einen Daumen nach oben. „Früher sind die Leute nur in den Club gekommen und haben es da erlebt. Aber jetzt können sie, wie wenn sie einen Track bei Spotify streamen, das jetzt auch mit dem Livestream aus dem Club machen.“

„Der Cub ist einfach immer leer. Die Gäste sind nicht da und den DJs fehlt’s auch.“

Ein virtuelles DJ-Set im Club "Harry Klein"

Das Harry Klein ist wie die meisten Klubs- und Konzerthallen finanziell durch das Bayerische Spielstättenförderprogramm abgesichert. Davon werden die Fixkosten gezahlt. 30.000 Euro Monatsmiete, das Gehalt für die Mitarbeitenden in Kurzarbeit und die Gagen für die DJs. Vor genau einem Jahr hat Fleming den Klub zum letzten Mal für seine Gäste aufgesperrt. Dann war Schluss, wie für so viele Menschen in der Club-, Konzert- und Livebranche. Natürlich fehlt ihm das: „Der Club ist einfach immer leer. Die Gäste sind nicht da und den DJs fehlt das auch.“

Ähnlich geht es auch der soloselbstständigen Lichttechnikerin Lene Popp: „Von heute auf morgen wurde alles abgesagt, was im Kalender stand für das Jahr. Alle Einkünfte wurden auf einmal abgesagt.“ Lene Popps Terminkalender war vor einem Jahr noch gut gefüllt – etwa mit Lichtshows für Moop Mama. Bis heute herrscht bei ihr Auftragsflaute. Das letzte Jahr hat sie sich mit Aushilfsjobs über Wasser gehalten. Im Baumarkt Studentenjobs erledigt, auf dem Bau Betontreppen abgeschliffen. Bis heute packt sie Gemüsekisten, um Geld zu verdienen. Sie habe zwar jetzt ein paar Open-Air-Shows in Aussicht, aber fest zugesagt ist noch nichts.

Auch der Konzertveranstalterin Niko Strnad wurde vergangenen März sprichwörtlich der Stecker gezogen: „Ich habe gar nicht gecheckt, was das für Auswirkungen hat“, erzählt sie. „Dann habe ich erst begriffen: Mir geht’s total beschissen. Keiner kümmert sich um meine Branche. Sie wird nirgends erwähnt.“

Die Hoffnung richtete sich auf das Frühjahr 2021

Der Spießrutenlauf aus Absagen, Verschiebungen, Hygienekonzept entwerfen und wieder Konzerte absagen, geht damals erst los. Währenddessen heißt es Anträge und Formulare ausfüllen, um Hilfen zu bekommen. Ständig in der Ungewissheit, ob man überhaupt berechtigt ist. Und selbst wenn, dauert es lange, bis die Hilfen kommen. Die große Hoffnung richtet sich im Herbst voll und ganz auf das Frühjahr 2021. Sprich: Auf jetzt. Auf hohe Impfquoten und die Verfügbarkeit von Schnelltests. Auf gesunkene Inzidenzwerte. Aber nichts davon ist Realität. Es ist wie am Anfang der Pandemie, meint auch Lene Popp. „Es ist es halt frustrierend, weil überhaupt nichts planbar ist und aber andererseits auch keinerlei Aussicht auf Besserung gegeben ist. Gleichzeitig haben andere Branchen offensichtlich eine bessere Lobbyarbeit als die Kulturbranche.“ Je länger das alles dauere, umso schwieriger werde es, zu akzeptieren ein verzichtbarer Teil des gesellschaftlichen Lebens zu sein, meint die Lichttechnikerin.

Fehlende Lobbyarbeit für Künstler*innen

Die Lobbyarbeit ist ein wichtiges Stichwort. Erst im Sommer beginnen Künstler*innen und Soloselbständige sich zu organisieren, Demos anzumelden und ihren Protest in Form der Kampagne „Alarmstufe Rot“ auf die Straße zu bringen. In einem viralen Facebook-Video betont Till Brönner die Wirtschaftskraft der Branche. Erhard Grundl fordert damals in einem Zehn-Punkte-Plan zur Rettung der Veranstaltungsbranche unter anderem mehr Dialog und einen Rettungsschirm. Erhard Grundl ist der kulturpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag. Sein Wahlkreis liegt in Niederbayern. Rückblickend zieht er eine ernüchternde Bilanz und kritisiert, dass man von Regierungsseite aus keinerlei Pläne geschmiedet habe, wie man wieder öffnen könnte. Erhard Grundl benennt das Grundproblem: „Dass viel versprochen worden ist und sich das meiste dann doch in Schall und Rauch aufgelöst hat.“ Grundl sieht allerdings auch einen Weg, wie man Veranstaltungen wieder möglich machen könnte. Er stellt sich zwei Lanes, also Spuren, vor: „Das eine sind die Geimpften, das andere, die, die den Schnelltest machen, wenn sie eine Veranstaltung wollen. Das glaube ich, ist eine mögliche Strategie. Impfungen und Schnelltests zusammengedacht. Das könnte die Möglichkeit sein, Veranstaltungen wieder durchzuführen.“

Die Hilfen müssen weiterlaufen

Erhard Grundl im Bundestag in Berlin

Das hat die Regierung bisher verpennt, kritisiert Erhard Grundl. Die Hilfen müssen auf alle Fälle weiterlaufen. Das tun sie auch. Das Soloselbstständigenprogramm für Künstler*innen läuft weiter. Seit gestern kann man endlich wieder Anträge stellen. Dabei berät Andreas Klenke viele Musiker*innen und Kreative im Großraum Nürnberg. Er arbeitet bei der Musikzentrale MUZ. Neben dem Muz Club gehört dazu auch eine Beratungs- und Anlaufstelle. Für die kommenden schwierigen Monate fordert er: „Akzeptanz von kleinteiligen Konzepten, Akzeptanz von Unprofessionalität, Akzeptanz von unabhängigen Akteur*innen. Dass eben auch Leute kommen können und sagen: Liebe Stadt, liebe Gemeindeverwaltung, wir haben hier folgende Idee.“

Ein Jahr Livebranche im Ruhemodus. Es ist kein Jahrestag zum Feiern. Die meisten Betroffenen stehen immer noch so da, wie zu Beginn der Pandemie. Nur, dass die Energie und auch die Reserven schwinden. Aber: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Irgendwann wird die Show weitergehen – hoffentlich bald. So lange läuft der Livestream im Harry Klein, so lange packt die Lichttechnikerin Lene Popp eben Gemüsekisten, so lange verschiebt Niko Strnad ihre Konzerte. Ihr Fazit: „Ich geh fest davon aus, dass es bald ein Nach-der-Pandemie gibt, vielleicht sogar besser als davor. Es wird ja jetzt auch viel genetzwerkt und ich freu mich darauf. Ich freu mich unglaublich darauf.“


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